Krieg in Georgien

Fast ein Sturm aufs Parlament

Flüchtlinge aus Südossetien schreien in Tiflis ihre Wut heraus. Von ihrer Regierung fühlen sie sich belogen. Der im Fernsehen geforderte Patriotismus mischt sich überall mit Fatalismus. Von Reinhard Veser

Von Reinhard Veser, Tiflis

Aus Südossetien geflüchtete Georgier vor dem Parlament in Tiflis

Aus Südossetien geflüchtete Georgier vor dem Parlament in Tiflis

10. August 2008 Auch am Morgen des dritten Kriegstags ist Tiflis eine sommerlich-friedliche Stadt. Vor den kleinen Läden der Vorstädte liegen kunstvoll aufgestapelt Orangen und Melonen, schon am Vormittag ist es etwas schwül. Am Abend zuvor waren manchmal einige Tropfen vom Himmel gefallen - aber nie so viele, dass sie die Pärchen von ihren Bänken am Rustaweli-Prospekt und die Gäste aus den Straßencafés vertreiben konnten.

Die Spannung wird überall dort spürbar, wo ein Fernsehapparat steht. Wie gebannt starren die Menschen auf die Bilder, die in jeder Nachrichtensendung wiederholt werden: Panzerkolonnen irgendwo an der Grenze zu Südossetien, russische Kampfflugzeuge im Anflug auf Gori, die fallenden Bomben, die Explosionen, die brennenden Wohnhäuser, einen ernst, aber entschlossen blickenden Präsidenten, der zu Ruhe, Einigkeit und Patriotismus aufruft.

Bedrohlich nah, doch weit genug weg

Russische Panzer auf dem Weg nach Zchinwali

Russische Panzer auf dem Weg nach Zchinwali

Der Gesundheitsminister berichtet über neue Zahlen von Toten und Verletzten und lobt die gute Arbeit der Ärzte und Krankenschwestern, der in Kampfuniform auftretende Sprecher des Innenministeriums erläutert an einer Landkarte die Lage an der Front, die Innenministerin selbst teilt mit, der Flughafen sei entgegen anderslautenden Gerüchten weiter in Betrieb. Es ist, als müssten die Menschen es wieder und wieder sehen. Der Krieg ist bedrohlich nahe, aber noch immer weit genug weg, um irreal zu wirken.

Die Menge vor dem Parlament braucht keine Fernsehbilder, will keine Fernsehbilder, sie hat den Krieg erlebt. Fast jeder hier hat eigene Bilder im Kopf - von fallenden Bomben, von Verletzten, von sterbenden Nachbarn, Geschwistern, Kindern, vom letzten Blick auf das eigene, schon halb zerstörte Haus. Einige hundert georgische Flüchtlinge aus Südossetien haben sich versammelt.

„Zum zweiten Mal habe ich alles verloren“, sagt eine Frau. Mit jedem einzelnen Wort wird sie lauter, bis sie schreit: „Ich bin schon 68 Jahre alt, wo soll ich jetzt hin, was ist das für ein Leben? Was ist das für ein Leben?“ Im ersten Krieg in Südossetien 1991/92 musste ihre Familie die Wohnung in Zchinwali verlassen. Sie kam bei Verwandten in einem der von Georgiern bewohnten Dörfer in Südossetien unter, baute sich ein neues Leben auf, das mit der Eskalation der Kämpfe in der Nacht auf Freitag innerhalb weniger Stunden in Trümmer gelegt wurde.

„Die Regierung lügt“

„Die Regierung lügt, die Journalisten im Fernsehen lügen, dass es nur wenige zivile Opfer gibt“, sagt eine andere Frau. Einige der Umstehenden zählen die Toten zusammen, die sie selbst gesehen haben. Sie kommen damit über die offiziellen Zahlen, die am Sonntag bei 45 Soldaten und 47 Zivilisten lagen. „Warum lügen sie?“

Wo sich ein Anhänger von Präsident Saakaschwili zu erkennen gibt, ist er schnell von einer Gruppe Frauen umringt, die mit sich überschlagenden Stimmen auf ihn einschreit. Die ganze Wut der Menschen richtet sich gegen die Regierung: Schon den dritten Tag seien sie ohne richtige Unterkunft, sie hätten kaum noch Geld, um sich wenigstens Brot und Wasser zu kaufen, sagen sie. Niemand kümmere sich um sie, von den Mächtigen lasse sich keiner bei ihnen blicken.

Südossetische Flüchtlinge in einem Bus aus Zchinwali

Südossetische Flüchtlinge in einem Bus aus Zchinwali

Nachdem es den Flüchtlingen am Samstagabend kurz gelungen war, den Rustaweli-Prospekt, die Verkehrsader der Innenstadt, zu blockieren, kam der stellvertretende Bürgermeister von Tiflis. Doch seine Zusagen stoßen auf Ablehnung: „Wir wollen nicht nach Osten gebracht werden, wir wollen hier bleiben, wir müssen doch im Kontakt mit unseren Lieben bleiben.“ Die junge Frau, die das sagt, kann kaum ihre Tränen unterdrücken.

Polizisten bilden eine Kette

Wie viele Frauen vor dem Parlament trägt sie schwarze Trauerkleidung. Andere bangen um Söhne und Männer, die irgendwo in Südossetien kämpfen. Die Männer, die nach Tiflis gekommen sind, wirken müde, irgendwie abwesend - es sind die Frauen, die immer wieder Bewegung in die Menge bringen, es sind einige Frauen, die die anderen immer näher an das Parlament treiben.

Ohne erkennbaren Anlass werden plötzlich einige Absperrgitter weggeräumt, für einen kurzen Moment sieht es aus, als versuchten die Menschen das Parlament zu stürmen. Schnell bilden Polizisten eine Kette. Sie werden angeschrien, eine alte, gebeugte Frau, die sich kaum auf den Beinen halten kann, schlägt mit einer Zeitung nach einem Uniformierten, eine andere fordert, dass der Präsident mit ihr sprechen solle, dann wird es wieder ruhiger. Wie eine Welle scheint sich die Menge zu verlaufen - um kurz darauf wieder an dem Wall aus Polizisten aufzubranden.

Auf dem Rustaweli-Prospekt läuft unterdessen der Verkehr weiter, als gehe alles seinen normalen Gang. Nur hundert Meter weiter ist man wieder in jenem Tiflis, in dem der Krieg zwar ganz nahe, aber doch noch irreal ist.

Fatalismus statt Patriotismus

Selbst in den Worten des Taxifahrers hallt noch die Gespaltenheit wider, die aus den Reden des Präsidenten und aus den Berichten seiner Minister spricht: In dramatischen Worten rufen sie die Welt auf, dem kleinen, von einem übermächtigen Nachbarn angegriffenen Georgien beizustehen. Gleich darauf versuchen sie, der Bevölkerung und vielleicht auch sich selbst weiszumachen, man habe alles unter Kontrolle.

Der Patriotismus, von dem im Fernsehen stets gesprochen wird, ist bei manchen Leuten auf der Straße längst mit Fatalismus durchsetzt: Nein, man dürfe Südossetien nicht Russland überlassen, das sei georgisches Land. „Aber jetzt wird es schwierig. Wenn uns keiner hilft, verlieren wir. Und von den Russen kann man alles erwarten“, sagt ein Taxifahrer.

Im Fernsehen berichtet der Präsident, mit welchen wichtigen Staatsleuten er in den vergangenen Tagen telefoniert habe: mit George W. Bush, mit Nicolas Sarkozy, mit Angela Merkel. Die Nachrichtensprecherin zieht daraus den Trost spendenden Schluss, dass sie alle Georgien Beistand zugesagt hätten.

Zur Leserdebatte: Krieg im Kaukasus (Diskussion abgeschlossen)

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, Frank Röth

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