Von Roland Zorn, Göteborg
17. März 2008 Göteborg soll zur vorläufigen Krönung werden. In Schwedens zweitgrößter Stadt können, wenn die Vorzeichen nicht trügen, Aljona Sawtschenko und Robin Szolkowy am Mittwochabend erstmals Eiskunstlaufweltmeister werden. Sie sind so gut wie noch nie“, hat ihr Trainer Ingo Steuer vor dem Beginn des Paarlauf-Wettkampfs an diesem Dienstagabend gesagt, ich musste sie auf dem Eis zuletzt fast bremsen.“
Wenn die beiden Chemnitzer tatsächlich den zweithöchsten Gipfel bestiegen (was dann noch fehlte, wäre ein Olympiasieg), schaut anders als bei früheren Traumpaaren nicht mehr halb Deutschland zu. Der Eiskunstlauf ist ein Fall für einen Spartensender geworden: Eurosport überträgt ausdauernd und live wie seit Jahren; ARD und ZDF blenden sich, auch das nichts Neues mehr, aus. Wenigstens der Mitteldeutsche Rundfunk erbarmt sich und wird die erste Entscheidung der WM per Aufzeichnung am Mittwoch kurz vor Mitternacht nachliefern.
Tut sich da was im Verborgenen?
Im tiefen Schatten der Überflieger Sawtschenko/Szolkowy ist die Deutsche Eislauf-Union (DEU) auf der Suche nach dem qualitativen Sprung nach vorn. In Göteborg präsentiert sich eines der Traditionsländer dieses Sports mit einem Miniteam: ein Paar, eine Dame, ein Herr, ein Tanzpaar, das muss fürs Erste genügen. Tut es aber nicht, da die Ansprüche höher sind und die Sehnsucht nach weiteren deutschen Kunstlauf-Protagonisten lebt.
Tut sich da was im Verborgenen? Bei der WM im verschneiten Göteborg wären Annette Dytrt, Peter Liebers und die Tänzer Nelli Ziganschina und Alexander Gazsi schon froh, das Kür-Finale mit jeweils 24 Startern zu erreichen. Kleine Erfolge motivieren zum Weitermachen“, sagt Udo Dönsdorf, seit 1999 Sportdirektor der DEU. Der 55 Jahre alte Rheinländer hat schwere Jahre im Dienste eines krisengeschüttelten Verbandes hinter sich, der zuletzt sogar um seine wirtschaftliche Überlebensfähigkeit kämpfen musste.
Tagesereignisse ohne Nachhaltigkeit
Dabei gab es noch vor vier Jahren bei der WM in Dortmund zwei große deutsche Momente, die auf Perspektiven deuteten: Stefan Lindemann und das Tanzpaar Winkler/Lohse wurden jeweils als Dritte ihrer Konkurrenz in der ausverkauften Westfalenhalle gefeiert. Tagesereignisse, die auf keinerlei Nachhaltigkeit schließen ließen.
Heute können Dönsdorf und seine wenigen Mitstreiter in der Münchner DEU-Zentrale froh sein, dass die frühere Paarlauf-Juniorenweltmeisterin Aljona Sawtschenko vor fünf Jahren nach Deutschland kam und dort in Robin Szolkowy einen Partner fand, der den Paarlauf erst seitdem als Chance, mehr über sich und den Spitzensport zu erfahren, begriff. Die beiden, angeleitet von Steuer, dem Paarlauf-Weltmeister von 1997, bilden, sportlich gesehen, eine Chemnitzer Insel inmitten einer in Deutschland vom Absaufen bedrohten Sportart. Den Erfolg dieser autonomen Arbeitsgemeinschaft an der Eiskunst kann sich die DEU nur deshalb mit anrechnen lassen, weil sie das Einbürgerungsverfahren für die Ukrainerin Sawtschenko auf den Weg brachte und beschleunigen half.
Wir sind im Umbruch
Worauf der Verband ohne weitere Spitzenläufer derzeit setzt, sind ein paar Talente wie die deutsche Meisterin Sarah Hecken, die bei der Junioren-WM Achte und bei der deutschen Meisterschaft Erste wurde. Bei der großen“ WM darf die mit 14 noch zu junge Mannheimerin erst im kommenden Jahr dabei sein. Sarah Hecken muss aber wie die ähnlich begabte 13 Jahre alte Dortmunderin Isabell Drescher erst einmal die Pubertät hinter sich bringen, ehe man Genaueres über ihre Karrierechance sagen kann. In Mannheim versprach die 2002 gerade 15 Jahre alte Katharina Häcker auch einmal mehr, als sie den deutschen Titel erst- und letztmalig gewann.
Immerhin glaubt die DEU mal wieder, ein Konzept gefunden zu haben, Talente auf dem Eis mit speziellen Athletenverträgen halten und fördern zu können. Man setzt auf Regionalisierung und Zentralisierung zugleich. Will heißen, die DEU sucht den Schulterschluss mit den Landesverbänden und ihren Eiszentren und stärkt zugleich das Prinzip der Hauptamtlichkeit. Inzwischen arbeitet Lindemanns frühere Trainerin Ilona Schindler als Bundesnachwuchstrainerin.
René Lohse als Trainer eingeplant
Ihr und Dönsdorf zur Seite steht seit kurzem der ehemalige Schindler-Schüler Daniel Wandersleb als Leistungssportreferent. Dieses Trio lässt sich nicht nur an den Bundesstützpunkten Chemnitz, Berlin und Dortmund blicken, es fasst auch den Ausbildungsplatz Mannheim oder die Subzentren Stuttgart, München und Oberstdorf ins Auge. Demnächst soll sich die Berlinerin Romy Oesterreich, die einmal eine Paarläuferin von Weltklasse war, darum bemühen, für die Zeit nach Sawtschenko/Szolkowy neue Kombinationen für diese nicht ganz ungefährliche Disziplin zusammenzustellen.
Im Eistanz, wo es an jungen Paaren mit guter Grundqualität nicht mangelt, ist René Lohse, einst Meisterschüler von Martin Skotnicky, als kommender Disziplintrainer und Nachfolger des 2010 in Rente gehenden Slowaken eingeplant. Wir sind im Umbruch“, beschreibt Dönsdorf die Gemengelage, wir wollen für mehr Beharrlichkeit und Kontinuität sorgen.“ Und weil der deutsche Eiskunstlauf weit vor Sawtschenko/Szolkowy Triumphe und Erfolge in Serie feierte, möchte die DEU demnächst auch einen Förderverein gründen, aus dem heraus frühere Spitzenläufer Talente von heute unterstützen sollen. Eine Katarina Witt, einen Norbert Schramm, einen Rudi Cerne wieder näher an den Verband heranzuführen könnte sich lohnen – auch im Blick auf die derzeit fehlenden Sponsoren in einer spektakulären Sportart, die auf Dauer wieder herauskommen will aus ihrer grauen Nische.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, REUTERS