Von Marc Heinrich, Köln
11. November 2007 Seit sich Uwe Krupp als Bundestrainer um die deutschen Eishockey-Nationalspieler kümmert, geht es mit dem Team mächtig aufwärts. Im Interview spricht der frühere NHL-Star über mutige Ziele, persönliche Perspektiven und das Talent seines Sohnes.
Wer Sie im Kreis der Nationalmannschaft sieht, kann Sie auf den ersten Blick leicht mit einem Spieler verwechseln. Sie sehen immer noch so kräftig und fit aus, wie zur aktiven Zeit. Wie geht das?
Das täuscht, keine Angst. Auch ich altere. Im Sommer habe ich nur viel gemacht mit Kumpels, die heute in der NHL spielen. Rund zwanzig von ihnen wohnen im Großraum Los Angeles, wo wir neuerdings auch eine Wohnung haben. Wir haben gemeinsam trainiert, sind gelaufen, waren im Fitnessstudio, haben Beachvolleyball und mittags in 3er-Teams Eishockey gespielt. Nur mein Gewicht ist noch immer das gleiche wie zu Profizeiten.
Lob für die Auftritte beim Deutschland-Cup, zuletzt erstmals seit mehr als zwei Jahrzehnten in Tschechien gewonnen, bei der WM gut mit der Weltelite mitgehalten – als Eishockey-Bundestrainer lässt es sich im Augenblick gut leben, oder?
Lassen Sie es mich so sagen: Wenn heute die Sonne scheint und man morgen in Badehosen vor die Tür tritt, riskiert man, sich zu erkälten. Man sollte immer den Wetterbericht hören – und das ist mein Job. Sich auf dem in der Vergangenheit Erreichten auszuruhen, wäre fatal für eine deutsche Eishockey-Nationalmannschaft. Sicherlich ist viel Gutes passiert in den zurückliegenden Monaten, doch wir sind noch längst nicht dort, wo wir hinwollen.
Wohin wollen Sie?
Auch wir wollen irgendwann einmal Weltmeister werden.
Meinen Sie das ernst?
Klar, das ist die Perspektive, mit der wir uns alle an die Arbeit machen. Es mag zwar etwas gewagt klingen, doch wir sind soweit, dass wir uns nur noch die höchsten Ziele setzen. Im Augenblick stehen wir je nach Berechnung auf Rang zehn oder elf der Weltrangliste. Aber wir versuchen, den Abstand zu den Topnationen immer weiter zu verringern. Das geht nicht von heute auf morgen – langfristig können wir es aber schaffen.
Bei der WM 2008 in Kanada kann es bei den Gruppengegnern Finnland, Slowakei und Norwegen jedoch wieder nur um den Klassenverbleib gehen.
Natürlich. Für uns ist entscheidend, dass wir im richtigen Moment unser Potential abrufen. Dann schlagen wir die Gegner, die man schlagen muss, um das A-Level zu halten. Mit Glück ist vielleicht auch eine Überraschung möglich.
Vor einem Jahr haben Sie den Fitnesszustand deutscher Führungsspieler massiv beklagt. Hat sich seitdem die Situation gebessert?
Ja. Alle Tests, die wir zuletzt gemacht haben, belegten, dass die Werte vernünftiger geworden sind. Spätestens seit damals hat jeder, der sich leise Hoffnungen auf die Nationalmannschaft macht, kapiert: Wer von mir berufen werden möchte, muss topfit sein. Mir war wichtig, deutlich zu machen, dass sich die Vereine besser um ihre Profis kümmern müssen. Es reicht nicht, zu sagen: So, hier habt ihr einen Sommer-Trainingsplan, nun macht mal schön und ab in die Ferien! Das ist unprofessionell, aber oft ein Resultat der vielen Neunmonatsverträge, die es in der Deutschen Eishockey Liga (DEL) gibt. Es mag den einen oder anderen Profi geben, der sich individuell bestens vorbereitet - doch das ist die Ausnahme, wie ich aus eigener Erfahrung weiß. Auch ich brauchte den Druck, sonst hätte ich auch nur das Nötigste gemacht. Dabei habe ich gelernt: gerade in der Pause muss man das maximal Mögliche machen, um seinen Körper auf die lange Saison vorzubereiten.
Reizt Sie ein Job in der DEL?
Ja. Das Interessante an der Aufgabe eines Trainers ist sicher die tägliche Arbeit, das Beobachten, wie sich etwas entwickelt. Zwei-, dreitägige Lehrgänge mit der Nationalmannschaft sind immer auch Crashkurse, da muss alles ganz schnell gehen. Ich habe gemerkt, dass mir beim Coachen besonders der Aspekt der Ausbildung gefällt, zu sehen, wie ich jungen Spielern Ideale und Lebenseinstellungen zum Sport vermitteln kann. Deswegen muss es später nicht unbedingt die DEL oder die NHL sein, sondern vielleicht wird es auch eine Anstellung im Jugendbereich.
In der DEL sorgen in dieser Saison mehr denn junge einheimische Akteure für Aufsehen. Ist das für Sie eine Bestätigung?
Auf jeden Fall. Wir haben diese Entwicklung ja mit angeschoben. In der Nationalmannschaft haben die Spieler zeigen können, was in ihnen steckt, wenn man ihnen Vertrauen schenkt. Das freut mich natürlich, dass man das in den Vereinen nun auch merkt. Ein Yannick Seidenberg oder ein Michael Wolf haben sich ja nicht ohne Grund in der Scorerliste der DEL ganz nach oben gespielt. Generell sind alle Nationalspieler dabei, sich in ihren Klubs zu Leistungsträgern zu entwickeln.
Fühlen Sie sich von den DEL-Klubs grundsätzlich gut verstanden? Sie haben sich für eine Verkleinerung der Liga ausgesprochen – stattdessen wurde aufgestockt.
Sicher sind die Erwartungen auf beiden Seiten unterschiedlich. Doch die Kommunikation stimmt. Unsere Vorschläge sind schon umgesetzt worden, zum Beispiel bei der Reduzierung der Ausländerlizenzen. Die Liga bewegt sich in die richtige Richtung. Die Jugendarbeit wird professionalisiert. Jeder Klub wird bald 150 000 Euro jährlich in den Nachwuchs stecken müssen – und wer nicht mitmacht, kann ab 2013 die Lizenz verlieren. Das sind Fortschritte.
Ihr Sohn ist dabei, in Ihre Fußstapfen zu treten. Er gehört zu den besonders talentierten Nachwuchsspielern in den Vereinigten Staaten. Gibt es die Chance, dass die Fans irgendwann wieder einen Krupp in der NHL spielen sehen?
Abwarten! Björn ist jetzt 16 und hat erst vor fünf Jahren mit dem Eishockey begonnen. Dafür ist er unglaublich gut. In seinem Jahrgang ist er einer von acht Verteidigern, die mit der U 17“ des amerikanischen Verbandes an einer zweijährigen Ausbildung teilnehmen dürfen. Ich habe mir mit ihm ein Appartement in Detroit gemietet, damit wir so viel Zeit wie möglich gemeinsam verbringen und ich ihn betreuen kann. Der Wettbewerb in diesem National Development Program“ ist verdammt hart, aber er macht seine Sache super. Das macht mich stolz.
Das Gespräch führte Marc Heinrich.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa