Griechenland

Die Fackel brennt - Proteste flammen auf

Von Torsten Haselbauer, Olympia

Funktionär Liu Qi hält seine Rede in Olympia, als ein Demonstrant auf den Rasen stürmt

Funktionär Liu Qi hält seine Rede in Olympia, als ein Demonstrant auf den Rasen stürmt

24. März 2008 Begleitet von anti-chinesischen Protesten ist in Griechenland das olympische Feuer für die Spiele in Peking entfacht worden. Pro-Tibet-Aktivisten gelang es, die Zeremonie in der antiken Stätte von Olympia zeitweilig zu stören. Als der Präsident des Organisationskomitees der Olympischen Spiele 2008 in Peking (Bocog), Liu Qi, bei der Hälfte seiner Rede anlangte, war es mit dem zuvor vom Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Jacques Rogge, eindringlich beschworenen olympischen Frieden vorbei: Drei Männer, später als Mitglieder der Organisation „Reporter ohne Grenzen“ identifiziert, sprangen von ihren Sitzen und versuchten, in Richtung des chinesischen Sportpolitikers vorzudringen. Einem gelang dieses Vorhaben auch, zwei wurden gleich von den griechischen Sicherheitskräften in den „Schwitzkasten“ genommen und abgeführt. (Siehe auch: Video: Die Tibet-Krise erstickt das Olympische Feuer)

Der Dritte jedoch konnte sich hinter Qi plazieren, griff ihm ins Mikrofon und entrollte eine schwarze Flagge, auf der die fünf olympischen Ringe als Handschellen dargestellt waren. Rund eine Minute dauerte diese fast bizarre Szene unter der Sonne von Olympia, bis auch dieser Aktivist von der griechischen Polizei abgeführt wurde. Qi setzte unbeirrt, aber unüberhörbar lauter seine Rede fort. Zum Schluss schrie er fast und applaudierte sich selbst. Die chinesische Delegation erhob sich demonstrativ von ihren Sitzen und applaudierte ebenfalls. Die anderen Gäste, inklusive des IOC-Präsidenten, schauten eher betreten drein.

Die Offiziellen des IOC schweigen

Es war das erste Mal in der Geschichte der Entzündung des olympischen Feuers, dass diese Zeremonie auf solche spektakuläre Art und Weise als Bühne für politische Demonstration genutzt wurde. Jeden Versuch, mit dem verhafteten Trio in Kontakt zu treten, verhinderte die griechische Polizei rigoros. Die IOC-Offiziellen enthielten sich jeden Kommentars zu den Vorfällen. (Siehe auch: Olympia-Kommentar: Rogges hohle Phrasen) Einzig die griechische Außenministerin und vormalige Bürgermeisterin der Olympiastadt Athen, Dora Bakoiannis, sagte der F.A.Z.: „Die Chinesen haben es sicher bedeutend schwerer als wir vor vier Jahren.“

„Jede Zeremonie ist anders“, hatte Artemis Ignatiou, der verantwortliche Choreograph für die Entzündung des olympischen Feuers in dem Heiligen Hain in Olympia, schon vor gut einem Monat angekündigt. Da dachte er sicher noch mehr an die Live-Musik und die männlichen Tänzer, die er in seine innovative Regie einbaute, und weniger oder gar nicht an die politische Dimension, die die Fackelentzündung am Ostermontag durch die chinesische Politik gegenüber der Autonomen Provinz Tibet plötzlich erfuhr.

Nur ausgewählte Gäste erleben die Zeremonie

Am Anfang noch schien die Entzündung des Feuers friedlich über die antike Bühne zu gehen. Sogar die Sonne schien. Die Zeremonie war wegen einer aufziehenden Regenfront extra um eine Stunde vorgezogen worden. Drinnen im olympischen Hain saßen der Bocog-Präsident und der IOC-Präsident sowie viele Ehrengäste in gespannter Erwartung. Nach der Störung wurde die Zeremonie fast trotzig weitergeführt - allerdings von den in der Regie vorgesehenen mehr als 1000 Polizisten beschützt, von so vielen Sicherheitskräften wie noch nie bei einer Fackelentzündung. Als um 12.15 Ortszeit die in eine Toga gewandete griechische Hohepriesterin Maria Nafpliotou mit Hilfe eines Parabolspiegels das Feuer entzündete, war diese Zeremonie formal abgeschlossen.

Dies alles bekamen nur ausgewählte Gäste mit. Es geschah gleichsam unter Ausschluss der Öffentlichkeit, weil das Feuer in der alten Stadionanlage neben dem Heiligen Hain entzündet wurde. Draußen protestierten derweil tibetische Aktivisten gegen den Militäreinsatz der chinesischen Streitkräfte in der Autonomen Provinz Tibet und wetterten auch dagegen, dass das olympische Feuer durch Tibet getragen wird. Schon am Morgen hatten sich rund zwanzig tibetische Demonstranten vor dem Ortseingang von Olympia versammelt. Sie wurden aber durch einen massiven Polizeieinsatz am Betreten des Dorfes gehindert. „Boykottiert das Land, das die Menschenrechte mit Füßen tritt“ war auf einem Transparent in englischer Sprache zu lesen.

Auch Deutsche tragen die Fackel

In der mit Spannung erwarteten Rede im Heiligen Hain auf der griechischen Halbinsel Peleponnes erinnerte IOC-Präsident Jacques Rogge an die antike „Ekecheiria“, die Zeit also, die als olympischer Waffenfrieden bezeichnet wird. Während der antiken Spiele war es allen teilnehmenden Nationen verboten, Kriege zu führen. Rogge sagte in seiner Rede: „Die Fackel soll in den kommenden Wochen überall und von jedem als Symbol des Friedens angesehen werden.“ Und er forderte weiter: „Der Fackellauf und die Spiele müssen unter einem friedfertigen Geist stehen.“ Rogge mahnte, die Spiele seien nicht nur eine Sportveranstaltung, sondern auch eine Chance für die Menschen in China und der Welt, einander zu begegnen, sich kennenzulernen und zu respektieren.

Der griechische Taekwondo-Sportler Alexandros Nikolaidis, Gewinner der olympischen Silbermedaille 2004 in Athen, und die chinesische Schwimm-Olympiasiegerin von Athen, Luo Xuejuan, waren die ersten Läufer, die die Fackel auf ihren Weg brachten. Auch drei Deutsche gehörten, vom Fackellauf-Sponsor Volkswagen aufgeboten, zu den Fackelträgern: Hockey-Olympiasiegerin Nadine Ernsting-Krienke, der Wolfsburger Fußball-Trainer Felix Magath und der frühere Formel-1-Pilot Hans-Joachim Stuck.

Griechisches Fernsehen zeigt nur wenige Bilder

So wie die ersten Läufer werden nun wohl alle noch folgenden auf ihrem Weg von einem starken Aufgebot an Sicherheitskräften geschützt. „Wir rechnen mit Störungen“, hatte das Mitglied des griechischen Nationalen Olympischen Komitees und IOC-Vizepräsident Lambis Nikolaou schon am Vorabend der Fackelentzündung zugegeben. Eine zutreffende Vermutung: Schon auf den ersten Kilometern warf sich ein Mann vor die Füße eines Fackelläufers. Zuvor hatte er sich mit roter Farbe übergossen. Weitere Menschen skandierten „Schande für China“.

Die griechische Regierung kritisierte die Proteste: „Wir verurteilen aufs schärfste jeden Versuch, die Zeremonie, die Entfachung des olympischen Feuers und den anschließenden Fackellauf zu stören.“ Das griechische Fernsehen zeigte nur wenige Bilder von den Aktionen.

Chinesen unbeirrt

Von Olympia geht nun die Reise zunächst einmal sieben Tage lang durch Griechenland. Am 30. März wird die Fackel schließlich und feierlich im Athener „Panathinaikos-Stadion“, dort also, wo die ersten Olympischen Spiele der Neuzeit im Jahre 1896 ihre Premiere feierten, den chinesischen Olympiaorganisatoren übergeben. Nach einem nur eintägigen Stopp in Peking wird dann die Fackel einen Weg über vier Kontinente zurück nach Asien zurücklegen, wo sie schließlich am 8. August das Feuer im Olympiastadion entzünden soll. „Die Fackel soll für das neue Image des chinesischen Volkes werben, also für Reform und Innovation“, sagte der Bocog-Präsident Liu Qi.

Die Chinesen werden auch nach den jüngsten Entwicklungen in Tibet unbeirrt an der geplanten Route festhalten. Tibet wurde bei den Planungen des Fackellaufs sogar eine ganz besondere Rolle zugewiesen. Nach der Teilung der Fackel bei ihrer Ankunft am 4. Mai auf der südchinesischen Insel Hainan wird eine Zwillingsflamme in ein Basislager am Fuße des höchsten Berges der Welt, des Mount Everest, getragen. Bei gutem Wetter soll die Fackel dann auf den Gipfel gebracht werden. Von Ostermontag an und noch bis zum 10. Mai hat die chinesische Regierung ein Aufstiegsverbot sowohl von tibetischer als auch von der Seite Nepals durchgesetzt. Auch, um Proteste am heiligen Berg der Tibeter zu verhindern, so wird vermutet.

Anschließend soll die Fackel noch bis zum 20. Juni in Lhasa, der Hauptstadt der Provinz Tibet, bleiben, ehe sie dann dort mit der anderen Fackel wiedervereinigt wird und ihre Reise Richtung Peking antritt. Unter anderem führt ihr Weg dann durch mindestens zehn chinesische Ortschaften, in die derzeit keine ausländischen Journalisten reisen dürfen - angeblich wegen Sicherheitsbedenken.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Sein Banner zeigt die Olympischen Ringe als HandschellenEin kurzer Moment im Blickpunkt der WeltDer Mann wird abgeführtDas Banner stellte die Olympischen Ringe als Handschellen darLiu Qi und sein Athener Vorgänger Minos KyriakouSpruchband im Stadtzentrzum von OlympiaProteste mit roter FarbeAktivist Tenzin Dorjee drang zu IOC-Präsident Rogge durchDie Schauspielerin Maria Nafpliotou stellt eine griechische Hohepriesterin darQui Li grüßt IOC-Präsident Jacques Rogge und dessen Vorgänger Juan Antonio Samaranch (vorn rechts)Der griechische Taekwondo-Silbermedaillengewinner Alexandros Nikolaidis ist der erste Läufer mit der brennenden FackelSchaupspiel im antiken OlympiaSpektakel in historischer Kulisse Der Demonstrant gehört zu den „Reportern ohne Grenzen”Ein großes Aufgebot von Sicherheitskräften konnte den Vorfall nicht verhindernLiu Qi setzt seine Rede fortDer Demonstrant kam durch - und wurde dann “abgeschoben“Protestanten stellen sich vor die Wagen-Karawane der OffiziellenEin griechischer Polizist führt einen Tibeter abDemonstrationen abseits der offiziellen FeierGriechisch-chinesisches Lachen im antiken OlympiaDas Feuer ist entzündetEin Olivenzweig geht mit auf den WegDie ersten Meter unter den Augen der WeltöffentlichkeitRitual wie zu antiken ZeitenUnd auch eine Friedenstaube macht sich auf den Weg - nach Tibet?