08. April 2005 Alle freuen sich auf Frühling, Sommer, Müßiggang - für Skispringer dagegen ist der Urlaub bald schon wieder vorbei. In Kürze beginnt das Training für die Olympiasaison, und deshalb taucht der Name Sven Hannawald immer häufiger in der Öffentlichkeit auf. Was wird aus dem früheren Star, dem Weltmeister, Olympiasieger und Gewinner der Vierschanzentournee? Das fragen sich Freunde, Fans, Geschäftspartner, Medien und natürlich auch der Deutsche Skiverband. Vor einem Jahr hat Hannawald sich - ausgebrannt und depressiv - krank abgemeldet. Er muß sich nicht jetzt erklären, ob er seine Karriere fortsetzen will. Aber die Zeit läuft gegen ihn. Denn wenn er in Kürze nicht wieder zur Nationalmannschaft stößt, steht fest, daß die Olympischen Winterspiele 2006 in Turin ebenso ohne ihn stattfinden werden wie im Februar schon die Weltmeisterschaften in Oberstdorf. Der bloße Hinweis von Bundestrainer und Verbandsfunktionären auf den Beginn der gemeinsamen Vorbereitung wird teilweise so gedeutet, als würde Druck ausgeübt, um eine Entscheidung Hannawalds zu erzwingen. Dabei wissen doch alle, daß der einstige Spitzenathlet die Rückkehr nur aus freien Stücken und aus eigener Kraft schaffen kann - oder eben schweren Herzens das Ende seiner Karriere als Wirklichkeit akzeptieren muß.
Vor diesem letzten Schritt hat er sich bislang gescheut, obwohl Hannawald wahrscheinlich genausogut wie viele Fachleute dieser Sportart einschätzen kann, wie unendlich schwer ihm ein Neuanfang fallen würde. In dem Jahr seiner Absenz hat sich das Skispringen verändert, neue Regeln erfordern mehr Athletik. Die Zeit der leichten Flieger ist vorbei. Selbst in seinen besten Zeiten war der lange, dürre Hannawald nicht bekannt für Muskelkraft, er ließ sich von der Luft tragen. Also müßte er das Springen wohl neu lernen. Eine körperlich wie mental gewaltige Herausforderung. Vor diesem Hintergrund machen sich viele Gedanken darüber, wie man ihm eine andere Aufgabe verschaffen und ihn so aus seinem Loch ziehen könnte. In den vergangenen Monaten tauchte er als sporadischer Gast und Fernsehkommentator an den Schanzen auf, wirkte dabei aber eher noch leidend als lebenslustig. Ob es mehr als die fixe Idee eine geschäftstüchtigen Managers ist, ihn künftig als Repräsentanten für den russischen Skisprung einzusetzen, wie am Freitag gemeldet wurde? Sein früherer Schwarzwälder Heimtrainer Wolfgang Steiert ist zwar seit vier Monaten Coach des russischen Teams; doch was soll Hannawald der Mannschaft geben, wie soll er sie in der Öffentlichkeit vertreten?
Da scheint es doch sinnvoller, auf das Gespräch Hannawalds mit dem Deutschen Skiverband zu hoffen, das in dieser Woche auf der Trainerklausur vorbereitet worden ist. Der Verband hat immer deutlich gemacht, daß er Hannawald nicht fallenlassen, sondern auf dem weiteren Lebensweg unterstützen wird. Doch der Dreißigjährige muß sich auch helfen lassen, Rat annehmen. Leicht ist es gewiß nicht, sich aus der elektrisierenden Welt des Spitzensports zu verabschieden. Aber vielleicht ist es einfach der gesündere Weg, nicht mehr an Nervenkitzel, Medaillen und große Auftritte zu denken, sondern an eine bürgerliche Existenz ohne Risiken und Nebenwirkungen. Jörg Hahn
Text: F.A.Z., 09.04.2005, Nr. 82 / Seite 30