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| Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt: Betonkanu-Modelle auf der letzten Regatta vor zwei Jahren. |
14. Mai 2009
Dass Beton exzellent schwimmen kann, beweist die Betonkanu-Regatta seit mehr als 20 Jahren. Der unter Schülern und Studenten beliebte Wettbewerb ist eine Mischung aus sportlichem Wettkampf und Sommerspaß, bei dem es nicht nur um Geschwindigkeit, sondern auch um Kreativität geht. Wer das beste Boot baut, gewinnt. Wer sich verkalkuliert, versinkt.
118,5 Kilogramm Beton glitten durch das Wasser. Ohne unterzugehen, denn glücklicherweise war der silbergrau und glatt wie Papier polierte Baustoff in die Form eines Kanus gegossen. Bug durchpflügte die grauen Fluten. Über dem Maschsee im Zentrum von Hannover braute sich ein Unwetter zusammen, trotzdem war das Ufer bunt gespickt voller Zuschauer, Zelte und Flaggen. Steuermann Rico Ehrlich feuerte seinen Kameraden an, härter zu rudern. Wieder und wieder hieb Simon Macura ins Wasser. Wäre er doch nur öfter beim Ruderclub gewesen, oder hätten sie das Kanu leichter gebaut! Jetzt drängte das gelbe Boot sie ab, erreichte vor ihnen die Boje. Machtlos mussten die angehenden Bauingenieure zusehen, wie die Konkurrenten erst die Wende nahmen und dann den Slalom. In diesem Moment stand fest: Das Team der Technischen Fachhochschule Berlin (TFH) würde sie nicht gewinnen - die Betonkanu-Regatta 2007.
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| Die richtige Mischung macht’s: Catrin Pährisch beim Experimentieren mit Beton. |
Wenn das Ding einmal in Bewegung ist, kriegt man keine Kurve mehr, sagt Rico Ehrlich mit einem breiten Grinsen. Knapp zwei Jahre nach seiner ersten Regatta fährt seine Hand fast liebevoll über die Oberfläche des formvollendeten Kanadiers Panta Rei. Immerhin brachte das Boot mit dem griechischen Namen ihm und seinen fünf Kommilitonen den zweiten Preis im Design-Wettbewerb. Jetzt verstaubt es in einem dunklen Geräteschuppen, denn jede Regatta verlangt nach neuen Konstruktionen.
Dieses Jahr wagt der 30 Jahre alte Student einen zweiten Anlauf. Um zu gewinnen natürlich. Aber auch wegen der Gaudi: Denn neben dem sportlichen Wettkampf ist die Regatta auch ein gigantisches Zeltlager für Spätjugendliche. Mehr als 100 Mannschaften aus ganz Deutschland, Frankreich und der Schweiz waren in Hannover dabei, Partys und Konzerte inklusive. Die größte Herausforderung: Wenn dann mittags das Rennen losgeht, muss man erst mal so nüchtern sein, dass man starten kann, scherzt Ehrlich.
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| Sieht schön aus: Mit diesem Betonkanu gewannen Rico Ehrlich und seine Freunde vor zwei Jahren den zweiten Preis im Design-Wettbewerb. |
Jedes Team stellt neben den Zelten seine Boote aus, um sie der Jury vorzustellen. Die Boote der Wettkampfklasse ähneln herkömmlichen Kanus, bei denen der Offenen Klasse ist alles möglich: Schwimmende Hamsterräder, überdimensionierte Bierkisten oder ein Floß in Form eines Wasserflugzeugs.
Bei den Jury-Präsentationen zu Gestaltung und Gesamtkonzept schlägt Ehrlichs Stunde. Der schlanke Berliner mit den funkelnden Katzenaugen hat vor dem Studium eine kaufmännische Ausbildung absolviert. Man muss sich gut rüberbringen und vermarkten, schwärmt Ehrlich. Das gelang ihm so gut, dass unbekannte Konkurrenten den Berlinern nachts ihr Maskottchen stahlen. Als Ehrlich und Macura nach der Abschlussfeier den Kopf aus dem Zelt steckten, war er einfach weg, ihr hüfthoher Fernsehturm aus Beton.
Zwei Jahre später haben sich 15 Studenten der TFH von der Idee anstecken lassen. Im Juni werden sie in Essen ein Männer- und ein Frauenteam ins Rennen schicken, diesmal unter dem neuen Namen ihrer Hochschule: Beuth Hochschule für Technik. Schon Monate vor der Regatta treffen sie sich im Labor für Baustoffe, um ein neues Kanu zu entwerfen. In ihrer Freizeit, denn das Projekt ist freiwillig und wird nicht angerechnet.
Es macht einfach Spaß, außerhalb des normalen Betriebs gemeinsam Probleme zu lösen, sagt der Projektleiter Jürgen Berger. Für den Professor wird es schon die vierte Regatta. Er genießt es nicht nur, bei seinen Studenten endlich einmal eine echte Begeisterung für den häufig verschmähten Baustoff Beton zu erleben; auch der ungezwungene, persönliche Umgang untereinander motiviert ihn immer wieder, an freien Nachmittagen ins Labor zu kommen - und zu den Besprechungen in der Studentenkneipe Schupke gegenüber der Fakultät.
Hinter der Tür von Raum LE11 stehen die Zutaten für das Kanu 2009 aufgereiht über einer Werkbank. Das ist unsere Hexenküche, sagt Ehrlich, denn beim Betonmischen gehe es auch nicht anders zu als beim Bäcker oder im Lebkuchenhaus. Seine Kommilitonin Catrin Pährisch nimmt eine Stahlschüssel mit Zement in die Hand. Das ist unser Mehl, sagt Rico Ehrlich. Nein, das Bindemittel, korrigiert ihn Prof. Berger. Er zeigt die weiteren Zutaten: ein Schälchen mit verflüssigten Mikrosilika, ein wenig Flugasche, ein Behältnis mit struppigen Glasfasern, und eine Ladung Gesteinskörnung. Dazu eine kleine Menge einer hellbraunen Flüssigkeit, die aussieht wie schmutziges Wasser: das Fließmittel. Die 22 Jahre alte Studentin Pährisch schaut aufmerksam zu. Für die Zweitsemesterin ist es der erste Nahkontakt zum Werkstoff Beton. Im Sommer wird sie vielleicht selbst im Kanu sitzen und rudern, denn als Teenagerin war sie lange Zeit Leistungsschwimmerin. Jetzt schüttet sie die Zutaten nacheinander in einen Mischapparat, der aussieht wie der Mixer einer Großküche.
Die Mischung muss nicht nur besonders wasserfest werden, sondern auch extrem gut fließen und haften. Denn das Team um Rico Ehrlich plant einen großen Wurf: So, wie wir es dieses Mal machen, kündigt Ehrlich an, wurde meines Wissens bisher noch kein Kanu gebaut. Der Clou soll eine Negativschalung sein, bei der der Fließbeton von außen angebracht wird. Die zugrunde liegende Form aus Epoxidharz haben die Studenten bei einer Spezialfirma mit einer CNC-Fräse herstellen lassen. Wir sind gespannt, wie das funktionieren wird, sagt Ehrlich.
Für den Notfall bauen die Berliner ein Ersatzkanu nach klassischer Bauweise. Fehlkonstruktionen saufen nämlich einfach ab: 2007 sog sich der Beton einer Augsburger Berufsschulmannschaft so voll Wasser, dass es sang- und klanglos im Maschsee versank. Ein Risiko, an das sich auch die Berliner vorsichtig herantasten. Beim entscheidenden Wasserzementwert wollen sie hart an die Grenze gehen: Der Beton soll so flüssig sein, dass sie ihn perfekt verarbeiten können - ohne sich während des Rennens aufzulösen.
Bis Ostern soll der hirnintensive Teil abgeschlossen sein, dann geht es ans Stählen der Muskeln. Zum Glück hat der Uni-Sport der Beuth-Hochschule ein Abkommen mit dem Ruderclub Tegel 1886. Dort trainieren die Studenten in gewöhnlichen Kanus. Die Schwere des Betons simu- lieren sie, indem sie sich Bremslappen ans Boot hängen. Ihre eigenen Kanus lassen sie vor der Regatta lieber nicht zu oft ins Wasser. Es sollen eben ultraleichte Prototypen werden, sagt Simon Macura: Wenn wir da gerammt werden, ist es sofort vorbei.
Betonkanu-Regatta
Die verrückte Regatta ist eine Mischung aus Beton- und Bootsbautechnik mit sportlichem Wettkampf. In den Monaten vor dem Startschuss experimentieren die Teams mit den Baustoffen und der Form ihrer Kanus. Ziel ist es, leichte und gleichzeitig robuste Boote zu entwerfen. Prämiert wird nicht nur die sportliche Leistung. Es gibt auch Preise für die Gestaltung der Boote, intelligente Konstruktion sowie das leichteste und schwerste Boot. Selbst besonders originelle Mannschaftsauftritte und das schönste Regatta-Hemd werden ausgelobt.
Auch wenn es auf dem Wasser zugeht wie beim legendären Boat Race zwischen den britischen Elite-Universitäten Oxford und Cambridge, nehmen nicht nur Studenten teil: Die Teilnehmer kommen aus berufsbildenden Schulen, Fachhochschulen, Hochschulen und anderen Institutionen, an denen Betontechnik gelehrt wird. Studenten treffen auf Maurerlehrlinge, und selbst die Bundeswehr ist am Start. Seit der ersten Regatta 1986 hat das Rennen alle zwei Jahre an wechselnden Orten stattgefunden, zuletzt mit mehr als 100 teilnehmenden Mannschaften. In diesem Jahr geht es am 19. und 20. Juni auf den Essener Baldeneysee. Hauptsponsor und Organisator ist die Deutsche Zement- und Betonindustrie.
http://www.betonkanu-regatta.de