Kunst der Gegenwart

Nicht nur Champagner

Von Anne Reimers, London

07. Juli 2008 Die Abendauktionen mit zeitgenössischer Kunst bei Sotheby's, Christie's und Phillips de Pury hätten unterschiedlicher nicht ausfallen können. Zwar drängten sich bei allen drei Veranstaltungen die Gäste, doch bei Phillips waren die Gebote eher dünn gesät und die Verkaufsrate von 66 Prozent besorgniserregend, während bei Sotheby's um fast jedes Los mindestens drei, vier Bieter, davon einige im Saal, rangen und die Stimmung gelöst war. Der Abend bei Phillips brachte Auktionator Simon de Pury Sorgenfalten auf die Stirn. Mehrfach fischte er imaginäre Gebote aus der Luft, um mit diesen chandelier bids Käufer zu locken, bevor er zerknirscht „Pass“ zischte, weil sich kein Interessent fand.

Nur sechzig der 91 Lose konnten verkauft werden, viele fanden nur ein einziges Gebot; der Umsatz von 24,5 Millionen Pfund blieb daher hinter den Erwartungen von 29 bis 41 Millionen zurück. Für ganze vierzig Lose hatte das Haus ihren Einlieferern eine Garantiesumme - also einen nicht veröffentlichten Betrag, unabhängig vom Verkauf - zugesichert. Das kam Phillips nun teuer zu stehen: Eine wenig attraktive frühe Plastik von Jeff Koons, „Mermaid Troll“ (Taxe 400.000/500.000 Pfund), wanderte ebenso ins Lager wie McCarthys Installation „Bunk House“ (1,5/2 Millionen), Warhols „Five Guns“ (250.000/350.000) oder „The Scream“ (800.000/1,2 Millionen) und mehr.

Ein Rekord für de Kooning

Es gab jedoch auch gute Nachrichten: Der Londoner Händler Ivor Braka beglückte Phillips mit dem Gebot von 3,1 Millionen Pfund (1,5/2,5 Millionen) für ein abstraktes unbetiteltes Spätwerk von Willem de Kooning, das zum Spitzenlos avancierte. Braka kaufte auch Albert Oehlens „Bereits Katzen werden an die Spitze getrieben“ für 130.000 Pfund (70.000/90.000). Warhols „Nine Multicolored Marilyns“ wurden zur unteren Taxe von 2,2 Millionen Pfund ebenso an einen Telefonbieter vermittelt wie das drittteuerste Los des Abends, Zeng Fanzhis „Chairman Mao II“ für 1,9 Millionen (2/3 Millionen). Am eifrigsten war jedoch ein anonymer Kunde am Telefon des Spezialisten Jean-Michel Placent, bei Phillips für private Transaktionen zuständig.

Der folgende Abend bei Christie's sah Privatsammler, die wieder kräftig kauften und dem Haus einen Umsatz von 86,241 Millionen Pfund brachten. Jedoch wurden einige Lose als zu hoch bewertet abgelehnt: Nach der Auktion gab Brett Gorvy, Chef des Zeitgenossen-Departments, zu, es seien nicht unbedingt die Erwartungen der Einlieferer, auch die Christie's-Experten seien „sehr ambitioniert“ gewesen, was das Preisniveau angehe. Drei der Spitzenlose konnten für mehr als zehn Millionen Pfund verkauft werden; 48 von 58 Losen fanden neue Besitzer. Koons' gigantische Plastik „Balloon Flower (Magenta)“ fand zwar nur zwei Bieter, etablierte aber mit dem Hammerpreis von 11,5 Millionen Pfund - bewilligt durch einen anonymen Klienten am Telefon von Brett Gorvy - knapp einen neuen Weltrekord; hinter den Erwartungen von mehr als zwölf Millionen Pfund blieb die Skulptur jedoch zurück.

Galeristen in Aktion

Lucian Freuds „Naked Portrait with Reflection“ überschritt mit, von der Christie's-Spezialistin Pilar Ordovás bewilligten 10,5 Millionen Pfund knapp die untere Taxe von zehn Millionen (bis 15 Millionen). Ordovás setzte sich dann für einen anderen Kunden an ihrem Telefon mit 15,4 Millionen (um 12 Millionen) bei Francis Bacons kleinformatigen „Three Studies for Self-Portrait“ gegen mehrere Bieter durch. Auch die angereisten Galeristen waren bei Christie's aktiver: Stefan Ratibor von Gagosian kaufte Jeff Koons' „Auto“ zum Rekordpreis von 2,2 Millionen (2,2/2,8 Millionen) für ein Koons-Gemälde. Tony Shafrazi nahm ein „Last Supper“ Warhols für 2,85 Millionen (2/3 Millionen) mit, während sich Robert Mnuchin gegen einen Telefonbieter geschlagen geben musste, der die Rekordsumme von 1,65 Millionen Pfund (400.000/600.000) in Gilberts & Georges Meisterstück von 1973, „To Her Majesty“, investierte.

Der Juwelier Laurence Graff bot von seinem Platz in der ersten Reihe aus 550.000 Pfund (400.000/600.000) für einen „Skull“ von Warhol, und der New Yorker Händler Roberto Mugrabi setzte sich bei einem „Dollar Sign“ von Warhol mit 1,35 Millionen (1,2/2 Millionen) durch. Später kaufte Mugrabi auch noch Tom Wesselmanns „Great American Nude #82 (#4)“ für 410.000 Pfund (220.000/280.000). Dagegen fand Wesselmanns wandfüllende Installation desselben Titels als „#44“ (2,5/3 Millionen) keinen Abnehmer, ebenso wenig wie ein garantiertes, mehr als zwölf Meter langes Punktgemälde von Hirst (2/3 Millionen). Abzusehen war vielleicht auch die Ablehnung von Fontanas pinkfarbenem Oval „(Concetto Spaziale) La fine di Dio“ mit der überhöhten Taxe von acht Millionen Pfund.

Preise auf neuem Niveau

Wirklich Champagnerlaune kam erst am Abend bei Sotheby's auf. Sagenhafte 94,7 Prozent der 75 angebotenen Lose konnten in einem zweieinhalbstündigen Marathon vermittelt werden; 66,2 Prozent davon übertrafen ihre oberen Taxen. 94,7 Millionen Pfund sind der höchste Umsatz, der jemals im Sommer in Europa für Gegenwartskunst erzielt wurde; die obere Gesamttaxe von 96,6 Millionen wurde nur knapp verfehlt. Zum ersten Mal lag der Durchschnittspreis für ein zeitgenössisches Werk bei 1,33 Millionen Pfund: „Die Leute brauchten etwas Zeit, um sich auf das neue Preisniveau einzustellen - aber sie tun es, während sie bieten“, kommentierte Auktionator Tobias Meyer das schwindelerregende Niveau und die langgezogenen Bietgefechte.

Spitzenlos des Abends wurde Bacons kleine, aber exquisite „Study for Head of George Dyer“, für die sich Cheyenne Westphal von Sotheby's am Telefon gegen einen asiatischen Sammler im Saal durchsetzte: Erst bei 12,25 Millionen Pfund (8 Millionen) fiel der Hammer. Abgelehnt wurde Bacons weniger dramatische „Figure Turning“ mit einer Taxe von zehn bis fünfzehn Millionen Pfund. Ein durchschlagender Erfolg war der Verkauf von zwölf weiteren Werken aus der Krefelder Sammlung Lauffs: Fast alle überholten ihre Schätzungen deutlich und brachten zusammen 18,9 Millionen Pfund ein - das Dreifache ihrer unteren Schätzung. Yves Kleins „Ant 131“ stieg sogar auf 3,7 Millionen (700.000/900.000), worauf sich die mit dem gesamten Familienclan angereiste Mutter Helga Lauffs eine Träne aus dem Augenwinkel wischte.

Marlene Dumas bleibt die teuerste lebende Künstlerin: Ihr Großformat „The Visitors“ stieg auf 2,8 Millionen Pfund (800.000/1,2 Millionen). Sie überholte damit die Marge von 2,25 Millionen für Bridget Rileys „Chant 2“ aus der Sammlung Hoh. Ein von der Rockband U2 eingereichter Basquiat, „Untitled (Pecho/Oreja)“, erzielte 4,5 Millionen Pfund (4/5 Millionen), und bei der „Overseas Nurse“ von Richard Prince habe sich, so heißt es, Modedesigner Valentino mit 3,75 Millionen Pfund (4/6 Millionen) gegen Mugrabi durchgesetzt.


Für Bridget Rileys „Chant 2” aus der Sammlung Hoh wurden bei Sotheby's 2,25 M...

Für Bridget Rileys „Chant 2” aus der Sammlung Hoh wurden bei Sotheby's 2,25 Millionen Pfund bewilligt (Taxe 2/3 Millionen Pfund).



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Christie's, Phillips de Pury, Sotheby's

 
Alberto Burris Relief “Grande Bianco Plastica“ aus dem Jahr 1965 erreichte 1,... „Untitled (Pecho/Oreja)” von Jean-Michel Basquiat aus dem Jahr 1982/83 erreic... „Overseas Nurse” von Richard Prince aus dem Jahr 2002 erzielte 3,75 Millionen... Dan Flavins “untitled, monument for V. Tatlin“ erreichte 350.000 Pfund (244 Z... Droht mit beiden Händen: Banksys Sprühwerk „Insane Clown” von 2001, zugeschla... Für Jean-Michel Basquiats “Untitled“ aus dem Jahr 1982 wurden 1,2 Millionen P... Einlieferer war das Ehepaar Rachofsky: Für Jeff Koons Stahlskulptur “Balloon ... “Three Studies for Self-Portrait“ von Francis Bacon  aus dem Jahr 1975 erreic... Das Gemälde „Kleine Strasse” von Gerhard Richter aus dem Jahr 1982 brachte 2 ... Andy Warhols Leinwand “Large Campell's Soup Can“ aus dem Jahr 1965 spielte 3,... Francis Bacons „Study for the head of George Dyer” von 1967 wurde für 12,25 M... Das Los mit dem höchsten Zuschlag bei Phillips de Pury: Ivor Braka bewilligte... Starke 170.000 Pfund wurden für Banks Violettes Zeichnung „burnout (fadeaway)... Damien Hirsts Leinwand “The Importance of Elsewhere-The Kindgdom of Heaven“ a... Richard Princes Acrylbild „What a Kid I was #2” von 1989 wurde für 420.000 Pf... “Naked Portrait with Reflection“ von Lucian Freud aus dem Jahr 1980 konnte 10... „Double Portrait” betitelte Richard Artschwager sein Bild in Acrylfarben aus ... Diese Fotoinstallation „To Her Majesty” von Gilbert & George wurde für 1,65 M...