Kaukasus-Konflikt

„Die Russen waren schon im Roki-Tunnel“

Von Andreas Ross

Russische Panzer vergangene Woche in der Nähe von Zchinwali

Russische Panzer vergangene Woche in der Nähe von Zchinwali

16. August 2008 Georgiens Ministerpräsident Gurgenidse hat am Donnerstagabend detaillierter als bisher den Gang der Ereignisse dargestellt, die aus georgischer Sicht zum Krieg mit Russland und südossetischen Milizen führten. Die entscheidende Botschaft lautet, dass Tiflis sich zur Einnahme der südossetischen Hauptstadt Zchinwali erst entschieden habe, als es erfahren habe, dass im Roki-Tunnel, der Nordossetien in Russland mit Südossetien verbindet, ein russischer Militärkonvoi unterwegs gewesen sei.

Die Regierung verweist auf die zahlreichen „Provokationen“ in Südossetien in diesem Sommer, so auf den Attentatsversuch auf den von der georgischen Regierung eingesetzten Verwaltungschef für Südossetien, Sanakojew, im Juli. Die Separatisten hätten sich daraufhin gegen Vermittlungsmissionen von EU und OSZE gesperrt. Am 1. August seien sechs georgische Polizisten in eine Sprengfalle geraten; fünf seien schwer verwundet worden. Am 2. August hätten die „separatistischen Aufständischen“ erstmals mit 120-Millimeter-Artillerie georgische Dörfer in Südossetien beschossen. Das Friedensabkommen untersage aber die Verwendung solcher Munition; die festgelegte Grenze liege bei 80 Millimetern Durchmesser.

„Intensives Feuer auf ossetische Dörfer“

Russische Panzerkolonne in Südossetien

Russische Panzerkolonne in Südossetien

Am 3. August habe Russland eine nicht näher beschriebene „massive Propagandakampagne gegen Georgien“ begonnen; südossetische „separatistische Medien“ hätten berichtet, im ganzen Nordkaukasus würden „Freiwillige“ rekrutiert. Am 6. August seien mehrere georgische Dörfer in Südossetien beschossen worden. Georgische Kräfte hätten zurückgeschossen; es habe auf beiden Seiten Verletzte gegeben. Die Führung in Zchinwali habe direkte Gespräche mit Tiflis abgelehnt.

Am 7. August, so berichtet der Ministerpräsident, habe es den ganzen Tag über „intensives Feuer auf ossetische (georgische) Dörfer“ mit 120-Millimeter-Artillerie gegeben. Georgische Polizei habe mit „begrenztem Feuer“ geantwortet. An diesem Tag habe der südossetische „Präsident“ Kokojty gedroht, er werde die georgischen Sicherheitskräfte „herausputzen“, wenn sie sich nicht aus Südossetien zurückzögen.

Der für die abtrünnigen Provinzen zuständige georgische Minister für Wiedereingliederung Temuri Jakobaschwili sei an demselben Tag für ein von Russland vermitteltes Gespräch mit der separatistischen Regierung zum Stützpunkt der russischen Friedenstruppe gefahren; doch dort hätten ihm die Russen gesagt, die Führung in Zchinwali „gehe nicht ans Telefon“. Auf Rat der russischen Friedenstruppe habe Georgiens Präsident Saakaschwili daraufhin am Abend um 7.10 Uhr eine einseitige Waffenruhe verkündet.

3000 georgische Infanteristen in Zchinwali

Gut eine Stunde später sei das georgische Avnevi in Südossetien von ossetischen Milizen beschossen und „so ziemlich total zerstört“ worden. Ein anderes Dorf sei am Abend um 22.30 Uhr beschossen worden. Etwa eine halbe Stunde vor Mitternacht am 7. August „eröffneten die separatistischen Kräfte Feuer auf alle georgischen Stellungen um Zchinwali“. Dies sei ein „massiver“, „nie dagewesener“ Angriff mit schwerer Artillerie gewesen. Zum ersten Mal seit den neunziger Jahren seien an dem Abend zwei georgische Soldaten der Friedenstruppe getötet und sechs weitere verwundet worden. An diesem Abend hätten Geheimdienstberichte Tiflis erreicht, dass ein „großer Fahrzeugkonvoi“ aus „bis zu 150 Fahrzeugen“ im Roki-Tunnel die russisch-georgische Grenze passiert habe. Minister Jakobaschwili sagte, der Konvoi habe aus Panzern, gepanzerten Fahrzeugen und einer „erheblichen Zahl von Soldaten“ bestanden. „An diesem Punkt“ habe Präsident Saakaschwili als Oberbefehlshaber Vergeltung befohlen.

Am Tag darauf, zwischen Tagesanbruch und elf Uhr, hätten 3000 georgische Infanteristen die Stadt Zchinwali eingenommen. Nach vier Stunden hätten sie diese „wegen sehr schwerer russischer Luftangriffe“ schnell verlassen müssen, um Verluste zu vermeiden. Um 15 Uhr am selben Tag hätten georgische Bodentruppen abermals Zchinwali eingenommen. Um 22 Uhr hätten sie wegen neuer russischer Luftangriffe schwere Verluste erlitten und sich wieder zurückgezogen.

Um sechs Uhr morgens – es handelt sich mutmaßlich um den 9. August – hätten die Georgier die Brücke von Kurta nahe Zchinwali gesprengt. Zwei russische Fahrzeuge, die in der Nacht zuvor aus dem Roki-Tunnel gekommen seien, seien dabei gesprengt worden. Ministerpräsident Gurgenidse sagte, diese Fahrzeuge „waren etwa 200 Kilometer vom nächsten Stützpunkt in Russland entfernt. Wir reden von einem schwerbewaffneten Konvoi, der sich langsam auf sehr unebenem Terrain bewegt.“ Es gelte zu bedenken, wie viel Zeit für die Mobilisierung und Vorbereitung eines solchen Konvois notwendig sei. Der Regierungschef folgerte: „Wenn das kein geplanter Einmarsch war, dann weiß ich nicht, was einer wäre.“

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

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