28. November 2009 Ich hätte nie geglaubt, dass wir zwei Deppen einmal Olympiasieger werden, hatte Patric Leitner zum Besten gegeben, nachdem ihm gemeinsam mit Alexander Resch in Salt Lake City der bislang größte Erfolg ihrer Laufbahn gelungen war. Mit dem Spruch hatte der fröhliche Bayer dann nicht nur die Schulterklopfer, sondern auch die Lacher auf seiner Seite.
Die Szene spielte 2002, und aus den zwei Deppen ist längst das erfolgreichste Rodel-Doppel der Welt geworden. 33 Weltcup-Siege haben der gerade 32 Jahre alt gewordene Leitner und sein zwei Jahre jüngerer Untermann schon zusammengerodelt. Sechs Mal gewannen sie den Gesamtweltcup, vier Mal bei Weltmeisterschaften. Der jüngste Erfolg des Bayern-Express stammt vom Saisonauftakt in Calgary (Kanada), wo sie vom sechsten Platz nach dem ersten Lauf noch ganz nach vorne fuhren. Entsprechend zuversichtlich gaben sich Leitner/Resch vor dem zweiten Weltcup der Saison in Innsbruck-Igls an diesem Samstag.
Neuer Halswirbel, neuer Schlitten, neue Kufen

33 Weltcupsiege und immer noch den Schalk im Nacken: Doppelsitzer Alexander Resch (l.) und Patric Leitner
Zu erwarten war der zweite Frühling der Königssee-Berchtesgaden-Connection nicht unbedingt, denn zuletzt hatte es ein wenig geknirscht in der sonst so reibungslos funktionierenden Kombination: nur die Plätze elf und fünf standen bei den Weltmeisterschaften 2008 und 2009 zu Buche. Bei den Olympischen Spielen von Turin landeten sie auf Rang sechs. Selbst Platz zwei im Gesamtweltcup 2009 war weniger als gewohnt. Und dann quälte vor allem eine Wirbelverletzung Patric Leitner. Seit einem Trainingssturz hatte er immer wieder über Schmerzen und ein Knacken im Hals geklagt. Weil er sich nicht mehr bewegen konnte, nicht mal mehr schmerzfrei liegen konnte, wurde eine Operation unumgänglich.
Im Mai ließ sich Leitner eine künstliche Bandscheibe im Halswirbel einsetzen. Der umgehende Erfolg gab dem Wagnis recht: Direkt nach dem Eingriff konnte der Sportler den Hals wieder drehen. Das war wichtig für die Psyche, auch wenn der Schulterblick in seiner Disziplin keine Rolle spielt. Seit der Operation ist er schmerzfrei geblieben. Doch nicht nur ein Teil des Genicks, sondern auch der Schlitten und die Kufen sind in der Olympiasaison runderneuert. Außerdem hatte sich das Duo vor der Saison noch einmal gegenseitig auf ihre dritte und vermutlich letzte Olympiachance eingeschworen. Wir sind ein gutes Team, sind ehrlich miteinander und besprechen auch die Fehler, erklärt Leitner den Teamspirit. Wobei so eine Aussprache meist ganz bayrisch beim Bierchen vonstattengeht: Da sitzen wir dann auch schon nebeneinander und liegen nicht mehr aufeinander!
Als Untermann bist du eine echt arme Sau!
Ursprünglich waren der 88 Kilogramm schwere Patric Leitner und der nur 72 Kilo leichte Alexander Resch Einzelstarter gewesen. Zusammengesteckt hatte sie erst der damalige Rodel-Bundestrainer und heutige Generalsekretär des Bob- und Schlittenverbandes für Deutschland, Thomas Schwab, nachdem das Erfolgsduo Stefan Krauße/Jan Behrendt als Olympiasieger von Nagano 1998 zurückgetreten war. Das neue Gespann wurde gleich im ersten Jahr Weltmeister. Leitner ist Schwab noch heute dankbar dafür, denn als Solist hätte ich nicht so viel erreicht. Außerdem ist er froh über das physikalisch begründete Rodel-Axiom, dass der Schwerere beim Doppelsitzer oben liegt, damit der kleinste Arbeitsplatz der Welt für zwei Personen die nötige Stabilität findet: Niemals hätte ich den Hintermann gemacht, der sieht ja nix. Resch hat sein Schicksal angenommen, auch wenn er sich der Ungerechtigkeit der Lage bewusst ist: Als Untermann bist du eine echt arme Sau!
Bei allem Jux steht den beiden lockeren Bayern, die sich auch privat als Kumpels verstehen, die Anstrengung eines heftigen Weltcupwinters bevor. Drei deutsche Doppelsitzer gehören der Weltspitze an - neben Leitner/Resch noch André Florschütz/Torsten Wustlich und Tobias Wendl/Tobias Arlt - nur zwei dürfen zu Olympia nach Vancouver. Und wir möchten auf keinen Fall das Doppel sein, das auf der Strecke bleibt. Denn dann würden sie sich wirklich als die Deppen fühlen.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, REUTERS