14. Dezember 2003 Es war genau das Bild, das man eigentlich nicht mehr sehen wollte. Raphael Poiree, der erfahrene Skijäger, in der Bauchlage am Schießstand, eine Patrone zwischen den Lippen. Und weil er sie anschließend direkt in den Lauf seines Kleinkalibergewehrs schob, ohne sie vorher ordnungsgemäß auf der grünen Matte zwischenzulagern, traf den Schlußläufer der französischen Staffel und damit sein ganzes Team beim Biathlon-Weltcup in Hochfilzen der Bann der Jury. Wobei das Strafmaß, eine Minute Zeitzuschlag und damit die Degradierung von Platz zwei auf drei hinter Sieger Norwegen, noch relativ milde ausfiel. Selbst die gestrenge Jury mochte dem zerknirschten Franzosen, der sich später bei seinem Team für den Fauxpas entschuldigte, nicht unterstellen, daß er sich bewußt einen Vorteil verschaffen wollte. Ein Lapsus, aus der Hektik geboren. Weil die drei Zusatzpatronen, die in der Staffel pro Schießeinheit erlaubt sind, trotz heftigen Schüttelns nur zu zwei Dritteln aus dem Magazin herauskullerten, mußte Poiree das letzte Projektil mit den Fingern herauspokeln. Und steckte es in den Mund.
Das haben andere, etwa die Schweden beim Weltcup eine Woche zuvor in Kontiolahti, auch getan, um Zeit zu sparen; aber damals konnten sie sich noch ungestraft auf eine Gesetzeslücke im Regelwerk der Internationalen Biathlon-Union (IBU) berufen. Die wurde allerdings in Hochfilzen bei einer turbulenten Teamleitersitzung per Mehrheitsbeschluß für die weitere Saison verbindlich geschlossen. Spätestens seitdem wissen alle: Zusatzmunition muß beim Liegend-Schießen auf der Matte, beim Stehend-Anschlag in der Kugelschale deponiert werden. Gesetzeskraft erhält eine Regeländerung aber nur dann, wenn der Kongreß zustimmt. Der kommt allerdings erst im Frühsommer zusammen. Aber die Ordnungshüter der IBU sind nicht gewillt, so lange zu warten. Sportdirektor Janez Vodicar fürchtet um den bislang halbwegs untadeligen Ruf einer Branche, die im Zuge der Professionalisierung jetzt eben dazu übergeht, abseits von Trainingsoptimierung und Materialverbesserung jede Möglichkeit zu nutzen, um erfolgreich zu sein. Es soll sogar inzwischen Spezialisten geben, die das Regelwerk nach Unschärfen und Interpretationsspielräumen durchforsten. "Wir müssen uns halt auch eingestehen, daß es Lücken durchaus gibt", sagt Nobert Baier, der Chef der Technischen Kommission. Und daß es Leute gibt, die daraus Kapital schlagen wollen - und im Zweifelsfall damit juristisch sogar durchkämen. "Wir können nur reagieren."
Sie haben auch schon reagiert. Mit verstärkten Kontrollen. Das Mindestgewicht von 3500 Gramm für das Kleinkalibergewehr gilt seit Jahren unverändert, aber es war nie ein Thema. "Das haben die doch höchstens einmal im Jahr kontrolliert", sagt Olympiasiegerin Kati Wilhelm. In Hochfilzen war die geeichte Waage gleich hinter dem Eingang zum Funktionsgebäude einer der spannendsten Orte überhaupt. Und das sensible Gerät förderte tatsächlich ein paar untergewichtige Modelle zutage. Nicht immer mit der nötigen Konsequenz. Sonst wäre die als untergewichtig identifizierte Waffe der Chinesin Xianying Liu nicht in den Wettkampf gelangt. Nach einem sogenannten Mißverständnis zwischen einem allzu selbstbewußten Funktionär ohne Befugnis und einem allzu unterwürfigen Kampfrichter mit voller Verantwortung. Es sind solche Merkwürdigkeiten, die dem Ruf der Branche mehr schaden als Unschärfen im Regelwerk.
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