Von Vita von Wedel, Hamburg
05. Juli 2008 Fast erwartungsgemäß hatte Gabriele Münters schöne "Dorfkirche in Riedhausen" von 1908 bei den Bietern auf der zweitägigen Sommerauktion von Hauswedell & Nolte in Hamburg für Entzücken gesorgt und für heftiges Engagement von allen Telefonen und im Saal. Schließlich stieg sie von geschätzten 250.000 auf dann doch unerwartete 380.000 Euro, erkämpft vom Telefon gegen einen im Saal anwesenden deutschen Privatsammler, der mit seiner Familie angereist war. Heiße Gefechte boten sich auch die kühlen Norweger um Edvard Munchs graphische Blätter: die Kaltnadelradierung "Das kranke Kind" von 1894 in einem der höchst raren frühen Zustandsdrucke wurde von einem resoluten Telefonbieter in 10.000-Euro-Schritten gegen alle bemühte Konkurrenz von geschätzten 30.000 auf 90.000 Euro gehoben.
Die ebenso seltene Fassung der Lithographie "Eifersucht I" steigerte ein anderer norwegischer Telefonbieter von 40.000 auf 112.000 Euro, was mit dem allfälligen Aufgeld immerhin knapp 130.000 Euro entspricht. Egon Schieles rare rote Lithographie des sparsam skizzierten Porträts des Paris von Gütersloh geht für 32.000 Euro (Taxe 10.000) in eine "prominente amerikanische Sammlung", wie zu hören war. Auch bei den deutschen Expressionisten bestätigte sich das Phänomen, dass Druckgraphik oft den gezeichneten oder aquarellierten Unikaten eines Künstlers vorgezogen wird.
Blühendes von Emil Nolde
So fand sich bei Emil Noldes Aquarellen nur ein Käufer für die um 1950 entstandenen leuchtenden "Sommerblumen", leicht unterhalb der Taxe für 110.000 Euro, während sich für die im Berliner Zoo aquarellierten Amphibien keine Hand hob. Noldes graphische Blätter sorgten hingegen für engagiertes Bieten: Das 1908 radierte "Kauernde Weib" stieg von 12.000 auf 19.000 Euro, der Holzschnitt "Fischdampfer" aus dem Jahr 1910 von 20.000 auf 26.000 Euro. Bei den Mappenwerken wurde die Meistermappe des Bauhauses von 1923 (130.000) verschmäht, Chagalls Mappe "Sur la terre des dieux" von 1967 jedoch mit den geschätzten 150.000 Euro honoriert.
Kurz zuvor war Chagalls aquarellierte Gouache "L'Écuyère", um 1926, von einem rheinischen Sammler gegen internationale Konkurrenz von 26.000 auf 42.000 Euro gehoben worden. Jawlenskys Tuschpinselzeichnung "Weiblicher Kopf II" von 1912, die später in 75 Exemplaren als Fotolithographie gedruckt wurde, stieg von 4.000 auf 18.500 Euro. Bei den postumen Barlach-Güssen reüssierte nur der nach einem verlorenen Gipsmodell von 1926 geformte Stukkoguss "Das Wiedersehen (Christus und Thomas)", der von 12.000 auf 38.000 Euro kam; für die späten Bronzen der populären Motive "Der singende Mann" (150.000) und "Wanderer im Wind" (50.000) fanden sich keine Liebhaber.
Ein Gemälde Richters reüssiert
Rare radierte Selbstbilder von Max Beckmann hingegen finden immer viele Freunde: So stieg "Der Raucher" von 1916 auf 62.000 Euro. International begehrt war auch Heckels bildmäßig schöne farbige Lithographie "Blaues Kleid" von 1912, die sich schließlich ein deutscher Sammler für 42.000 Euro (25.000) sichern konnte. Gerhard Richters Rakelbild "Grün-Blau-Rot" aus der Edition für die Kunstzeitschrift "Parkett" von 2004 verdoppelte die Schätzung und erreichte 10.0000 Euro, Franz Klines schöne abstraktexpressionistische Ölkompositionen auf Papier aus den späten fünfziger Jahren entsprachen mit 90.000 und 110.000 Euro genau den Erwartungen.
Bei der Alten Kunst am zweiten Auktionstag bestätigten die Rembrandt-Radierungen ihre Schätzpreise, wie zum Beispiel "Abrahams Opfer" von 1635, das für 38.000 Euro zugeschlagen wurde, und "Die Hütten am Kanal", um 1645, für 20.000 Euro. Die nach wie vor ungebrochene Wertschätzung für Menzels brillante Zeichnungen zeigte sich im Ergebnis von 19.000 Euro (12.000) für die ausführliche Beobachtung einer "Alten Dame" im Jahr 1892.

Gerhard Richters „Grün-Blau-Rot” von 1993 erreichte starke 100.000 Euro (30 cm hoch; Taxe 50.000 Euro).
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Hauswedell & Nolte