27. Dezember 2006 Jens Weißflog spricht im Interview mit der F.A.Z. über vernachlässigte Talente, Trainer ohne Anreize und das verschwundene Lächeln im deutschen Team für die Vierschanzentournee. Seine Nachfolger sieht er von der Weltspitze weit entfernt.
Sie haben in den vergangenen Wochen immer wieder die deutschen Springer heftig kritisiert, zum Beispiel, sie hätten keinen Siegeswillen. Was stört Sie am meisten?
Es ging im Prinzip darum, ob die Skispringer den Anschluß an die technischen Neuerungen und Regeländerungen verpaßt haben. Aber bei den letzten beiden Springen in Engelberg sah man zum erstenmal ein bißchen etwas Neues auch bei den Deutschen. Das Hauptproblem in den vergangenen beiden Jahren - und darüber reden wir seit der WM 2005 in Oberstdorf - sind der Ski-Anstellwinkel in der Luft und die Körpervorlage. Da ist man jetzt wohl auf einem guten Weg - aber immer noch entfernt von der Weltspitze.
Die Kritik, nicht nur von Ihnen, müssen die Verantwortlichen ja auch gehört haben. Warum ändert sich erst jetzt etwas?
Teilweise dauert es so lange, bis man die Wirkung sieht. Andererseits erreicht man manchmal mit dem, was man ausprobiert, auch nicht das entsprechende Ziel und muß wieder verändern. Ich muß aber auch fragen: Ist jeder in der Lage, ein Spitzenspringer zu werden oder zu sein? Ist jeder ein Adam Malysz, ein Janne Ahonen?
Die aktuellen deutschen Springer sicher nicht. Aber warum sind sie nicht nur von der Spitze, sondern auch von den Rängen um zehn weit entfernt?
Solche Springer gibt es ja aber bei den anderen auch, bei den Finnen, bei den Schweizern. Vielleicht bilden die Österreicher im Moment eine Ausnahme, was die kompakten Mannschaftsergebnisse angeht. Die Schweizer Andreas Küttel und Simon Ammann (der Führende im Weltcup/die Redaktion) haben sich gemeinsam hochgezogen. So ein Mann fehlt bei uns, der in der Lage ist, ganz vorne reinzuspringen. Ich denke, dann hebt sich auch das Niveau insgesamt in der Mannschaft, weil die im tagtäglichen Training eine Orientierung hat.
Sind die deutschen Springer von ihren Voraussetzungen her nicht in der Lage, sich schnell auf veränderte Bedingungen einzustellen?
Ja, das meine ich. Aber es kann ja auch nicht jeder ein Weltspitzenmann sein.
Viele Regeländerungen haben in den vergangenen Jahren das Skispringen beeinflußt. Sie haben in Ihrer Karriere auch einschneidende Neuerungen bewältigt, unter anderem die Umstellung auf den V-Stil. Wie schafft ein Springer solche Veränderungen?
Das größte Problem ist, daß dadurch das Erlernte, das Fluggefühl, das man einmal hatte, durcheinandergerät. Man muß den Sprung verändern, um wieder zu einem ähnlichen Gefühl zu kommen - zum Gefühl, daß einen die Luft trägt, daß man mit der Luft etwas machen kann.
Radfahren verlernt man doch auch nicht - warum ist das beim Skispringen so schwierig?
Das hat mit Leistung zu tun. Man ist nur leistungsfähig, wenn man gut in Form ist. Rudi Altig kann zwar immer noch Radfahren, aber wird nicht mehr die Tour de France bestreiten können, Franz Klammer wird die Streif nicht mehr so runterfahren wie 1976.

"Es ist mir fast ein Wunder, daß es Martin Schmitt schon seit längerer Zeit nicht schafft, sich aus dem Tief zu kämpfen"
Sie haben sich in Ihrer Karriere mindestens zweimal aus extremen Tiefs wieder hochgekämpft und wissen, was das heißt. Können Sie sich erklären, warum es aktuell deutsche Skispringer gibt, die das offensichtlich nicht schaffen?
Wenn Sie ganz speziell auf Martin Schmitt abzielen, dann ist es mir fast ein Wunder, daß er es schon seit längerer Zeit nicht schafft. Er ist aber jetzt wohl auf einem stabileren Weg als vergangenes Jahr. Bei ihm waren es ja auch Knieprobleme, dann kamen die Regeländerungen fast jährlich, mehr als zu meiner Zeit. Er mußte sich also kontinuierlich etwas Neues erarbeiten. Aber es gibt natürlich auch Gegenbeispiele, wie Ammann, das neueste Beispiel für einen, der nach einem Tief wieder vorne ist. Deshalb bleibt mir Schmitt schon ein Rätsel.
Martin Schmitt hat trotz aller gutgemeinten Ratschläge nicht aufgegeben. Hätten Sie ihm geraten, die Karriere zu beenden?

Weißflog kritisiert Bundestrainer Rohwein: "Es gibt Situationen, wo man sich mal ein Lächeln abringen kann"
Nein, solange einer Spaß dran hat und sich das antun will, würde ich sagen: weitermachen. Aber es ist sicher ein harter Weg, den er bestreitet. Da muß man schon besonders viel Kraft haben, sich derartig zu kasteien. Auch die Kritik von außen ständig zu ertragen: Ich weiß nicht, ob ich das so lange mitgemacht hätte.
Und warum ist etwa ein Georg Späth, der ja einmal viel weiter vorne plaziert war, jetzt so weit zurückgefallen?
Das war ja damals unter ganz anderen Umständen, mit anderen Anzügen.
Was muß ein Springer also haben, um nach einem Tief wieder an die Spitze zu kommen?
Das sind nicht nur einzelne Dinge, die zur Leistung führen, also nicht nur das Material oder nur meine Physis. Es hat genauso mit dem Kopf zu tun. Manchmal kann es eine Initialzündung sein aus ein paar gelungenen Sprüngen, nach denen ich weiß: Aha, das ist es jetzt. Plötzlich habe ich das Gefühl für den Bewegungsablauf wiedererlangt. Das hat natürlich viel mit Selbstvertrauen zu tun. Es hilft, wenn man sich nicht mehr so viele Gedanken machen muß über alles und jedes, sondern sich auf weniger konzentrieren kann. Das ist die große Kunst dabei.
Warum gibt es in Deutschland nur alle zehn Jahre einen Spitzenspringer wie Weißflog, Hannawald, Schmitt?
Na ja, da haben wir ja jetzt bis zum nächsten wohl noch sieben Jahre Wartezeit. Aber ernsthaft: Die deutsche Erfolgsserie dauerte rund zehn Jahre. Ich hoffe, daß wir jetzt nicht ein Tal von zehn Jahren haben.
Haben wir weniger Talente, oder findet man sie nicht?
Die Voraussetzungen im unteren Bereich sind einfach zu schlecht. Jetzt hat man zwar einen Nachwuchsbeauftragten im Deutschen Skiverband eingesetzt, aber das hätte auch schon vor acht oder zehn Jahren passieren können. Es sind Strukturprobleme.
Woran fehlt es?
Es fehlt hauptsächlich an Geld. An Geld für Material, auch grundsätzlich, um den Sport so zu gestalten, daß man auch Kinder länger bei der Stange halten kann, ohne daß es immer nur auf den Beutel der Eltern geht.
Fehlen auch Trainer?
Es ist ein Problem, daß die Trainer im unteren Bereich meist nur ehrenamtlich tätig sind. In einem Hauptamt haben sie dann oft nur eine Förderung über eine ABM-Maßnahme für ein Jahr - wer will so seine Familie ernähren? Damit kann man keine jungen Leute begeistern. In keiner Sportart kann man im unteren Bereich richtig Geld verdienen. Aber gerade im Ehrenamt werden kaum Anreize gesetzt.
In einigen Stützpunkten sind jetzt österreichische Trainer beschäftigt, auch Martin Schmitt trainiert mit einem Österreicher. Sind sie besser als deutsche Trainer?
Die Österreicher haben immer wieder versucht, ehemalige Aktive ins Trainersystem einzubinden. Das müssen nicht unbedingt die Spitzenleute gewesen sein. Das wird bei uns zu wenig gemacht. In Thüringen haben wir jetzt mit Ralph Gebstedt und Ronny Hornschuh zwei Leute, die in diesen Bereichen arbeiten. Aber wenn wir über die Österreicher Heinz Kuttin und Stefan Horngacher sprechen: Das waren auch Leute, die schon im Spitzenbereich tätig waren, entweder als Co-Trainer der Nationalmannschaft oder als Nationaltrainer. Die Frage ist: Sind die Trainerstrukturen bei uns entsprechend, ist die Weiterbildung auch an der Basis gewährleistet?
Glauben Sie, daß ein Ausländer an der Spitze der deutschen Skispringer mehr bewirken könnte als der derzeitige Bundestrainer Peter Rohwein?
Ich kann welcher Trainer auch immer sein, wenn ich bei den Springern das sportliche Potential nicht vorfinde. Im Moment sehe ich das bei den Deutschen nicht. Das habe ich schon vor zwei Jahren gesagt: ein Uhrmann, ein Späth sind zu Spitzenplätzen mal in der Lage, aber sie sind eben nicht beständig. Uhrmann war im vergangenen Jahr zu Beginn der Tournee nahe dran, bei der Tournee kam dann der Einbruch.
Was können Sie anbieten an persönlicher Mitarbeit?
Mir ging es schon vor Jahren darum, den Skisprungboom so zu nutzen, daß er dauerhaft Erfolg bringen kann für die Sportart. Und das ist auf alle Fälle verpaßt worden. Seit diesem Jahr erst gibt es den Nachwuchsbeauftragten. Freilich war Reinhard Heß, nachdem er als Bundestrainer abgelöst worden war, auch für den Nachwuchs zuständig. Aber es gab zuwenig Bindung zwischen Deutschem Skiverband und den Landesskiverbänden beziehungsweise den Vereinen. Es gab immer die Aussage im DSV: Nachwuchsentwicklung ist Sache der Landesverbände - aber das kann einfach nicht sein. Nachwuchsentwicklung muß auch Sache des Skiverbandes im allgemeinen sein, der nicht nur für den Spitzenbereich zuständig sein kann. Diese Struktur muß durchgängig sein.
Haben Sie sich überlegt, Trainer zu sein?
Nein, ich habe die Ausbildung nicht und habe auch genügend andere Dinge zu tun, als mich jetzt in Köln auf die Schulbank zu setzen. Mir geht es eher um allgemeine Dinge: Man hätte schon zu diesen Boomzeiten ein anständiges Nachwuchsprogramm aufstellen müssen. Leichter geht es ja nun nicht, als wenn ich die Millionen an den Fernsehschirmen und bei Veranstaltungen habe und über diese Euphorie Kinder fürs Skispringen gewinnen kann. Das ist nur punktuell passiert, in Hinterzarten und generell in der Schwarzwaldregion. In den neuen Ländern hat man davon überhaupt nichts gemerkt, weil es keine Angebote gab. Die Probleme, die in den meisten Trainingszentren bestanden, haben sich durch den Boom nicht verändert.
Können wir trotz allem hoffen, daß irgendwann mal wieder so ein Talent wie Weißflog oder Hannawald auftaucht?
Die Decke ist wirklich dünn. Wenn man sich die Ergebnisse der zweiten Reihe anschaut, die seit Jahren nicht so toll ist, dann müßte es einen großen Knaller geben, damit es passiert.
An wen richten sich Ihre Vorwürfe?
An den DSV. Die Gelder, die dort eingenommen wurden über Fernsehverträge, hätten nach unten weiterfließen müssen in strukturelle Programme. Ich will nicht sagen, daß nichts gemacht wurde. Es wurden aber viele Großprojekte realisiert wie Schanzen in Willingen oder in Titisee-Neustadt. Und die kommen dem Nachwuchs erst zugute, wenn er in der Spitze ist.
Sie haben zuletzt auch das Auftreten von Peter Rohwein kritisiert, er sei zu verschlossen, zu negativ. Haben die von ihm daraufhin angekündigten Gespräche schon stattgefunden?
Nein, es wird sich sicherlich im Rahmen der nächsten Skispringen ergeben.
Was sind ganz konkret Ihre Kritikpunkte?
Ähnlich wie Dieter Thoma denke ich manchmal, man ist nicht willkommen. Freilich verlange ich nicht, daß einer freudestrahlend rumrennt, wenn die Plazierungen nicht so sind. Aber es gibt Situationen wie im Sommer im Training, wo man sich mal ein Lächeln abringen kann, wenn der andere auftaucht.
Bezieht sich das auch auf seinen Umgang mit den Springern?
Nein, den will ich gar nicht beurteilen.
Der DSV hat vor sechs Jahren einen "Sportbeirat" mit ehemaligen Aktiven ins Leben gerufen, darunter auch Sie. Gibt es den Beirat noch, und wie arbeitet er?
Ich weiß nicht, ob er noch existiert. Ich war ein paarmal zu Sitzungen, die aber sehr alpinlastig waren. So etwas muß man spezialisieren. Dann müssen sich Trainer, Verantwortliche und vielleicht Experten einer Sportart zusammensetzen und nicht ressortübergreifend.
Wie sinnvoll ist es, neue große Schanzen zu bauen?
Ich denke, wir haben das Ende der Fahnenstange in Deutschland erreicht. Wir haben genügend große Anlagen, aber das Problem in den Regionen, daß niemand darauf springt. Die Anlagen für die Jugend in Ordnung zu halten hat bei den Vereinen Mittel aufgefressen, die in der sportlichen Arbeit fehlen.
In ein paar Tagen beginnt die Vierschanzentournee, der erste Höhepunkt des Skisprung-Winters. Sehen Sie schwarz für die deutschen Athleten?
Seit dem letzten Wettkampf in Engelberg eigentlich nicht mehr. Es waren ein paar Ansätze da. Die Leistungen insgesamt waren näher dran an der Spitze. Schmitt zeigt mittlerweile ein Potential, das für eine Plazierung um 15 reicht, letztes Jahr ist er teilweise in der Qualifikation gescheitert. Ich wünsche, daß die Anstrengungen belohnt werden und daß die Ergebnisse so sind, daß die Skispringer selbst und die Fans damit leben können.
Das Gespräch führte Christiane Moravetz.
Text: F.A.Z. vom 27. Dezember 2006
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