Jugendstil und Design

Silberner Peitschenhieb

Von Brita Sachs, München

20. Juli 2008 Mit einer Jubiläumsauktion startete Quittenbaum ins Frühjahr: das zehnjährige Bestehen des Münchner Hauses beging man mit Objekten des Jugendstils und des Art déco, von denen manche, wie zur Feier des Tages, mit besonders guten Ergebnissen zu Buche schlugen. Als erster Gratulant bestätigte ein blaugrünes, auf einer Federschale hockendes „Caméléon“ mit 12.000 Euro die hohen Erwartungen, die sich mit diesem Pâte-de-verre-Entwurf Amalric Walters für Daum verbunden hatten.

Dann gab es Blumen, genauer Kirschblüten, auf einer pilzförmigen Tischlampe, gleichfalls von Daum, die ein Sammler für 22.000 Euro (Taxe 18.000 Euro) ergatterte. Kunterbunte Halbedelsteine verliehen Josef Hoffmanns runder Brosche eine Attraktivität, die man mit 30.000 Euro (22.000) honorierte. Zum Knüller des Tages aber geriet ein Armlehnstuhl von Louis Comfort Tiffany und Samuel Colman. Das schwere dunkle Eichenmöbel, reich beschnitzt mit Flechtband- und Pflanzenornamentik nach keltischen und skandinavischen Vorbildern, ließ sich ein amerikanischer Bieter 44.000 Euro (6000) noch ohne Aufgeld kosten.

Eine Entdeckung aus Paris

Auch von Zezschwitz’ Jugendstilkatalog barg manche Trouvaille. Die Silbermontierung in Peitschenhiebform, die eine Tiffany-Vase mit elegantem Henkel umschlingt, müsste von Edward Colonna stammen, meinten die Experten und schlossen weiter, dass das Gefäß wohl in Siegfried Bings Pariser Laden „L’Art Nouveau“ erworben wurde, für den Colonna häufig tätig war. Offenbar stimmten die Bieter den Vermutungen zu, jedenfalls zog das bislang unbekannte Stück spielend von 14.500 auf 32.000 Euro. Zwei Atelierstücke „Grand Genre“ von Emil Gallé steigerten sich auf 20.000 und – dank plastischen Magnoliendekors – auf 25.000 Euro (18.000; 11.000), derweil blieb Josef Hoffmanns „Flügelkelch“ aus Messing mit 15.000 Euro um 3000 Euro unter der Erwartung.

Zur Aussteuer einer Nürnberger Unternehmertochter, die deren Mutter komplett Peter Behrens übertragen hatte, gehörten umkämpfte Service- und Besteckteile, die man in Konvoluten ersteigerte. Teuerstes Stück bei dem facettierten Porzellan mit grünem, geometrischem Aufglasur-Dekor wurde mit 14.500 Euro (3000) die Kaffeekanne. Das Silberbesteck, bei dem es sich um den gleichen Entwurf handelt, den Behrens selbst in seinem Darmstädter Haus benutzte, verzeichnete allein für sechs Mokkalöffel 4900 Euro (1200). Den Tagesrekord aber brachte erneut ein Möbel; August Endell, berühmt für seine abstrakte Jugendstil-Gestaltung des Münchner Fotoateliers „Elvira“, das leider zerstört wurde, entwarf fast zeitgleich, um 1899, einen Halbschrank mit frontalen, wild züngelnden Messingbeschlägen, der nun 33.000 statt 8000 Euro einspielte.

Eine Tänzerin in Ketten

Georg Wrbas glattglänzende Bronze „Europa auf dem Stier“, die 6200 Euro (3500) brachte, und Troubetzkoys „Jockey“, er zog von 3000 auf 8500 Euro, schafften es im Kapitel Skulptur am weitesten nach vorn. Etwas früher im Jahr hatte von Zezschwitz dem Thema Skulptur bereits eine Spezialauktion eingerichtet, deren Erstplazierte, die „Kettentänzerin“ des Art-déco- Künstlers Demetre H. Chiparus, auf schlanken Elfenbeinen 18.000 Euro (22.000) beim deutschen Handel ertanzte. Zweite wurde mit 12.000 Euro (15.000) die Frau gewordene „Quelle“ des Erbacher Elfenbeinschnitzers Ferdinand Preiss.

Salonkunst des Historismus reüssierte mit dem „Mohr mit Papagei“, verkauft für 2500 Euro (3000); Hermann Gladenbeck, Schöpfer dieser Exotik-Spielerei, betrieb in Berlin eine Gießerei, wo auch die Bronzeversion von Max Klingers berühmtem „Badenden Mädchen“ entstand, die 7000 Euro erzielte. Noacks begehrte Gießermarke trägt August Gauls Knuddelbär, der auf 4000 Euro (2800) kletterte. Unverhofft gut kam eine bronzene Lebendmaske Bertolt Brechts an, die der gebürtige Hamburger Paul Hamann dem Dichter 1930 abnahm: Dank Museums-Engagement stieg die bislang unbekannte Version auf 4300 Euro (1250). Sabine Grzimek, berühmte Bildhauerin der DDR, schuf den lebensgroßen Akt eines „Jungen aus der Marienburger Straße“, der für 11.000 Euro (9600) nach Amerika auswanderte.

Italienisches Design der vierziger Jahre

Beim Design hatte Quittenbaum die Nase vorn: Zwei Sofas und ein Sessel, die Ico und Luisa Parisi gemeinsam mit Gio Ponti wohl in den vierziger Jahren entwarfen, gingen für stolze 35.000 Euro (30.000) nach Italien. Desgleichen Pontis ovaler, die Gruppe gut ergänzender Sofatisch, der Taxe entsprechend für 8000 Euro. Hinter der Schätzung blieb Marcel Breuers „Lattenstuhl ti 1a“ von 1924, der noch am Weimarer Bauhaus ausgeführt worden sein könnte, aber dennoch bei 16.000 Euro verharrte (20.000). Gino Safrattis Stehleuchte „1063“, als überzeugend schlicht aufgerichtete Leuchtstoffröhre längst ein Klassiker, ließ ein Hammerpreis von 26.000 Euro (18.000) strahlen; und acht Wandappliquen „CP-1“ von Charlotte Perriand 1960 ersonnen, ließ sich ein Bieter 8000 Euro (5500) kosten.

Von Otto Lindigs rundbauchiger, zwei Liter fassender Teekanne mit eckigem Messingbügel ist nur jenes Exemplar bekannt, das von Zezschwitz anbot und einem Interessenten 4200 Euro (1500) entlockte. Auf lange dünne Vogelbeine stellte Meret Oppenheim 1939 das Tischchen „Traccia“, das in einer Ausführung von 1971 noch immer 3000 Euro (2000) bringen kann. Ihre Design-Auktionen hatten die Konkurrenten diesmal auf denselben Tag gelegt, was im Interesse der Bieter gar nicht überzeugte. Trotzdem wird es im Herbst erneut einen solchen Doppler geben, diesmal beim Jugendstil, und Lampen und Leuchten wollen sich in der kommenden Saison ebenfalls beide Häuser speziell vorknöpfen – etwas mehr Streuung täte hier allerdings gut.


Dieses Pâte-de-verre-Chamäleon von Amalric Walter bei Quittenbaum entsprach m...

Dieses Pâte-de-verre-Chamäleon von Amalric Walter bei Quittenbaum entsprach mit 12.000 Euro der Schätzung.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Quittenbaum, Von Zezschwitz

 
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