Snowboard

Mit ungleichen Waffen

Von Michael Eder, Saas-Fee

Halfpipe: die Königsdisziplin des Snowboardens

Halfpipe: die Königsdisziplin des Snowboardens

12. November 2009 Für Kenner des Wintersports hier die Hunderttausend-Euro-Frage: In welcher Disziplin, die im Februar in Vancouver zum vierten Mal olympisch ist, gibt es in Deutschland weder eine Trainingsstätte noch eine deutsche Meisterschaft noch auch nur einen einzigen Wettkampf? Richtige Antwort: Halfpipe, die Königsdisziplin des Snowboardens. Wenn man diese Bedingungen sieht, so ist es fast ein Wunder, dass es zwei deutsche Halfpipe-Fahrer gibt, die in diesem Winter um die Qualifikation für die Olympischen Spiele in Vancouver kämpfen. Sie tun es im Vergleich mit der internationalen Konkurrenz mit ungleichen Waffen.

Vergangene Woche standen Christophe Schmidt und Ethan Morgan auf dem Gletscher in Saas-Fee und kämpften im Weltcup um ihre Chance. Morgan, ein 18 Jahre alter Deutschamerikaner aus Mittenwald, scheiterte in der Qualifikation; der 26 Jahre alte Schmidt, der am Spitzingsee zu Hause ist, landete auf Rang zehn und hat damit, trotz einer langen Verletzungspause Anfang des Jahres, die halbe Qualifikation für Vancouver geschafft. Ein weiterer Platz unter den besten zwölf beim nächsten Weltcup in Kreischberg würde ihm für Vancouver reichen. Auch Morgan hofft noch auf Olympia, dafür müsste er in Kreischberg aber einen ganz besonderen Tag erwischen.

Wie Don Quijote kämpft Timm Stade für eine Halfpipe

Christophe Schmidt: die halbe Qualifikation für Vancouver geschafft

Christophe Schmidt: die halbe Qualifikation für Vancouver geschafft

Schmidt und Morgan sind alles, was der Deutsche Snowboardverband in der Disziplin Halfpipe aufzubieten hat. Eine Mini-Nationalmannschaft mit eigenem Trainer - und mangels Trainingsmöglichkeit im eigenen Land ständig unterwegs. 500.000 Meilen hat Schmidt auf seinem Miles & More-Konto, auf mehr als 100.000 Flugmeilen hat es Morgan in diesem Jahr schon gebracht. Den deutschen Verband, der über einen Etat von 1,1 Millionen Euro verfügt, kommt das alles teuer zu stehen. Aber er hat keine Wahl.

Wie Don Quijote kämpft Sportdirektor Timm Stade seit fünf Jahren um eine Trainingsanlage im Lande - ohne Erfolg. „Es ist eine traurige Situation“, sagt er. „Bei Olympia in Turin hatten wir noch vier Starter, Christophe Schmidt war Achter, Vinzenz Lüps Neunter, danach sind uns die Fahrer wie Sand in den Händen zerronnen. Nur in einem Fall ist es uns mit Ethan Morgan gelungen, einen jungen Fahrer zu entwickeln, aber er hat auch selbst viel dazu beigetragen, auch finanziell.“ Morgan musste angesichts der ständigen Reisen das Sportgymnasium in Garmisch verlassen, er lernt jetzt unterwegs auf Anleitung einer amerikanischen Internetschule auf dem Niveau der zehnten Klasse und hofft, auf diesem Weg einen Abschluss zu schaffen, der dem Abitur entspricht.

Die führenden Nationen haben „Bagjumps“

Vor zwei Wochen sind Schmidt, Morgan und Verbandstrainer David Selbach für eine Woche nach Cardrona in Neuseeland geflogen, um dort auf einer Anlage zu trainiere, wie es sie in Europa noch nicht gibt - oder nur im internen Zirkel etwa der Schweizer Nationalmannschaft. „Eine Woche Neuseeland“, sagt Stade, „das ist eine verrückte Sache, aber wir mussten das machen, um die Defizite daheim auszugleichen.“

Mit dem Kurztrip nach Cardrona reagierten die deutschen Halfpipefahrer auf eine Entwicklung, die Olympiasieger Shaun White ausgelöst hat. Der amerikanische Superstar hatte in seiner Privatpipe, die ihm Sponsoren in den Rocky Mountains auf 3700 Meter Höhe gebaut hatten, während des Frühjahrs im Geheimen neue Tricks kreiert: sogenannte Double Corks, spektakuläre Sprünge, bei denen sich die Rotationen in der Achse verschieben, wodurch eine neue Dynamik und Ästhetik entsteht. Diese Sprünge, die auf großen Schanzen wie beim Air & Style in München schon einmal zu sehen waren, galten bislang in der Halfpipe als unfahrbar. Um sie zu trainieren, hatte sich White in seiner Pipe eine Schnitzelgrube anlegen lassen, wie man sie vom Training der Kunstturner kennt. Über den Sommer schaffte er es, die Double Corks in der Pipe zu beherrschen - eine Sensation in der Szene, die alle Konkurrenten vor Olympia in Zugzwang brachte.

Fehlende politische Unterstützung fürs Snowboarden

Die neben den Amerikanern führenden Halfpipe-Nationen Japan, Schweiz, Finnland, Kanada, Frankreich und China überschlugen sich nun im Versuch, den Rückstand aufzuholen. Statt auf Schnitzelgruben setzten sie auf fünf Meter hohe, 15 auf 15 Meter große und 25.000 Euro teure „Bagjumps“. Diese riesigen Luftkissen, die aus der Stuntszene kommen, dienen den Snowboardern als Lebensversicherung beim Training der extrem gefährlichen neuen Sprünge, die in der überdimensionalen Olympia-Pipe von Vancouver eine Höhe von mehr als zwölf Metern über dem „flat“, dem Boden der Halfpipe, erreichen werden. Schmidt und Morgan haben sich in Neuseeland zusammen mit den Japanern eine Woche mit dem „Bagjump“ an den Neuerungen versucht, in den Schnee haben sie ein Double Cork noch nicht gesetzt. Bis Olympia wollen sie so weit sein.

500.000 Meilen hat Schmidt auf seinem Miles & More-Konto

500.000 Meilen hat Schmidt auf seinem Miles & More-Konto

Während Schmidt und Morgan um die Welt reisen, kämpft Sportdirektor Stade seit fünf Jahren um eine Halfpipe in Deutschland. „Die Sportförderung des Bundes“, sagt er, „hat uns immer die Möglichkeiten geboten, eine Halfpipe zu fördern, das Problem liegt darin, dass wir zur Finanzierung neben dem Bund weitere Partner brauchen.“ Land, Kommune, Liftbetreiber - sie müssten 40 Prozent der 1,2 bis 1,5 Millionen Euro beisteuern, die eine Halfpipe samt Flutlichtanlage kostet. Stade hat es vielerorts versucht: in Berchtesgaden am Götschen, am Oberjoch, in Grasgehren und am Söllereck im Allgäu - überall fehlte es an Geld und Bereitschaft, oder ein Grundstücksbesitzer wollte nicht verkaufen, oder der Bayerische Bergwaldbeschluss samt Forstamt sprachen gegen das Projekt, oder die Untere Naturschutzbehörde machte Einwände geltend. „Wenn man auf solche Widerstände trifft“, sagt Stade, „dann muss man in Bayern ganz oben anklopfen und Zutritt bekommen. Das klappt bei uns Snowboardern nicht.“

„Wir Snowboarder bekommen es nicht in Schwung“

Auch die Münchner und Garmischer Olympiabewerbung hat Stade nicht weitergeholfen. Die Olympia-Pipe muss einen anderen Kriterienkatalog erfüllen, muss für Aktive, Zuschauer und Medien leicht erreichbar sein. Sie würde deshalb nicht auf der schneesicheren Zugspitze gebaut, sondern in Garmisch auf 750 Metern, und das ist zu niedrig, um sie als dauerhafte Winter-Trainingsstätte nutzen zu können. „Wir sind so weit wie vor fünf Jahren“, sagt Stade, „eigentlich sogar weiter zurück, weil wir schon vieles abgeklopft haben und die Möglichkeiten immer weniger werden.“

Die Deutschen kämpfen mit ungleichen Waffen

Die Deutschen kämpfen mit ungleichen Waffen

Die Kommunen, sagt Stade, hätten kein Geld, und wenn sie es hätten, dann für Bobbahnen, Skisprunganlagen, Eisbahnen, Skitunnel. „Es tut schon weh“, sagt er, „dass in den ganzen Jahren, in denen wir um eine Halfpipe kämpfen, viele große Wintersportprojekte realisiert wurden, deren Kosten das Zehn- bis Zwanzigfache unseres Projektes betragen.“ Woran das liegt? „Am Standing des Snowboardens, an der fehlenden politischen Unterstützung, aber auch daran, dass sich in anderen Wintersportarten das Rad einfach dreht.“ Biathlon zum Beispiel, sagt Stade, habe Sportstätten, erfolgreiche Sportler und Großereignisse im eigenen Land, in deren Folge auch Sportstätten weiter verbessert werden könnten. „Im Biathlon dreht sich das Rad“, sagt Stade. „Wir Snowboarder aber bekommen es nicht in Schwung. Keine Wettkampfstätten, keine Sportler, keine Wettkämpfe - bei uns droht das Rad ganz zum Stillstand zu kommen.“

Text: F.A.S.
Bildmaterial: AFP, Christophe Schmidt, David Selbach, REUTERS

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