Olympia-Kommentar

Rogges hohle Phrasen

Von Jörg Hahn

Ohne klare Aussagen: IOC-Präsident Jacques Rogge

Ohne klare Aussagen: IOC-Präsident Jacques Rogge

24. März 2008 Offener Protest ist unerwünscht, aber möglich. Das haben die Bilder am Ostermontag aus dem antiken Olympia bewiesen. Vor der Zeremonie zur Entzündung des olympischen Feuers für die Spiele von Peking schafften es drei Demonstranten bis ins Blickfeld der Weltöffentlichkeit.

Während der Rede des Pekinger Olympia-Organisationschefs Liu Qi forderten sie auf Spruchbändern: „Boykottiert das Land, das die Menschenrechte mit Füßen tritt!“ Für die Chinesen mag das ein Eklat gewesen sein. Aber der Sport sollte diese Szene als Ermutigung verstehen, die Lage in China und in Tibet jederzeit und überall so couragiert wie friedlich zur Sprache zu bringen.

Bekannte und banale Positionen

Dagegen eiert der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, Jacques Rogge, weiter herum. Mehr als eine Woche nach dem Ausbruch der Gewalt in Tibet hat er am Ostersonntag eine schriftliche Erklärung mit bekannten (und banalen) Positionen verbreiten lassen.

Man sei in großer Sorge, Gewalt entspreche nicht den olympischen Werten; China werde sich durch die Spiele öffnen, die Spiele seien eine Kraft zum Guten. Das IOC respektiere ohne Einschränkungen die Menschenrechte, sei aber keine politische Organisation. Wie die „unermüdliche Zusammenarbeit mit China“ aussieht, verriet der IOC-Präsident leider nicht.

Athleten, Trainer und Betreuer im Dilemma

Statt sich mit stiller (oder auch geheimer) Diplomatie zu brüsten, hätte Rogge für den kommenden August schlicht festhalten müssen, dass jedes Mitglied teilnehmender Olympiamannschaften seine Meinung vor, während und nach den Spielen frei äußern kann. Indem er das IOC abermals als „unpolitisch“ darstellt, verschärft Rogge aber jenes Dilemma, das es für Athleten, Trainer und Betreuer schon immer gibt: Nach der olympischen Charta müssen sie bei politischen Äußerungen oder Aktionen mit dem Ausschluss von den Spielen rechnen.

Der Deutsche Olympische Sportbund hat am Ostermontag in einer Zehn-Punkte-Entschließung seinen unbedingten Willen zur Teilnahme in Peking bekräftigt und sich zum „Prinzip des mündigen Athleten“ bekannt – mit dem Zusatz: „Im Rahmen der Regeln der olympischen Charta“. Solange das IOC klare Worte selbst scheut und solange Olympiateilnehmer dafür Repressionen zu fürchten haben, bleibt Rogges Satz von „Spielen unter einem friedfertigen Geist“ eine hohle Phrase.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP

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