Olympischer Fackellauf

Da bleibt einem doch glatt die Luft weg

Von Frank Hollmann

03. Mai 2008 Am vierten Tag blieb Ariane Reimers die Luft weg. Die Höhe Tibets und die Anstrengung forderten ihren Tribut. Die ARD-Reporterin musste pausieren und die „Tagesschau“ am Donnerstag auf die Berichte über die Vorbereitungen zum Fackellauf auf den Mount Everest verzichten.

Doch auch ohne den Schwächeanfall hätte sie nur wenig vom olympischen Gipfelsturm schildern können. „Wir sehen den Everest, und das ist auch schon alles. Wir sehen die Fackel nicht, wir sehen die Bergsteiger nicht, wir wissen gar nichts“, hatte die Vierunddreißigjährige am zweiten Tag ihrer Himalajareise am Handy erzählt. Reimers ist die einzige Frau unter elf nichtchinesischen Journalisten, die Peking ins Everestgebiet einreisen ließ. Inzwischen sind es nur noch neun. Zwei Reporter des Senders TVB aus Hongkong, die die chinesische Regierung zu den Ausländern zählt, mussten mit Symptomen von Höhenkrankheit in tiefer gelegene Orte gebracht werden.

Das Basislager ist acht Kilometer entfernt

Reimers und die acht anderen Reporter, darunter auch Jörg Brase vom ZDF, schieben derweil meist Frust über die Farce am Berg. Zunächst hatte Bocog, das Organisationskomitee der Spiele, sie in Peking tagelang über die Abreise im Unklaren gelassen. Ariane Reimers erfuhr am Abend kurz vor acht, dass sie am nächsten Morgen um fünf am Flughafen sein müsse. Nur wenige Stunden blieben, um das Ticket abzuholen und 120 Kilogramm Ausrüstung in sieben Alukoffer und Taschen zu verpacken. Die stehen nun meist in einem von zwanzig hölzernen Wohncontainern auf 5100 Meter Höhe bei Rongpu, dem höchstgelegenen Kloster der Welt. Ein Ambulanzzelt, ein Internetcafé und eine Poststelle komplettieren das Pressezentrum.

Von dort freilich ist der eigentliche Ort des Geschehens nicht zu sehen. Das Basislager liegt immer noch acht Kilometer und hundert Höhenmeter entfernt. Dahin durften die Reporter erstmals am Mittwoch, genau hundert Tage vor Beginn der Spiele in Peking. Zwei bewachte Kontrollpunkte passierten sie auf der Fahrt, Fackel oder Bergsteiger bekamen sie nicht zu sehen. Die befanden sich offenbar schon im vorgezogenen Basislager, der nächsthöheren Station auf 6500 Metern. Statt dessen durften die Reporter den Friedhof verunglückter Alpinisten, die Feuerlöscheinheit und das Sendezentrum des staatlichen Fernsehens bestaunen. Denn während die westlichen Reporter im Kloster nach Informationen hungern, schickt Chinas CCTV Hochglanzbilder und ausführliche Interviews vom Dach der Welt ins Reich der Mitte, jeden Tag, stundenlang.

„Wir haben es geschafft; jetzt dürft ihr berichten“?

Selbst für die durchtrainierte Reporterin ist der Weg zur nächsten Station zu weit, zumindest, wollte sie in der dünnen Luft die schwere Ausrüstung schleppen. Weil die chinesischen Offiziellen die Journalisten streng durchgezählt haben, ist Ariane Reimers wie die Reporter von ZDF, BBC und CNN auf sich gestellt. Sie muss selbst drehen, schneiden, vertonen und überspielen und geht zwischendrin per Handy im Radio auf Sendung. Die Reporter helfen sich gegenseitig, als Kameramann bei den Aufsagern oder mit Ersatz für störanfälliges Equipment. Auf über fünftausend Meter Höhe, musste Reimers feststellen, versagen Computerfestplatten den Dienst. Auch der Strom fällt aus. Manche Übertragung platzt. Dennoch will die ARD-Reporterin weitermachen, solange sie kann. Der Fackellauf auf den Mount Everest sei „wichtig für China und für Olympia“, sagt sie, das müsse man kritisch abbilden.

Informationen aber erhalten die Reporter nur häppchenweise. Die tägliche Pressekonferenz informiert über das Wetter, nicht aber über die Bergsteiger und den Zeitplan des Aufstiegs. „Dazu haben wir keine Antwort“, mit diesen Worten würden sie abgespeist, sagt Ariane Reimers. Dabei hatte der IOC-Präsident Jacques Rogge persönlich Anfang April der Weltpresse versprochen, wegen der Arbeitsbedingungen beim Fackellauf in Tibet bei den chinesischen Behörden nachzufragen. Ariane Reimers hilft das wenig: „Ich befürchte, erst wenn die Flamme auf dem Gipfel ist, wird man CCTV einschalten und zeigen: Wir haben es geschafft; jetzt dürft ihr berichten.“



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: REUTERS