24. Januar 2008 Den Blick kokett dem Boden zugewandt, die Arme hinter dem Körper verschränkt, stellt sich Francis Bacon mit geöffneter Hose zur Schau. In dieser herausfordernden Pose hat ihn sein Freund, der Maler Lucian Freud, im Jahr 1951 eingefangen. Die in wenigen, festen Strichen ausgeführte Bleistift- und Kreidezeichnung stammt aus der Zeit, da die beiden noch junge Künstler waren, die gerade anfingen, sich einen Namen zu machen. Immer auch waren sie gleichzeitig Londoner Gesprächs-, Trink- und Spiel-Kumpanen. Als Freud zu zeichnen begann, soll Francis Bacon die Hose losgemacht haben, damit der Künstler die Hüften sehen konnte.
Das Blatt ist nicht nur für die bei Freud ungewöhnliche Spontaneität bemerkenswert. Ihm kommt eine ganz besondere Bedeutung zu, seitdem das juwelhafte kleine auf Kupfer gemalte Porträt Bacons aus der Sammlung der Tate Modern im Jahr 1988 bei einer Ausstellung in der Berliner Neuen Nationalgalerie gestohlen wurde. In der Momentaufnahme nimmt Freud hier auf der Zeichnung die Kopfhaltung vorweg, die er später für das verschollene Gemälde wählte; dies jedoch mit dem Unterschied, dass der verspielte Charakter der Skizze auf dem Ölbild ersetzt wurde durch einen melancholischen, in sich gekehrten Blick. Im Mundwinkel meint man sogar einen Hauch von Bitterkeit zu ahnen.
Einig in der Gegenständlichkeit
Die Zeichnung dokumentiert mehr als die Beziehung zwischen Bacon und Freud. Sie stammt aus der Sammlung des Künstlers R. B. Kitaj, der sich im vergangenen Oktober kurz vor seinem 75. Geburtstag das Leben genommen hat. Kitaj war es, der in den siebziger Jahren den Begriff von der Londoner Schule prägte, um jene disparate neben Bacon und Freud auch Frank Auerbach, David Hockney, Leon Kossoff und Michael Andrews einschließende Gruppe von gegenständlichen Künstlern zu kennzeichnen, die sich stilistisch schwer auf einen Nenner bringen lassen. Neben der Geistesverwandtschaft und der Zuwendung zur figürlichen Malerei verband sie vor allem der Ort ihrer Tätigkeit. Kitaj bezeichnete sich einmal als gutbezahlter Außenseiter, der sich über die Straße des Zeitgeistes schleppt und den aus der entgegengesetzten Richtung marschierenden Kunsttruppen begegnet.
Diese von den Moden und Launen der Epoche freie Haltung hatte er mit den Freunden aus der Schule von London gemeinsam. Wie nahe er ihnen stand, lässt sich an seiner Hochzeit mit Sandra Fischer in der historischen Bevis-Marks-Synagoge im Zentrum von London ablesen: David Hockney und Frank Auerbach waren Trauzeugen, und Lucian Freud und Francis Bacon gehörten dem aus mindestens zehn Männern gebildeten minjan an, welche das jüdische Hochzeitsritual verlangt. Die beinahe sentimentale Anhänglichkeit des schwermütigen Kitaj an die alten Freunde aus dem Kreis drängt sich bei der Betrachtung seiner Sammlung auf, die am 7. Februar bei Christie's in London versteigert wird.
Werke von der Hand des Sammlers
Neben Zeichnungen, Graphiken und Gemälden von Hockney, Auerbach und Freud ist Kitaj auch mit eigenen Werken vertreten, allen voran das seinem Helden Degas verbundene, auf bis zu 100.000 Pfund geschätzte Pastell der rauchenden Marynka aus dem Jahr 1980, das zahlreiche Buchumschläge ziert. Das grüblerische Selbstporträt im konvexen Spiegel, 1982 datiert und mit bis zu 40.000 Pfund taxiert, zeugt ebenso wie die mit 12.000 bis 18.000 Pfund bewertete Radierung von Manets berühmter Hinrichtung des Kaisers Maximilians von der ständigen Beschäftigung Kitajs mit den großen Meistern der Kunstgeschichte. An den von ihm gesammelten Leinwänden und Blättern reizte ihn nicht nur der künstlerische Wert: Sie wirken wie persönliche Erinnerungsstücke, die er an die wenigen nicht mit Bücherregalen gefüllten Wände seines einem gigantischen Zettelkasten ähnelnden Hauses in Los Angeles hängte, wie andere Fotos in ein Album kleben.
Neben den mit Reißzwecken angebrachten Zeitungsausschnitten, Postkarten und Bildbänden geben sie einen bewegenden Einblick in die Geisteswelt des ewig mit seiner jüdischen Identität ringenden Künstlers, dessen letzte Lebensjahre überschattet waren von dem frühen Tod seiner Frau Sandra, für den er die Kritiker seiner umfassenden Retrospektive von 1994 verantwortlich machte. Nach dieser Erfahrung hielt Kitaj es in London nicht mehr aus. Den gebürtigen Amerikaner, der in der europäischen Kulturwelt zu Hause war wie kaum ein anderer, drängte es an den Ort, wo er Sandra Fischer zuerst begegnet war: nach Los Angeles. Die Versteigerung seiner Sammlung, von der sich Christie's einen wohl vorsichtig bemessenen Gesamtumsatz von drei Millionen Pfund verspricht, ist eine postume Rückkehr an den Ort seiner künstlerischen Entfaltung und seiner alten Freundschaften.
Text: F.A.Z., 19.01.2008, Nr. 16 / Seite 42
Bildmaterial: Christie's
Eine Studie zur Ineffizienz der ![]()
Wer spricht? über den Zensurvorwurf im Fall des Deutschen Historischen Museums
Prügel für Eliteschüler: das Theaterstück Zwei Welten in Bonn dringt in die Migrationsproblematik
Ohne Nazi-Deutschland kein Vichy
19:50Journalisten waren und sind auf der falschen Fährte.
19:49