Von Lisa Zeitz, New York
03. Mai 2008 Jetzt noch mehr, noch teurer! Sowohl Christie's als auch Sotheby's wollen mit ihren New Yorker Abendauktionen am 13. und am 14. Mai alles bisher Dagewesene übertrumpfen - und bieten Gegenwartskunst für so viel Geld wie noch nie zuvor an. Sotheby's beziffert seine Gesamttaxe, bei 85 Losen, mit rund 290 bis 360 Millionen Dollar; Christie's hat 57 Lose im geschätzten Wert von 280 bis 390 Millionen Dollar im Programm. Die Kunst umfasst Meisterwerke des Abstrakten Expressionismus, der Pop Art, der Arte Povera und des Minimalismus sowie zeitgenössische Installationen und Gemälde.
Es gibt eine frühe Staubsauger-Arbeit von Jeff Koons, späte Abendmahls-Motive von Andy Warhol, daneben absurde japanische Skulpturen, junge Malerei aus China und Indien und als skurrile Neuheit in dieser Saison - ein Haus mit Grund und Boden in Kalifornien: Wir haben uns ausgerechnet, dass Leute, die sich ein Bild von Mark Rothko leisten, genauso gut ein Haus von Richard Neutra kaufen könnten, sagt Brett Gorvy, einer der beiden Direktoren der Zeitgenossen-Abteilung bei Christie's. Richard Neutras streng geometrisches Kaufman House wurde in den Jahren 1945 bis 1947 in der malerischen Wüstenlandschaft von Palm Springs erbaut und soll nun - eingebettet zwischen einem Joke Painting von Richard Prince und einem blauen Tondo mit Schmetterlingen von Damien Hirst - fünfzehn bis 25 Millionen Dollar einspielen.
Andy Warhol als Platzhirsch
Was Picasso für die Auktionen des Impressionismus und der Moderne, das ist Warhol für die Kunst nach 1945; wieder taucht sein Name am häufigsten auf. Nach ihm kommen Koons, Hirst und, besonders prominent in dieser Saison, Richard Prince, aber auch wieder Gerhard Richter und Donald Judd. Jackson Pollock ist diesmal gar nicht vertreten (drei teure, mit Garantien versehene Gemälde Pollocks wurden im vergangenen Jahr bei Sotheby's zu Rückgängen), und auch von Willem de Kooning sind weitaus weniger Werke im Programm. Die höchstbewerteten Lose stammen von Francis Bacon - siebzig Millionen Dollar! -, von Rothko, Warhol, und Lucian Freud.
Bei Christie's sind die höchsten Taxen sämtlich mit einer Garantiesumme (für den Einlieferer, unabhängig vom Zuschlagpreis oder Verkauf des Loses) kombiniert; bei Sotheby's sind es nicht alle, aber viele. Da kommt einiges zusammen: Christie's hat sich so mit schätzungsweise 220 Millionen Dollar verpflichtet. Zum Teil bekommen die Einlieferer ihr Geld schon vor der Auktion. Amy Cappellazzo, Direktorin der Zeitgenossen-Abteilung, merkt zu den Aktivitäten ihres Hauses als Kreditinstitut an, dass Christie's nicht wie früher den Käufern Kredit einräume, wohl aber den Einlieferern: Jede Saison, sagt sie, werden Brett Gorvy und ich zu besseren Bankern.
Rekordverdächtiges Bild von Lucian Freud
Viele spektakuläre Werke zielen darauf ab, ihre Künstler auf ein neues Preisniveau zu katapultieren, etwa Lucian Freuds Benefits Supervisor Sleeping von 1995. Hat Freuds Bild seiner schwangeren Tochter aus dem Jahr 1992 erst im November 2007 den Rekordzuschlag von 17,25 Millionen Dollar gebracht, so erwarten die Experten nun für den meisterhaft grotesken Akt der übergewichtigen Sue Tilley auf einem schäbigen Sofa eine Summe zwischen 25 und 35 Millionen Dollar. Das wäre dann der höchste Preis für ein Werk eines lebenden Künstlers überhaupt. Christie's verrät nicht, wer die Einlieferer sind, aber vermutlich handelt es sich um die in Cannes lebenden Sammler Guy und Marion Naggar.
Aus einer amerikanischen Privatsammlung bietet Christie's drei Meisterwerke des Abstrakten Expressionismus an. Adolph Gottliebs schwarz-roter Cool Blast aus dem Jahr 1960 (Taxe 2/3 Millionen Dollar) würde schon mit der unteren Marge einen neuen Rekord notieren. Sam Francis' meditatives Bild Black stellt ein Gebilde aus vielen farbtropfenden schwarzen und einigen blauen, gelben und roten Zellen dar. Franz Meyer, der Direktor des Kunstmuseums Basel, kaufte das Bild im Jahr seiner Entstehung 1955 in Francis' Pariser Atelier für seine Privatsammlung. Im Mai 2001 wurde es schon einmal bei Christie's versteigert und kam damals auf fast 2,5 Millionen Dollar (inklusive Aufgeld); jetzt ist es auf vier bis sechs Millionen geschätzt (auch da wäre schon die untere Taxe neuer Rekord).
Toplos von Mark Rothko
Aus der selben amerikanischen Privatsammlung kommt das Los mit der höchsten Taxe des Abends: Rothkos No. 15 von 1952 lässt rote Farbfelder auf einem leuchtend gelben Hintergrund schweben und vermittelt den Eindruck flirrender Sonnenglut; auf Anfrage lautet die Schätzung um vierzig Millionen Dollar. Als das Bild 1999 in der New Yorker Herbstauktion bei Sotheby's versteigert wurde, lag die Taxe bei vier bis sechs Millionen Dollar, aber es erzielte elf Millionen Dollar (inklusive Aufgeld), damals ein Höchstpreis für Rothko. (Auf vierzig Millionen Dollar lautete übrigens auch die Schätzung für Rothkos White Center aus der Sammlung Rockefeller, das vor einem Jahr bei Sotheby's den Hammerpreis von 65 Millionen Dollar einbrachte.)
Auch bei Gerhard Richters abstrakten Bildern ist die Preiserwartung von den hohen Summen motiviert, die während der jüngsten Auktionen dafür bezahlt wurden: Brachte ein abstraktes Bild von 1992 vor einem Jahr bei Christie's in New York einen Rekord mit 5,5 Millionen, so peilt jetzt am selben Ort ein anderes, das 2,5 mal vier Meter messende Abstrakte Bild (625) von 1987, mit einer Schätzung von sieben bis zehn Millionen Dollar einen neuen Rekord an (vor nur fünf Jahren war es auf zwei bis drei Millionen geschätzt und kostete dann brutto knapp 3,4 Millionen Dollar). Zu den zweifellos attraktivsten Losen des Abends gehört Warhols cooler Double Marlon von 1966. Das zweifache Porträt Marlon Brandos in Motorradkluft aus dem Film The Wild One ist in schwarzem Siebdruck direkt auf die unbehandelte, goldtonige Leinwand aufgetragen, die damit quasi zur Filmleinwand wird. Warhols Huldigung an Hollywood ist, auf Anfrage, mit rund dreißig Millionen Dollar beziffert.
Die Krefelder Sammlung Lauffs
Für Sotheby's ist am 14. Mai die größte Schatztruhe der Saison die Sammlung von Helga und Walther Lauffs, die nach rund vier Jahrzehnten im Krefelder Kaiser-Wilhelm-Museum von der Witwe Lauffs und ihren sechs Töchtern verkauft wird. Allein mit den 21 Werken dieser Provenienz in der Abendauktion erwartet man einen Umsatz von rund fünfzig Millionen Dollar. Yves Kleins goldenes Bild MG 9 (6/ 8 Millionen Dollar), sein tiefblaues IKB 1 (5/7 Millionen) und sein rosafarbenes MP 13 (2/3 Millionen) bilden den Auftakt, dann folgen ein faltiges weißes Achrome Piero Manzonis von 1958 (4,5/6,5 Millionen) und, neben anderen, dreidimensionale Arbeiten von Donald Judd, Carl Andre, Sol LeWitt und Dan Flavin.
Zu den bedeutendsten Stücken der Pop Art aus Krefeld zählt Tom Wesselmans Assemblage Great American Nude No. 48 (6/8 Millionen), wo sich Malerei und Interieur zu einer neuen Ebene vermischen: Neben dem gemalten Akt steht ein Plastikblumenstrauß, aber die Heizung ist ebenso echt wie das verblichene Matisse-Poster. Sotheby's hat außerdem angekündigt, das bedeutendste Werk von Francis Bacon in Privatbesitz zu versteigern, und es entsprechend in the region of 70 million taxiert.
Das eindrucksvolle Triptychon von 1976 besteht aus drei je rund zwei mal 1,5 Meter messenden Leinwänden und schwelgt in christlichen und mythologischen Symbolen, während gequälte Körper und fleischfressende Vögel ihr Unwesen treiben. Es wird vermutet, dass es sich bei dem ungenannten Einlieferer um die Familie des 2003 gestorbenen Kunstsammlers Jean-Pierre Moueix handelt, der auch das Weingut Chateau Petrus gehört. Beide Häuser offerieren Werke aus Warhols später Last Supper-Serie nach Leonardos Abendmahl; bei Sotheby's wiederholt eine schwarz-gelbe Leinwand auf einer Breite von mehr als zehn Metern den Kopf Jesu 112 mal (10/15 Millionen).
Phillips de Pury trumpft mit Basquiat
Den Reigen der zeitgenössischen Abendauktionen vollendet Phillips de Pury am 15. Mai mit 65 Losen, die wie in den vergangenen Jahren überwiegend einem jüngeren Programm zugehören, drunter Mark Grotjahn, Banks Violette, Wilhelm Sasnal, Kai Althoff, Dana Schutz und Anselm Reyle. Von Robert Gober kommt ein wächsernes Bein aus dem Jahr 1990; es ist mit echtem Menschenhaar versehen, mit Hosenbein, Socke und Schuh, und soll in Bodenhöhe an der Wand angebracht werden (1,2/1,8 Millionen).
Die Toplose des Abends sind Basquiats Fallen Angel mit weit ausgebreiteten Flügeln (8/12 Millionen), Gerhard Richters quadratisches Abstraktes Bild 610/1 aus dem Jahr 1986 (5/7 Millionen) - und Jeff Koons' marmornes Self-Portrait (6/8 Millionen): Die weiße Porträtbüste mit nackter Brust und geschlossenen Augen war 1991 Teil der sensationellen Ausstellung Made in Heaven in der Galerie Ileana Sonnabend. Der Künstler zeigt sich selbstverliebt, als Krönung der Schöpfung, über einem kitschigen Sockel aus Bergkristall. Insgesamt rechnet Phillips de Pury mit einer Gesamtschätzung von fünfzig bis 72 Millionen Dollar.

Tom Friedmans Skulptur „Garbage Can” bei Phillips de Pury (500.000/700.000 Dollar)
Warum nicht auch mal ein Haus?
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Christie's, Phillips de Pury, Sotheby's
