29. November 2009 In Skifahrer-Kreisen nennt man Bedingungen wie in Aspen brutal: Eine extrem steile, dick und pickelhart vereiste Piste, auf deren hermetischer Oberfläche die Ski kaum mehr Halt finden. Dazu schlechte Bodensicht. Selbst Superkönner sehen auf einer solchen Unterlage manchmal wie Angsthasen aus. Ruthies Run erschütterte selbst die Weltklasse. Das ist der schlimmste Berg der Welt, schimpfte die amerikanische Gesamtweltcupsiegerin Lindsey Vonn über die Riesenslalom-Strecke. Kathrin Hölzl jedoch reagierte professionell. Die Weltmeisterin in dieser Disziplin vertraute auf ihre technische Perfektion und ließ ihre Ski-Kanten in Rasierklingen verwandeln. Das war am Limit und selbst mir zu eisig, sagte Kathrin Hölzl im Ziel, deshalb habe ich meinem Servicemann gesagt, er soll die Ski so scharf machen wie‘s geht.
Ein riskantes Hopp-oder-Topp-Manöver. Der Lohn: Die 25 Jahre alte Rennläuferin aus Bischofswiesen gewann in den Vereinigten Staaten das erste Weltcuprennen ihrer Karriere. Sie konnte nicht nur ihre überragende Technik in ihrer Spezialdisziplin beweisen, sondern auch zeigen, dass der Gewinn des Weltmeistertitels im vergangenen Frühjahr in Val d‘Isère nicht nur ein Glücksfall war. Dort hatten ähnlich eisige Bedingungen geherrscht wie jetzt in Aspen: Eine Hölzl-Piste. Nach meinem WM-Sieg haben viele gesagt: Die hat ja noch nie ein Weltcuprennen gewonnen, und jetzt ist sie Weltmeisterin. das hat mich geärgert und angespornt. Ich hab‘s den Zweiflern gezeigt. Und das, obwohl sie zuletzt wegen einer Zehenverletzung kaum noch normal hatte trainieren können.
Bitte, bitte, bitte, hoffentlich hat‘s gereicht
Ganz nebenbei beendete Kathrin Hölzl auch eine sechsjährige Durststrecke des Deutschen Skiverbandes. Als letzte deutsche Athletin hatte die Lenggrieserin Martina Ertl im Oktober 2003 beim Saisonauftakt in Sölden einen Riesenslalom gewonnen. Als ich über die Ziellinie gefahren bin, dachte ich: Bitte, bitte, bitte, hoffentlich hat‘s gereicht. Dann habe ich gesehen: Hölzl Erste!, schilderte sie den ersten Moment der Freude. Bisher hatte sie im Weltcup erst einen zweiten und einen dritten Platz erreicht. Nun fuchtelte sie vor lauter Begeisterung mit ihren Skistöcken. Später wollte sie eigentlich nur noch eins: Ins Hotelzimmer, nach Hause telefonieren ins Berchtesgadener Land und ihrer Familie von ihrem Erfolg berichten. Und von den 23.250 Euro Siegprämie.
Die nur 1,63 Meter große Zollbeamtin ritt auf ihren scharfen Kanten bereits im ersten Durchgang zur Bestzeit. Mit einer blitzsauberen Fahrt über das knirschende Eis, perfekter Haltung und perfektem Timing, sicherte sie sich den Erfolg. Sie selbst hatte während der Fahrt sogar Zweifel, ob sie die Bestzeit würde halten können. Es war ziemlich schwierig heute, und da fühlt sich jeder schlecht. Ich musste also einfach kämpfen.
Mehr kann man eigentlich nicht rausholen
Zweite mit 0,24 Sekunden Rückstand wurde die Kombinations-Weltmeisterin Kathrin Zettel aus Österreich vor der Italienerin Federica Brignone (1,15 Sekunden). Junioren-Weltmeisterin Viktoria Rebensburg (Kreuth) und Maria Riesch (Partenkirchen) erreichten die Ränge zehn und vierzehn. Riesch hat in dieser Saison bereits für einen deutschen Erfolg im Slalom gesorgt. Mehr kann man eigentlich nicht rausholen, sagte der deutsche Alpinchef Wolfgang Maier. Das passt. Sie sei sehr clever bei der Materialwahl gewesen Auch Maria Riesch, die mit ihrer Leistung in ihrer Problemdisziplin allenfalls zufrieden war, stimmte in die Begeisterung um Kathrin Hölzl ein: Das ist auf jeden Fall eine Riesenfreude. Riesch selbst kommte sich im Kampf um den Gesamtweltcup einen wichtige Punktevorsprung sichern: Hauptkonkurrentin Lindsey Vonn, die sich so wenig mit der Piste hatte anfreunden können, schied im ersten Durchgang aus.
Mit ihrer selbstsicheren Strategie dürfte Kathrin Hölzl zu Beginn des Olympiawinters große Sicherheit gewonnen haben. In dieser Saison ist mir wichtig, dass ich nicht immer nur um Platz sieben herum fahre, sondern wirklich Top bin, sagte sie. Und zwar konstant. Ganz besonders wichtig wäre das im Februar. In der Form von Aspen könnte sie bei den Winterspielen in Vancouver um die Goldmedaille mitkämpfen.
Ski alpin, Weltcup in Aspen/USA:
Damen, Riesenslalom:
1. Kathrin Hölzl (Bischofswiesen) 2:09,63 (1:03,70/1:05,93) Min.; 2. Kathrin Zettel (Österreich) 2:09,87 (1:04,10/1:05,77); 3. Federica Brignone (Italien) 2:10,76 (1:05,12/1:05,64); 4. Maria Pietilä- Holmner (Schweden) 2:11,18 (1:04,25/1:06,93); 5. Eva-Maria Brem (Österreich) 2:11,76 (1:04,30/1:07,46); 6. Tina Maze (Slowenien) 2:11,86 (1:04,91/1:06,95); ... 10. Viktoria Rebensburg (Kreuth) 2:12,33 (1:05,84/1:06,49); ...14. Maria Riesch (Partenkirchen) 2:12,91 (1:05,79/1:07,12)
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, dpa