Von Brita Sachs, München
28. Juni 2008 Fliegende Untertassen erblickte in der frühen Neuzeit noch niemand. Sie waren einfach noch hinterm Horizont. Dafür erschienen "am fünften tag des monats Januari" 1520 mit Tagesanbruch drei Sonnen über Wien; ein Wunder war es auch, als ein paar Jahre früher der Tiber-Hochstand sich senkte und einen toten bocksfüßigen Eselsvogel mit Frauenbrust und Rüsselarm zurückließ. In Dauerfurcht vor Gottes Rache verstand die Epoche unerklärliche Naturereignisse wie Nebensonnenerscheinungen, Nordlichter oder Kometen als himmlische Zorneszeichen und versuchte, diese Prodigia zu deuten.
In Wunderzeichenbüchern sammelte man dazu unheimliche Berichte, die auch von Blutwundern wussten, von Missgeburten, von bärtigen Weintrauben, Monstern und Auferstehungen: Das Wunderzeichenbuch, das Ruef in München am 3. Juli im Rahmen der Auktion mit Kunst und Kunsthandwerk versteigert, illustrierte ein süddeutscher Maler im 16. Jahrhundert mit vielen höchst erzählerischen Gouachen in kräftigen Farben; handschriftliche Erklärungen bestätigen die Anschauung. Auf 19.000 Euro taxiert, warten die Sensationsberichte aus alter Zeit im neueren Ledereinband auf ihre Interessenten.
Federvieh im Wasser
Unsigniert blieb das Gemälde eines deutschen Spätbarockmalers vom sterbenden heiligen Franz Xaver, "betrauert von Heiden" seiner Missionsländer Indien und Japan - ein kleiner Afrikaner ist auch in die Gruppe geraten. Im originalen Rocaillenrahmen gilt dem Bild eine Taxe von 1100 Euro, womit es ein Exempel für die durchweg niedrig angesetzten Gemäldepreise abgibt. Höchstbewertet liegt Alexander Koesters locker gemalte Impression von "Enten am Wehr" bei 12.500 Euro.
Grafik der Moderne beginnt mit Baselitz' Holzschnitt "Der Trinker", 1981, einem Probedruck vor der numerierten Auflage (Taxe 800 Euro); außerdem hält die Sektion Zeichnungen von Kubin, Corinth oder auch Pechstein bereit. Das Spitzenstück beim Porzellan besetzt den Katalogtitel: eine mächtige "Französische Vase" mit hübscher Ansicht des Berliner Stadtschlosses und Griffen in Greifengestalt, hergestellt von KPM und mit einem 1868 datierten Schenkungsbrief des königlichen Hofmarschallamts versehen (4800).
Nach wohlbestückten Partien zu Skulpturen, Silber, Uhren, Volkskunst, Teppichen schließt der Auktionstag des traditionell auf eine breite kunsthandwerkliche Basis bauenden Hauses mit alten Möbeln - und einer Prunkkommode der Sonderklasse: Musizierende Paare schmücken das übergreifende, mit Bandelwerk strukturierte Furnierbild der dreischübigen Front. Aber auch auf den Seiten und der Platte gibt es viel zu sehen. Die Literatur kennt ein Gegenstück zu diesem um 1750 im Mainfränkischen gebauten Möbel, das als besonderes Charakteristikum Henkelvoluten vor seinen abgeschrägten Vorderkanten aufweist. "Aus süddeutschem Adelsbesitz" lautet die Provenienz und die Schätzung auf 18.500 Euro.

Federvieh im Glück: Alexander Koesters (1864 bis 1932) Karton soll 12.500 Euro einspielen (44 mal 62 cm).
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Ruef