Stammeskunst

Benin-Bronze macht Kasse

Von Andreas Platthaus

09. Mai 2008 Rekord! So hallt es laut aus Köln: Auktionsrekord für afrikanische Stammeskunst im deutschsprachigen Raum. Aber ist Brüssel wirklich deutschsprachiger Raum, oder beruft sich das Auktionshaus Lempertz scheinnaiv auf seinen Stammsitz Köln? Natürlich wäre es noch naiver gewesen, ein Glanzstück wie den bronzenen Ahnenkopf aus Benin, der den 1848 gestorbenen Oba (König) Osemwenede zeigt, in Köln statt in Brüssel zu versteigern, denn in der belgischen Hauptstadt spielt die Musik, wenn es um Stammeskunst geht. So wurde denn auch das stark stilisierte Haupt des Oba rasch von 60000 Euro Schätzpreis auf 560.000 hochgetrieben. Und eigentlich ist das noch wenig.

Beute aus kolonialer Zeit

Denn Benin-Bronzen zählen zum Rarsten, was der Kunstmarkt zu bieten hat. Fast alle erhaltenen Stücke entstammen der Beute des britischen Eroberungsheeres, das 1897 aus dem westafrikanische Königreich im heutigen Nigeria alles mitnahm, was nicht niet- und nagelfest war – inklusive des regierenden Oba. Die Bronzen wurden über ganz Europa verteilt – besonders engagiert griffen deutsche Museen zu.

Aber auch Hans Meyer, Völkerkundler aus reicher Leipziger Verlegerfamilie, baute eine Sammlung auf. Daraus stammt der jetzt versteigerte Kopf, und im Leipziger Grassi-Museum, wo heute der größte Teil der Meyerschen Kollektion liegt, befindet sich ein fast identisches Stück, das aber zwei winzige Beschädigungen aufweist. Um den Grassi-Bestand gab es vor zehn Jahren einen Rechtsstreit, als Meyers Erben über einen besonders prachtvollen älteren Bronzekopf einen Musterprozess anstrengten, der mit einem Vergleich endete. Der Streitwert betrug damals zwei Millionen Mark. Lempertz hatte seinen jetzigen Schätzpreis also grotesk niedrig angesetzt – zumal angesichts der Aufmerksamkeit, die die große Benin-Ausstellung in Berlin derzeit findet.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Lempertz

 
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche