14. Dezember 2009

Nichts für die Disko

Tanz auf dem Balkan

Von Frauke Proganatz



22. Juni 2009 Spätestens seit dem Film „Time Of The Gypsies“ von Emir Kusturica ist Balkanmusik „in“. Psychologiestudentin Katja gehört zu den wenigen, die nicht nur die Musik osteuropäischer Länder lieben, sondern auch deren traditionelle Tänze nachtanzen.

Fremd klingende Blasmusik erfüllt die Aula der Joan-Mir-Grundschule in Berlin mit Leben. Die Melodie ist so schnell, dass es schwerfällt, mitzuklatschen, geschweige denn mitzutanzen. Obwohl es genau das ist, wozu dieser Rhythmus geradezu auffordert. Stillstehen und unberührt zuhören, das geht nicht. An die zehn Leute bewegen sich in der Aula simultan zum Takt. Dabei halten sie sich an den Händen, ihre Schritte werden immer schneller und - zumindest für den Zuschauer - auch immer komplizierter. Sie tanzen zu Musik aus dem Balkan. Dann ein rumänisches Stück: Es ist etwas langsamer, die Flöten sorgen für die Melodie. Plötzlich schreien alle zusammen: „Ho Ho Ho!“ Beim serbischen „Opa Cupa“ bewegt sich der tanzende Kreis ab und zu in die Mitte. Der eigene Tanzstil findet trotz einheitlicher Bewegungen seinen Platz: Manche wackeln mehr mit den Hüften, andere scheinen ihre ganze Bewegung in die Füße zu legen, und einige wippen mit ihrem ganzen Körper. Mittendrin funkeln die blauen Augen der 30-jährigen Psychologiestudentin Katja Maßalsky.

Jeden Mittwoch ist sie beim Kurs „Folklore vom Balkan“ des Universitätssports der Technischen Universität Berlin, den der 61-jährige, aus Rumänien stammende Nelu Eden leitet. Er zeigt Katja und den anderen Teilnehmern Tänze aus Bulgarien, Rumänien, Mazedonien, Serbien, Kroatien, Griechenland, der Türkei sowie Tänze der Pontos-Griechen, der Kurden und der Roma. Der Zufall brachte Katja in den Kurs: Bei einer Hallenabrissparty an der Universität wurden verschiedene Tänze vorgeführt. Und der Auftritt von Nelus Gruppe hatte es ihr sofort angetan. Inzwischen ist sie seit über zwei Jahren dabei und begeistert: „Dass man sich in der Gemeinschaft und mit der Gemeinschaft bewegt, erzeugt ein sehr starkes Zusammengehörigkeitsgefühl. Das zu erleben ist einfach toll. Und mir gefällt auch, dass beim Tanzen immer mal wieder irgendetwas laut gerufen wird, das hat etwas Befreiendes!“ Die 20-jährige Landschaftsarchitektur- und Landschaftsplanungsstudentin Ines Schneider hat vor sechs Monaten ihre Folkloreleidenschaft entdeckt und schwärmt: „Ich bekomme immer gute Laune. Und wenn alle zusammen tanzen, kann man sich viel leichter in der Musik verlieren, als wenn man es alleine macht!“ Bei den Tänzen, die die beiden lernen, tanzen entweder alle zusammen in einem offenen oder geschlossenen Kreis oder in einer Reihe. Alle halten sich an den Händen oder legen ihren Arm auf die Schultern des Nachbarn. Nur ab und zu wird die Einheit zerstört und der Kreis kurz für eine Tanzfigur unterbrochen. Dann drehen sich alle um ihre eigene Achse oder klatschen gleichzeitig wie bei dem kroatischen „Nabrala Je“.

Im Gegensatz zu lateinamerikanischen Tänzen, die sich hierzulande gerade großer Beliebtheit erfreuen und in Diskotheken und auf Partys für gute Laune sorgen, scheint die Folklore-Szene mit ihren Reigen eher unter sich zu bleiben. Zumindest in Berlin. „Auf offenen Partys habe ich solche Tänze noch nicht gesehen“, erzählt Katja. Auch Ines bedauert dies: „Leider kann man so in Clubs nicht tanzen!“ Dabei gäbe es durchaus gute Anlässe: Wenn das mazedonische Balkan Brass Orchester „The Original Kocani Orkestar“ des Startrompeters Naat Veliov in die Blechinstrumente bläst, hält kein Fuß still. Bekannt wurde es durch die Musik von Goran Bregovic für das Zigeuner-Epos „Time Of The Gypsies“ des aus Sarajevo stammenden Regisseurs Emir Kusturica. Es ist wohl auch der Verdienst seiner Filme, dass der Balkan-Sound boomt. Weniger traditionelle Klänge gibt es auf Partys mit klingenden Namen wie „Balkanbeats“, denen ebenfalls ein Kreistanz gut zu Gesicht stünde und die aus einsamen Clubgängern neue Folklore-Anhänger schaffen könnten. Doch der Trend geht in die andere Richtung: Der Frankfurter DJ Shantel beispielsweise sagte in einer Zeitung, er wolle weg vom Klischee der lustigen Balkan-Bauernhochzeiten à la Emir Kusturica. Gesagt, getan: Er vermischt alt mit neu. Und wenn er in Berlin, Paris oder Istanbul auflegt oder gar mit seinem „Bucovina Club Orkestar“ vorbeischaut, gibt es zwar keine Kreise, aber die Masse tobt.

Bis der Spagat zwischen Volkstanz und Club geschafft ist, können sich die Berliner-Kreistanzfans bei Folkloreabenden im Statthaus Böcklerpark verausgaben. Mitmachen darf in der Jugend- und Kindereinrichtung in Berlin-Kreuzberg jeder, der Lust hat. Angst vor einem folkloristischen Kleiderzwang ist unbegründet: Die Trachten werden nur bei besonderen Anlässen herausgeholt. Katja hatte kürzlich zum ersten Mal eine rumänische an und kam sich zunächst komisch vor: „Am Anfang habe ich gelacht, aber dann bekam das Ganze fast schon etwas Würdevolles. Es hat so etwas Ursprüngliches, und man fühlt sich der Tradition noch einmal mehr verbunden.“

Im Statthaus stehen leichte bis mittelschwere Tänze auf dem Lernprogramm. Katja gesteht: „Manche Schrittfolgen sind richtig kompliziert. Ich bin froh, wenn ich von 30 Tänzen drei vorher schon mal getanzt habe. Obwohl ich es schon länger mache!“ Und das ist wahrlich keine Schande. Es gibt zwar in jedem Land einfache Tänze, die jeder kennt, wie in Griechenland den Kalamatianos, der überall auf jedem Fest getanzt wird. Aber manche regionalen Tänze wie der Nizamikos aus Naoussa (Nordgriechenland) sind so speziell, dass sie nur zu einer einzigen Melodie getanzt werden können. Zudem entwickeln manche Lehrer sogar neue Choreographien zu einzelnen Liedern, die meist auf authentischen Schritten basieren. Nelu, der seit 28 Jahren dabei ist, hat bisher an die 3.000 Tänze kennengelernt, an die 100 kann er problemlos an seine Schüler weitergeben, selbst mitmachen kann er bei fast allen. Meistens gibt an erster Stelle in einem offenen Kreis derjenige den Ton an, der den Tanz beherrscht. „Der Erste muss es können, dann machen die Beine automatisch das, was er macht“, berichtet Nelu. Und Katja rät, sich dem Fluss der anderen anzuvertrauen und auf die Musik zu hören: „Der Rest kommt dann von allein!“

Schaut man sich die Balkanfreunde im Statthaus genauer an, fällt auf, dass kaum Jugendliche unter ihnen sind. An anderen Orten und in anderen Kulturen kann das ganz anders aussehen: Auf dem „Myfest“ in Berlin Kreuzberg gab es nun schon häufiger eine Bühne unter dem Motto: „My Cepki Day“. Zu Live-Musik tanzen Hunderte von Jugendlichen den ganzen Tag den kurdischen Cepki.

Mag sein, dass sich in Deutschland mehr junge Leute für Balkanlieder interessieren würden, wenn sie mehr über ihre Entstehung und Inhalte wüssten. Katja erzählt beispielsweise von einem Lied, in dem eine rumänische Mutter um ihre Tochter weint, die ihre Familie wegen eines Mannes verlässt, den sie heiraten wird. „Wenn man so etwas erfährt, bekommt man gleich einen viel stärkeren Bezug zu der Musik. Man hört genauer hin und spürt die Sehnsucht und Wehmut, die in einem Lied stecken. Gefühle, die einen dann natürlich auch beim Tanzen begleiten.“ Je intensiver sie sich mit den Tänzen beschäftige, desto größer werde ihre Lust, zu den Entstehungsorten zu reisen. „Ich würde gern mal in eins der Balkanländer fahren und dann in eine dörfliche Gemeinschaft reinkommen und ein Volksfest miterleben“, sagt Katja. Bis dahin geht sie weiterhin zu ihrem Kurs oder zu Balkanabenden.

Zum Nachahmen: Kalamatianos

1 RF geht in Tanzrichtung nach rechts
2 LF kreuzt hinter RF
3 RF geht wieder in Tanzrichtung
4 LF kreuzt vor RF
5
RF wieder in Tanzrichtung
6 LF kreuzt erneut vor RF
7 RF in Tanzrichtung
8 Nun setzt LF vor RF auf und der RF wird angehoben
9 RF landet wieder auf dem Boden
10 LF wird neben den RF gesetzt
11 Nun setzt RF vor LF auf und LF wird angehoben
12 LF setzt wieder auf dem Boden auf

Schrittfolge: RF = rechter Fuß LF = linker Fuß

Animierte Tanzabfolge unter http://www.kalamatianos.de

Typisch Kreistanz:

Häufige Tanzformen:

1 Geschlossener Kreistanz: Alle halten sich an den Händen, es entsteht keine Lücke im Kreis.

2 Offener Kreistanz: Zwar tanzen alle im Kreis, aber der Kreis ist an einer Stelle unterbrochen.

3 Reihentanz: Alle stehen in einer Reihe nebeneinander und blicken in die gleiche Richtung.

Häufige Tanzfassungen:

V-Fassung: Nebeneinander stehend fassen sich die Tänzer an die Hand.

W-Fassung: Die Tanzenden halten sich in Schulterhöhe an den Händen, ihre Arme sind abgewinkelt.

T-Fassung: Die Arme werden seitwärts ausgestreckt, und die Hände liegen auf den Schultern der beiden Nachbarn.

X-Fassung (auch geflochtene Fassung): Man fasst die Hände der übernächsten Nachbarn an und kreuzt dabei die des direkten Nachbarn. Gute Tanzbeschreibungen: Michael Hepp erklärt leicht verständlich Kreistänze aus Ländern von Albanien über Frankreich bis Ungarn zu den passenden Musik-CDs.

Text: Hochschulanzeiger Nr.103, 2009, Seite 94
Bildmaterial: Anke Kuhl, Labor
 
Artikel-Service
DruckenDrucken
VersendenVersenden
Lesezeichen
Vorherige SeiteVorherige Seite
 
Wir behaupten
Das ist ja mal wieder typisch

Sagen Sie uns, was Sie tun, und wir sagen Ihnen, wer Sie sind. Zwei weitere Beispiele aus unserer Typenkunde. 

Der Lokalzeitungsfotograf
Dirty dying
Wie wird man eigentlich Tatortreiniger, Herr Heistermann?

So durchgestylt wie in der Fernsehserie „C.S.I.“ sieht es in Wahrheit selten aus, wenn jemand stirbt. Im wirklichen Leben ist der Tod im wahrsten Sinne des Wortes ein schmutziges Geschäft. Christian Heistermann, 40 Jahre alt und selbständiger Berliner Gebäudereiniger, hat sich auf Tatortreinigung spezialisiert. 


Kulturtipps