Wertvolle Bücher

Die Weisheiten Ibn Sinas

Von Brita Sachs, München

23. Juli 2008 Aus Sammlersicht ist ein Buch nicht allein dann gut, wenn der Inhalt etwas taugt, sondern auch seine Herstellung hohe Anforderungen erfüllt: Seltenheit, Herkunft und Erhaltungszustand komplettieren die Kriterienliste, und schon wird die Luft dünner im umfangreichen Angebot antiquarischer Bände. Die Münchner Spezialauktionatoren hatten ausreichend viele dieser Raritäten im Angebot, um mit den Resultaten der Frühjahrsrunde zufrieden zu sein. Hartung & Hartung meldet ein wertbezogenes Verkaufsergebnis von 98 Prozent, bei Zisska & Schauer freut man sich sogar über mehr als 104 Prozent.

Eine exquisite Sammlung illustrierter Stammbücher rief bei Hartung & Hartung die Interessenten auf den Plan. Ein Künstleralbum, das Johann Carl Ebner von Eschenbach zwischen 1707 und 1718 von Künstlern in Rom füllen ließ, stieg auf 56.000 Euro (Taxe 26.000 Euro), bis sich ein englischer Händler im Saal gegen das Telefon durchsetzen konnte. Das frühe, 1599 begonnene Freundschaftsalbum eines polyglotten Otto von dem Bongart brachte dank Miniaturen und Adelswappen 22.000 Euro (18.000) von einem Schweizer Privatkunden. Ein um 1490 für den Gebrauch der Diözese Paris gefertigtes Stundenbuch wechselte bei 34.000 Euro (30.000) in ein deutsches Antiquariat.

Die Welt mit schedelschen Augen sehen

Seltenheitswert bescherte der Erstausgabe von Konrad Celtis' Liebesromanen „Quatuor libri amorum . . .“, die unter anderen auch Dürer illustrierte, einen von privat bewilligten Zuschlag von 35.000 Euro, mehr als das Vierfache der Taxe. Als „traumhaft schönes Exemplar“ der berühmten Weltchronik lobt der Auktionator den „kleinen“ Schedel von 1500, der im kaum jüngeren Einband und mit Altkolorit 32.000 Euro (12.000) erlöste. Das Wappen Wenzel Anton Graf von Kaunitz-Rietbergs, er war Minister unter Maria Theresia, prangt auf der vielbändigen „Histoire générale des voyages . . .“ des Antoine F. Prévost d'Exiles, die für 25.000 Euro (8000) in den Schweizer Handel ging.

Und in der Gräflich Erbach-Erbachschen Hofbibliothek stand einst das opulente Tafelwerk „Herkulaneum“ (Neapel, 1755 bis 1792); als Hartung die Hofbibliothek 1988 versteigerte, brachte diese Bestandsaufnahme 2800 Mark; jetzt konnte sie sich auf 19.000 Euro (8500) verbessern. Zum Spitzenlos der Graphikauktion bei Hartung brachte es erwartungsgemäß ein Album, das Franz Kobell von 1814 an mit 161 Landschaftsskizzen füllte, allerdings blieb es mit 14.000 Euro knapp unter der Taxe.

Die medizinische Weisheit des Orients

Bei Zisska & Schauer ließ ein kapitales Angebot von rund 150 Inkunabeln die hohen Zuschläge in Serie gehen: Auf der Basis ziviler Schätzungen entwickelten sich rege Bietkämpfe: Antoninus Florentinus' „Summa theologica“, Teil drei, in Gestalt einer druckhistorischen Rarität schnellte von 1200 Euro auf 17.000 Euro. Dann kam der “Canon medicinae“ des Ibn Sina oder Avicenna, wie der persische Arzt bei uns heißt, zum Aufruf. Über Jahrhunderte blieb das kluge Kompendium aktuell, das in lateinischer Übersetzung und als seltene, 1482/83 von Pierre Maufer in Venedig gedruckte Ausgabe mit gemalten Initialen vorlag und auch seinen gotischen Einband noch besaß.

Londoner Handel hob das seltene Buch von 20.000 auf 74.000 Euro. Die erste vollständige Ausgabe von Boccaccios „Genealogiae deorum“, gedruckt 1472 bei Wendelin von Speyer in Venedig, ging für 22.000 Euro (15.000) über den Tisch, und Petrarcas ein Jahr später in Ulm hergestellte „Historia Griseldis“ als unkorrigierter Erstdruck ließ sich der Kunstsammler und Petrarca-Spezialist Reiner Speck für 28.000 Euro (12.000) zuschlagen. Bei den Alten Drucken verdoppelte die Erstausgabe des Neuen Testamentes im vollständigen griechischen Originaltext plus lateinischer Übersetzung des Erasmus von Rotterdam (Basel, 1516) die Taxe mit 16.000 Euro.

Eine begehrte Signatur von T. S. Eliots

Unter Widmungsexemplaren für den Literaturwissenschaftler Ernst Robert Curtius schnitt als begehrtestes „Four Quartets“ von T. S. Eliot ab, der es 1945 dem Freund zueignete, der sein Werk in Deutschland bekannt gemacht hatte: Auf die bescheidene Taxe von 1500 Euro antwortete die Nachfrage mit dem exorbitanten Zuschlag bei 30.000 Euro. Durch Eliot auf Joyce aufmerksam gemacht, setzte sich Curtius auch für den Iren ein. Der schrieb ihm freundliche Zeilen in „Tales told of Shem and Shaun“, das von 2000 auf 17.000 Euro zog. In Joyces „Finnegans Wake“ klebt noch Eliots Brief, in dem er Curtius 1939 um eine Rezension bittet, was für 12.000 Euro (2500) sorgte. Als Käufer all dieser Pretiosen trat ein englischer Händler auf.

Hitler wollte in Linz das gesamte linke Donauufer mit Repräsentationsbauten besetzen, die ihm Hermann Giesler, Leiter dieser Bausachen seit 1942, mit seinem Team zeichnete. Eine Mappe mit 300 Originalzeichnungen und Blaupausen, auf denen der bauwütige Tyrann selbst hier und dort ein wenig dilettierte, fand starkes Interesse, das zum Ergebnis von 36.000 Euro (5000) reichte, mit denen ein Moskauer Bieter unter anderem das Linzer Stadtarchiv ausstach.


Die Erstausgabe von Konrad Celtis' Liebesromanen spielte bei Hartung & Hartun...

Die Erstausgabe von Konrad Celtis' Liebesromanen spielte bei Hartung & Hartung 35.000 Euro ein (von 1502; Taxe 8000).



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Hartung & Hartung, Zisska & Schauer

 
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