Biathlon

Magdalena Neuner - Immer über dem Limit

Von Claus Dieterle

16. März 2008 Das zweite Jahr ist immer das schwerste. Diesen Satz hat Magdalena Neuner vor ihrer zweiten Weltcup-Saison bis zum Überdruss gehört, und wahrscheinlich hat sie eine Weile sogar selbst daran geglaubt. Viele haben der besten Weltcup-Einsteigerin seit Jahren prophezeit, dass es nach drei WM-Titeln in ihrem ersten Jahr bei den Großen so nicht weitergehen könne, und dass sie sich besser mal auf einige Rückschläge gefasst machen soll.

Sie schienen sogar recht zu behalten, besonders am Anfang des Winters, als es noch nicht so rund lief bei dem 21 Jahre alten Skijägerin. Aber jetzt, am Saisonende, steht das „Wunderkind“ aus Oberbayern mit weiteren drei WM-Titeln und als jüngste Gesamt-Weltcupsiegerin noch ein Stück besser da als bei der Premiere. Und manchmal scheint sie über ihr unglaubliches Tempo selbst zu staunen: „Unglaublich, so etwas schaffen die meisten Biathleten in ihrer ganzen Karriere nie.“

Neuner bald in der Björndalen-Rolle

Jetzt steht sie auf einer Stufe mit ihrem Vorbild Ole Einar Björndalen. Mit dem Unterschied, dass der 34 Jahre alte Norweger seinen vierten Weltcup-Gesamtsieg schon nach der vorletzten Station Chanty Mansijk in der Tasche hatte, obwohl er sich des Ansturms der Jugend erwehren musste wie noch nie. Vor allem sein Landsmann Emil Hegle Svendsen ist mit 22 Jahren die Entdeckung der Saison und beinahe so etwas wie das männliche Pendant zu Magdalena Neuner.

Der Doppel-Weltmeister von Östersund hat mit sechs Weltcupsiegen sogar zwei mehr als die Kollegin aus Bayern auf dem Konto, aber er hat eben mit Björndalen ein Schwergewicht vor der Nase, wie es das derzeit bei den Frauen nicht gibt. Wobei alles dafür spricht, dass Magdalena Neuner auf längere Zeit in diese Rolle schlüpfen dürfte. Sofern sie ihren Stehendanschlag besser in den Griff bekommt. Aber es hat in Oslo im Zweikampf mit der Französin Sandrine Bailly auch so gereicht - trotz sieben Fehlern und Platz neun.

Phänomenale Laufstärke

Magdalena Neuner hat Schwächen, kein Zweifel. Vielleicht scheut sich Bundestrainer Uwe Müssiggang auch deswegen, das Wort „Jahrhunderttalent“ in den Mund zu nehmen, und spricht statt dessen lieber von einer „extremen Ausnahme“ und einer „Läuferin, wie es sie im Biathlon noch nicht gegeben hat.“ Und das will im Land des einstigen Laufwunders Uschi Disl etwas heißen. Es ist Magdalena Neuner oft genug passiert, dass im finalen Anschlag vier Scheiben stehengeblieben sind. Normalerweise gewinnt man damit keinen Blumentopf, wenn da nicht diese phänomenale Laufstärke wäre.

Natürlich mag das in Zeiten, in denen sich die Dopingfälle im Biathlon häufen, schon wieder verdächtig erscheinen, aber selbst kritische Geister wie Wolfgang Pichler, der deutsche Trainer der Schweden, winkt ab. „Das ist reine Genetik bei der Lena.“ Müssiggang erklärt die Stärken seiner Jüngsten, die ihn immer wieder überrascht, so: „Sie hat ideale genetische Voraussetzungen, einen sehr guten Motor, sie ist extrem leistungsorientiert, stets motiviert und ihr Laufstil ist eine Augenweide.“

Keine vom Kaliber Neuner

Und dann sagt er etwas, was vielleicht beiläufig klingen mag, aber doch enorm wichtig ist: „Sie freut sich über jeden Schritt - das ist für einen Ausdauerathleten nicht selbstverständlich.“ Und es gibt neben einem bemerkenswertem Verdrängungspotential nach Rückschlägen noch etwas, was die junge Frau auszeichnet: „Mein Erfolgsgeheimnis ist vielleicht, dass ich über das eigentliche Limit hinausgehen kann.“

Wobei Magdalena Neuner noch längst nicht an ihren Grenzen angekommen ist. Sie erinnert in vielem an den jungen Björndalen, dem auch lange Zeit die Bezeichnung „Laufwunder“ anhaftete. Bis er nach Jahren endlich auch sein Kleinkalibergewehr verlässlich im Griff hatte und ein kompletter Biathlet geworden ist. Davon ist Magdalena Neuner noch ein gutes Stück entfernt, aber für Müssiggang ist das nur eine Frage der Zeit. „Sie braucht einfach noch Wettkämpfe, um dahin zu kommen.“ Wenn ihr das gelingt, droht allerdings Langeweile. Zwar haben auch andere Nationen wie Russland und Norwegen starken Nachwuchs, aber selbst Müssiggang, der nicht zu großen Worten neigt, sagt: „Eine vom Kaliber Neuner ist nicht dabei.“ Auch Altmeister Björndalen glaubt an eine lange Regentschaft der jungen Bayerin. „Wenn sie ihren Kopf gebraucht, hat sie alle Möglichkeiten.“



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, ddp, dpa

 
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