Von Angelika Heinick
13. Juni 2008 Der Graf war sparsam. Seine Gäste bekamen nur wenig zu essen und zu trinken. Einmal setzte er ihnen sogar ein Buffet aus Pappmaché vor. Doch zu jedem der rauschenden Feste, die Etienne de Beaumont in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts in seinem Stadtpalais nahe dem Invalidendom veranstaltete, drängten das "Tout Paris" des Hoch- und Geldadels und der künstlerischen Avantgarde in Scharen. Jean Cocteau, Coco Chanel, Erik Satie oder Serge Diaghilew gingen im "Hôtel de Masseran" ebenso ein und aus wie Igor Strawinsky und Georges Braque.
Marcel Proust erschien Punkt Mitternacht zum Silvesterball von 1921; er hatte vorsichtshalber schon diniert. Picasso entwarf Kostüme für den "Bal des Jeux" im Februar 1922, und der junge Schriftsteller Raymond Radiguet verewigte das tolle Treiben des Grafen Etienne de Beaumont und seiner Frau Edith in seinem letzten, 1924 erschienenen Roman "Der Ball des Grafen von Orgel". Nach dem Ball mit dem Motto "Rois et Reines" im Jahre 1949 erloschen die letzten Lichter des "Faubourg Saint-Germain", der einst glanzvollen Hochburg der französischen Aristokratie, und Etienne de Beaumont verkaufte das 1787 vom Architekten Alexandre-Théodore Brongniart für den spanischen Grande und Prinzen von Masserano im klassizistischen Stil erbaute Palais an den Baron Elie de Rothschild.
Dem Verfall preisgegeben
Der Baron und seine Frau Liliane statteten das Hôtel de Masseran mit kostbaren Wandvertäfelungen und Mobiliar aus, bevor sie es in den siebziger Jahren an den Präsidenten der Elfenbeinküste Félix Houphouët-Boigny verkauften, der es als Pariser Residenz benutzte. Seit dessen Tod im Jahre 1993 verfiel das Palais; die Republik Elfenbeinküste, im Streit um den Nachlass mit der Tochter Houphouët-Boignys, konnte die Kosten für die Instandhaltung des teilweise unter Denkmalschutz stehenden Stadthauses mit dreitausend Quadratmetern Wohnfläche nicht aufbringen. Nun scheinen die Verhältnisse geklärt, und die Regierung der Elfenbeinküste hat sich entschlossen, einen Teil des Inventars zu verkaufen, um die Renovierung des Baus zu finanzieren.
Das Auktionshaus Osenat in Fontainebleau hat den Auftrag erhalten, Mobiliar, Kunsthandwerk und einige Gemälde aus dem Hôtel de Masseran zu versteigern. Die auf den 29. Juni angesetzte Auktion von hundert Losen zu einem Gesamtschätzwert von sechs bis acht Millionen Euro kündigt sich als ein glanzvolles Ereignis der Pariser Frühjahrssaison an: Französisches Mobiliar und Kunsthandwerk des 18. Jahrhunderts von Rang und mit klingender Provenienz sind auf dem gegenwärtigen Markt eine Rarität.
Aufwendige Intarsien
Eine mit gesprenkeltem Mahagoni aus Santo Domingo furnierte Kommode von Jean-Henri Riesener liefert in ihrer schlichten rechteckigen Form und mit den zurückhaltenden Goldbronzeornamenten ein schönes Beispiel für den Stil Ludwig XVI.; sie gehörte einst dem belgischen Antiquitätenhändler und Sammler Charles Stein (200.000/300.000 Euro). Ebenso viel erwartet man für eine Kommode Ludwigs XV. mit dem Stempel des Kunstschreiners Jean-François Oeben, die sich durch eine komplexe Intarsienarbeit mitsamt einem großen intarsierten Blumenstrauß auszeichnet.
Die teuersten Möbelstücke sind zwei niedrige, mit Kupfer und Schildpatt intarsierte Prunkschränke, die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts nach einem Modell von André-Charles Boulle entstanden sind und auf ihren Mitteltüren allegorische Figuren der Flora und der Fülle aufweisen (600.000/ 800.000 Euro). Unter Denkmalschutz steht ein Ensemble aus Kanapee und sechs Fauteuils à la Reine Ludwigs XV. mit in Aubusson gewebten Bezügen, deren Motive die Fabeln von La Fontaine in Bildern erzählen (150.000/200.000 Euro).
Zerbrechliche Weinkühler
Ein Paar Räucherschalen aus Achat in einer monumentalen Ludwig-XV.-Goldbronzefassung, das einst dem russischen Grafen Nicolas Demidoff gehörte und von dessen Nachfahren im Palazzo San Donato in Florenz aufbewahrt wurde, ist mit 130.000 bis 200.000 Euro beziffert. Das Paar Weinkühler aus Porzellan der Manufaktur von Sankt Petersburg (Taxe 25.000/30.000 Euro) geht auf einen Auftrag des Zaren Paul I. von 1799 zurück, der seiner Tochter Maria Pawlowna und späteren Großherzogin von Sachsen-Weimar-Eisenach für ihre Mitgift ein ganzes Service mit italienischen Veduten schenkte.
Die größtenteils um 1980 beim Pariser Handel und auf Auktionen erworbene Sammlung umfasst außerdem das Gemälde einer jungen Bäuerin von Auguste Renoir, "La femme au fagot" von 1882 (1,8 bis 2,2 Millionen Euro), zwei jeweils rund zehn Kilo schwere Widder aus massivem Gold (je 150.000 bis 200.000 Euro) und acht bestickte Seidenwandbehänge des 18. Jahrhunderts mit Jahreszeiten-Motiven und Wassernymphen, die vermutlich in Sankt Petersburg entstanden sind (20.000/25.000 Euro). Der Graf Etienne de Beaumont könnte manchem Kunstliebhaber als Vorbild dienen: Denn um sich Extravagantes zu leisten, muss man den Gürtel enger schnallen.

Für diese beiden Weinkühler aus Sankt Petersburger Produktion erhofft man sich 25.000 bis 30.000 Euro (um 1800; 17,7 cm hoch).
Text: F.A.S.
Bildmaterial: Osenat