Eishockey-Bundestrainer Uwe Krupp

„Mein Ziel ist es, für jeden ein Scheißgegner zu sein“

27. April 2008 Wenn Bundestrainer Uwe Krupp und die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft an diesem Sonntag zur Weltmeisterschaft nach Kanada aufbrechen, sitzt auch Florian Busch mit im Flugzeug. Trotz der Kritik steht der Deutsche Eishockey-Bund (DEB) zu seiner milden Strafe für den Berliner, der einen Doping-Test zunächst verweigert und wenige Stunden später nachgeholt hatte, und sieht sich juristisch auf der sicheren Seite.

„Wir haben nach bestem Wissen und Gewissen entschieden. Der Weltverband unterstützt uns“, sagte DEB-Vizepräsident Uwe Harnos. Eine Sperre, wie sie die Nationale Anti-Doping-Agentur fordert, erwartet der Rechtsanwalt vor dem WM-Auftakt am kommenden Samstag gegen Finnland nicht: „Wir glauben nicht, dass noch etwas kommt.“ Der DEB hatte lediglich eine Verwarnung ausgesprochen sowie Busch zu einer Geldstrafe und gemeinnütziger Arbeit verurteilt.

„Er hat einen gigantischen Fehler gemacht, aber er ist kein Doping-Sünder“, sagte Krupp, der am Freitag nach dem 3:0 im letzten Testspiel gegen Dänemark sein Team benannte. Drei NHL-Profis stehen in seinem Kader: Marco Sturm (Boston Bruins), Dennis Seidenberg (Carolina Hurricanes) und Christoph Schubert (Ottawa Senators). „Damit sind wir auf dem Papier stärker als letztes Jahr“, sagte Krupp, der außerdem den ehemaligen Kapitän Stefan Ustorf zurückholte. Der Berliner hatte vor zwei Jahren seinen Rücktritt erklärt.

Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung spricht Bundestrainer Krupp über die WM im Mutterland des Eishockeys, die Begeisterung in Kanada und die Veränderung des Spiels in Nordamerika.

Kanada ist das Mutterland des Eishockeys. Erleben wir dort bei der Weltmeisterschaft die Geburtsstunde eines erfolgreichen deutschen Teams?

Das hoffen wir natürlich. Wir treten mit einer Mannschaft an, die auf jeden Fall konkurrenzfähig ist, mit ausgesuchten Spielern, die jedes Spiel gewinnen wollen, mit unheimlichem Ehrgeiz zur Sache gehen. Ich glaube, dass wir uns spielerisch verbessert haben, zumindest auf dem Papier sind wir stärker als im Vorjahr. Das ist eine gute Ausgangsposition.

Spüren Sie als Bundestrainer bei den Spielern einen besonderen Ehrgeiz, in Halifax dabei zu sein? Schließlich handelt es sich um den Schauplatz Kanada, wo die erste WM jenseits des Atlantiks stattfindet statt zum x-ten Mal in Moskau, Wien, Skandinavien oder sonst wo in Europa.

Eishockey in Nordamerika ist einfach einzigartig. Es ist so verflochten in die dortige Kultur. Selbst wenn der Stanley-Cup zur gleichen Zeit läuft, denke ich, dass das ein richtiger Event ist in Kanada, besonders nach den Erfolgen des kanadischen Teams bei den letzten Weltmeisterschaften.

Aber lange wurde man den Eindruck nicht los, die nehmen das, was bei der WM in Europa passiert, gar nicht wahr.

Nun gut, in den WM-Wochen wird der Stanley-Cup immer heißer, die Spannung immer größer, aber du bekommst in diesen Tagen immer mehr gute Spieler für die WM, die beim Kampf um den Stanley-Cup schon ausgeschieden sind. Die Fans dieser Spieler achten natürlich darauf, wie es mit ihnen in der Nationalmannschaft läuft, wie die Ergebnisse sind, wie es um das Duell zwischen Amerika und Kanada bestellt ist, wie der Vergleich mit den Osteuropäern ausfällt. Aber klar: An den Stanley-Cup-Play-offs kommt keiner vorbei.

Die WM-Orte Halifax und Quebec sind keine Standorte der NHL. Ist Eishockey dort trotzdem eine große Nummer?

Da kann ich mir ein Urteil aus erster Hand erlauben. Eishockey ist dort Religion. Das heißt, acht Seiten Eishockey täglich sind in den örtlichen Zeitungen Standard, Eishockeyspieler haben Rockstar-Status, das ist ohnegleichen. Quebec ist die verrückteste Eishockey-Gegend in Kanada, vielleicht mit Toronto knapp dahinter. In Quebec ist Eishockey Gott. Halifax ist eine eher kleinere Stadt, hat aber eine große Eishockey-Kultur. Es ist die Stadt, aus der Sydney Crosby kommt, der momentan wohl beste Eishockeyspieler der Welt, der absolute Superstar, der am besten vermarktet werden kann, das neue Gesicht. Bei den Nachwuchsmannschaften kommen 5000 bis 6000 Zuschauer in das Stadion - und das dreimal die Woche. Dem europäischen Eishockeyfan ist schwer zu vermitteln, was da abgeht.

Da könnte man als Bundestrainer ja fast neidisch werden angesichts der Verhältnisse dort!

Neidisch, nein, das wäre die falsche Reaktion. Eishockey gibt es dort seit fünfzig Jahren, über Generationen hinweg ist Eishockey die erste Sportart für Jungs und Mädchen. Das ist natürlich nicht zu vergleichen mit dem Status, den Eishockey in Deutschland hat.

Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs sind viele Europäer, zumal Osteuropäer, in die NHL gewechselt. Gibt es so etwas wie eine Europäisierung des Eishockeys in Nordamerika?

Die Europäer haben ihren Stil mit rübergebracht. Der nordamerikanische Stil war anders, bevor die Spieler aus Europa kamen. Also Puck in die gegnerische Hälfte - und hinterher, weniger technisch, dafür umso härter, viel Körperkontakt. Das ganze Spiel ist mittlerweile fortgeschritten, schnell und hochkarätig. Es ist schwer zu beschreiben, man muss es sehen, am besten im direkten Vergleich - ein Spiel in Europa, eines in der NHL. Das Niveau dort ist einfach unglaublich hoch.

Gibt es typische Mentalitätsunterschiede zwischen nordamerikanischen und europäischen Spielern?

Es gibt einen klaren nordamerikanischen Einschlag in der Deutschen Eishockey Liga, Bundesliga und Oberliga. Durch die hier tätigen Trainer und Profis aus Nordamerika. Die Spieler wachsen schon mit dem nordamerikanischen Eishockey-Gen auf.

Worin besteht dieses Eishockey-Gen?

Es ist die Art und Weise, wie man seinen Beruf angeht. Es ist eine absolute Liebe zum Eishockey, obwohl es ein knüppelharter Job ist. Obwohl jeder Euro, jeder Cent hart verdient ist, haben jene Spieler, die am längsten im Geschäft sind, die beste Einstellung. Sport ohne Spaß ist kein Sport. In unserem Team sieht man es an John Tripp. Der ist jeden Tag mit Herz und Seele dabei, der ist einfach ein Eishockeyspieler durch und durch. Eishockeyspieler haben sich für den härtesten Job in der Welt entschieden. Du musst ihn mit Professionalismus angehen und dabei Spaß haben. Das ist eine Kunst, das kann nicht jeder. Wenn du schlecht gespielt hast und der Trainer verordnet Straftraining, dann musst du rausgehen, es lieben, so merkwürdig es sich anhört, sonst hältst du es nicht durch. Du musst dir sagen: Straftraining ist gut für meine Kondition, selbst wenn du dir dabei vorkommst, als führest du an die Wand. Hinterher bist du beim Kabinenfest, und am nächsten Tag geht es wieder los.

Die Eisflächen in Nordamerika sind kleiner als die in der Alten Welt. Müssen sich Ihre Profis bei der WM arg umstellen?

Unsere Mannschaft, ich spekuliere jetzt, weil ich keinen Erfahrungswert habe, hat durch die kleinere Eisfläche einen Vorteil gegenüber läuferisch und technisch besseren Teams. Wir spielen eine unangenehme Art von Eishockey. Mein Ziel ist es immer, für jeden ein Scheißgegner zu sein. Das ist immer mit das größte Kompliment, das man bekommen kann. Die kleinere Eisfläche ist ein egalisierendes Element, wir profitieren davon.

Das Gespräch führte Hans-Joachim Leyenberg.



Text: F.A.S.
Bildmaterial: AFP, AP, KEY

 
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