Kunst und Antiquitäten

Licht in den Bergen

Von Tilo Richter

15. Juni 2008 Rekordverdächtig sind schon die acht Kataloge, die Koller für seine Auktionen am 17. bis 21. Juni zusammengestellt hat: Sechs Kilogramm bringen die reich bebilderten Publikationen auf die Waage. Die Gesamttaxe aller Auktionen mit Schweizer Kunst, Klassischer Moderne, antiken Möbeln und Bronzen sowie zeitgenössischer Kunst am 30. Juni beläuft sich auf 22 Millionen Franken; allein aus den Verkäufen Schweizer Kunst erwartet Koller bis zu 4,5 Millionen, der Bereich Moderne Kunst soll vier Millionen einspielen.

Die Offerte mit Schweizer Kunst vom 20. Juni führt Giovanni Giacomettis expressiver „Frühling im Bergell“ mit einer Schätzung auf 1,3 bis 1,8 Millionen Franken an. Das Gemälde von 1912 repräsentiert die wohl wichtigste Schaffensphase Giacomettis und gilt als Hauptwerk der Bergeller Jahre. Sein Gemälde „Morgensonne am Silsersee“ (Taxe 360.000/540.000 Franken) fällt durch die gekonnte Lichtführung und den pastosen Duktus auf. Maltechnisch pointillistischen Einflüssen verpflichtet zeigt sich Gottardo Segantinis Engadiner Landschaft „Blick auf Sils Baselgia“ (150.000/200.000). Félix Vallotton ist mit dem Akt „Le bain“ (350.000/ 550.000) von 1905 vertreten. Aufeinander abgestimmte Farbklänge und Formen einer abstrahierten Landschaft zeigt der vormalige Bauhaus-Meister Johannes Itten in seinem Gemälde „Mondlicht-Landschaft“ von 1958 (100.000/140.000), das von einer österreichischen Privatsammlung eingeliefert wurde.

Ein Pferd am Strand

In der Auktion für Moderne Kunst am 20. Juni werden für Pierre Auguste Renoirs Blumenstillleben „Rosen“ bis 500.000 Franken erwartet. Aus dem Frühwerk des Italieners Giorgio de Chirico kommt „Cavallo in riva al mare“ zum Aufruf. Rätselhaft und mystisch wirkt sein naturalistisches Ross vor einer sich kaum abzeichnenden Landschaft. Dieses Gemälde wechselte unlängst im Berliner Auktionshaus Jeschke, Hauff, van Vliet für einen Hammerpreis von 80.000 Euro den Besitzer und wird jetzt auf seiner nächsten Runde durch den Kunstmarkt auf 110.000 bis 140.000 Franken geschätzt.

Erstmals wird bei Koller der Kategorie mit Gegenwartskunst ein eigener Auktionstag am 30. Juni gewidmet. Besondere Erwähnung wert ist dabei eine Sammlung von Frühwerken Anselm Kiefers, die einen außergewöhnlichen Einblick in die Entwicklung des Künstlers bietet. Eingeliefert wurde diese einzigartige Kollektion von einer mit dem Künstler eng befreundeten Sammlerfamilie; die meisten der jetzt angebotenen elf Werke wurden bisher weder ausgestellt noch gehandelt. Sein großformatiges Gemälde „Rote Frau“ von 1967 ist auf 230.000 bis 330.000 Franken geschätzt.

Übermalung von Anselm Kiefer

Aus dem Jahr 1980 stammt Kiefers „Der gestirnte Himmel über mir, das moralische Gesetz in mir“, eine mit Acryl übermalte Fotografie, für die bis 150.000 Franken erwartet werden. Serge Poliakoff malte zwischen seinen beiden Documenta-Teilnahmen in den Jahren 1959 und 1964 „Rouge et Blue“ (300.000/400.000), eine überaus reizvolle Abstraktion auf großem Format. Aus der gleichen Epoche stammt eine Arbeit von Willi Baumeister. Sein 1954 vollendeter „Monturi-Kreis“ (160.000/ 260.000) stammt aus einer Werkgruppe in lichten und hellen Farbtönen, die den dunklen Arbeiten der „Montaru“-

Serie gegenüberstehen. Das Spitzenlos unter den Werken chinesischer Künstler ist Yin Zhaoyangs monumentales Ölgemälde „Tian Anmen Square“ aus dem Jahr 2004 (250.000/300.000). Hohe Erwartungen hat das Auktionshaus auch an ein „Stillleben mit Kerzenleuchter und Wasserkaraffe“ (220.000/ 300.000) des russischen Malers Wasily Iwanowitsch Surikow, der das Gemälde drei Jahre vor seinem Tod 1913 vollendete. Am 19. Juni kommen Möbel, Bronzen und Kunsthandwerk zur Versteigerung. Fraglos das kapitalste Stück dieses Tages ist die vom Florentiner Bildhauer Nicolo Bazzanti um 1850 geschaffene Skulptur „La traversée du désert“.

Orientalin in der Höhe

Für die mit ihrem Marmorsockel mehr als zweieinhalb Meter hohe orientalische Reiterin auf ihrem Wüstenschiff wird der neue Besitzer voraussichtlich 400.000 bis 600.000 Franken bewilligen müssen. Wem die Orientalin zu exotisch ist, der begeistert sich vielleicht für ein exquisites Damenbureau aus der namhaften Grenobler Werkstatt der Brüder Pierre und Jean-François Hache, die das elegante Schreibmöbel um 1760 herstellten (500.000). In der rund 150 Lose umfassenden Auktion für moderne Graphik bietet Koller unter anderem eine vollständige Serie von zwölf handsignierten Farblithographien (380.000/450.000) von Marc Chagall an, die sich während der vergangenen vierzig Jahre in Schweizer Privatbesitz befanden.

In der Spezialauktion mit Kunst aus Afrika und Ozeanien am 21. Juni fällt eine in den zwanziger Jahren an der Elfenbeinküste entstandene Holzfigur der Baoulé auf (150.000/200.000). Die detailreich gearbeitete, 81,5 Zentimeter hohe Skulptur besticht nicht nur durch ihre überragende handwerkliche Qualität, sondern weist zudem beste Schweizer und französische Provenienzen auf.


“Le Bain“ von Felix Vallotton, Öl auf Karton (von 1905; 350.000/550.000 Franken)

"Le Bain" von Felix Vallotton, Öl auf Karton (von 1905; 350.000/550.000 Franken)



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Galerie Koller

 
Blühende Landschaft: Giovanni Giacomettis Gemälde “Frühling in Bergell“ aus d... Fotografie und Acrylfarbe: Im Jahr 1980 schuf Anselm Kiefer diese Übermalung ... Bäume bei Nacht: Johannes Itten malte diese „Mondlicht-Landschaft” im Jahr 19... Stolze Reiterin: Gut 2,5 Meter ist diese Bronze „La traversée du désert” von ... Klare Grenzen: Serge Poliakoffs Gemälde „Rouge et Bleu” von 1961 (Taxe 300.00... Standfest: Holzfigur der westafrikanischen Baoulé (81,5 cm hoch; 150.000/200....