Impressionismus und Moderne in New York

Festhalten an den höchsten Erwartungen

Von Lisa Zeitz

''Danseuse au repos'' von Edgar Degas ist bei Sotheby's auf mehr als 40 Millionen Dollar geschätzt.

''Danseuse au repos'' von Edgar Degas ist bei Sotheby's auf mehr als 40 Millionen Dollar geschätzt.

04. November 2008 Die New Yorker Herbstauktionen mit Kunst des Impressionismus und der Moderne haben sich trotz der Weltwirtschaftskrise zum Ziel gesetzt, neue Rekorde in zweistelliger Millionenhöhe für Künstler wie Malewitsch, Munch und Degas aufzustellen. Mit den Gesamttaxen knüpfen die Auktionshäuser an die hohen Erwartungen des vergangenen Jahres an: Bei Sotheby's gleicht in dieser Saison die Erwartung von mindestens 350 Millionen Dollar für 71 Lose der Gesamttaxe der Abendauktion (für 76 Lose) im November 2007.

Bei Christie's liegt sie mit 250 bis 340 Millionen Dollar für 85 Lose zwar etwas unterhalb der Schätzung des vergangenen Herbstes (350 bis 490 Millionen Dollar für 91 Lose), doch dafür veranstaltet das Auktionshaus in dieser Woche einen weiteren Abend mit zwei Sonderauktionen: Die Hillman Family Collection soll mehr als sechzig Millionen Dollar einspielen, während die Sammlung von Alice Lawrence auf mindestens 44 Millionen Dollar geschätzt ist.

Mit russischem Geschmack

Bei Sotheby's hat die Abendauktion am 3. November ein entschieden russisches Aroma. Selbstverständlich reist eine Auswahl der Werke zur Vorbesichtigung nach Moskau, und die Texte im Sonderkatalog zum Spitzenlos sind auf Englisch und Russisch gedruckt: Kasimir Malewitschs „Suprematistische Komposition“ aus dem Jahr 1916, eine Ikone der russischen Malerei des 20. Jahrhunderts, wurde erst im April aus dem Stedelijk Museum an die Erbengemeinschaft des Künstlers restituiert - und soll nun mehr als sechzig Millionen Dollar einspielen.

Aber auch weniger bekannte Namen aus dem Osten Europas haben sich einen Platz in der Abendauktion erobert. Sotheby's bietet ein duftiges Interieur des russischen Impressionisten Konstantin Alexewitsch Korowin an und einen avantgardistischen Akt des in der Ukraine geborenen Vladimir Baranov-Rossiné. Gleich drei Leinwände von Boris Dmitrievich Grigoriev liefert das Berkshire Museum in Massachusetts ein, darunter die zwei Meter breite Darstellung zweier bretonischer Dudelsackpfeifer, „Binious“, aus der Serie „Visages du Monde“; die Taxe von vier bis sechs Millionen Dollar spekuliert auch hier auf einen Rekordpreis für den Künstler.

Harlekin von Picasso zurückgezogen

Doch auch die Klassiker sind wieder dabei, Monet, Modigliani, Giacometti oder Matisse, daneben Beckmann, Klee und Nolde. Picassos „Arlequin, Buste“ von 1909, ein kubistisches Meisterstück, das den negativen Raum ebenso solide ins Bild setzt wie die positiven Formen, hat mehr als ein halbes Jahrhundert dem Surrealisten Enrico Donati gehört, der in diesem Jahr neunundneunzigjährig gestorben ist. Er hat den Harlekin 1947 für 12.000 Dollar in der Pariser Galerie Louise Leiris gekauft; nun war das Bild auf mehr als dreißig Millionen geschätzt, wurde jedoch vom Eigentümer aus der Abendauktion zurückgezogen. Sotheby's gibt „private Gründe“ an und äußert sich darüber hinaus jedoch nicht.

Sotheby's kann außerdem mit besonders eindrucksvollen Werken von Degas prunken. Ein bezauberndes Pastell aus dem Jahr 1879, „Danseuse au repos“, zeigt eine junge Tänzerin mit großer grüner Schleife über dem Ballettrock, die ganz in sich vertieft ist, während sie zwischen zwei Übungen ihre Muskeln dehnt; hinter der Formulierung „estimate on request“ verbirgt sich eine Preiserwartung von mindestens vierzig Millionen Dollar. Das wäre ein Rekord für Degas und zum zweiten Mal ein Höchstpreis für dasselbe Bild; denn 1999 hatte es bei Sotheby's in London umgerechnet rund 28 Millionen Dollar erzielt, so viel wie kein anderes Werk Degas' seither.

Rekordverdächtiges Werk von Degas

Damals, so wissen Insider, kaufte der New Yorker Financier Henry Kravis, einer der reichsten Männer Amerikas, das Bild; jetzt hat er von Sotheby's eine Garantie auf seine Einlieferung erhalten, die wahrscheinlich weit über dem Preis liegt, den er in London bezahlte. Unter den insgesamt sechs Losen von Degas befindet sich auch die originelle Bronze „Le Tub“ von 1888/89, in einem postumen Guss, um 1921: Sie zeigt ein Mädchen auf dem Rücken liegend bei der wohligen Toilette in einer flachen kreisrunden Wanne (Taxe 4/6 Millionen Dollar).

Van Goghs Gemälde „Statuette de plâtre, torse de femme, vue de face“ ist 1887 entstanden, im ersten Jahr des Künstlers in Paris, wo sich seine Palette schnell von seinen früheren erdigen Tönen entfernte. Helles Weiß und viel strahlendes Blau dominieren die intime Ansicht der Venus, einen vornübergebeugten Torso aus Gips; die Pinselstriche der Umgebung scheinen geradezu nach der Figur zu greifen (7/10 Millionen).

Munchs düsterer Vampir

Sehr düster ist dagegen Edvard Munchs „Vampir“ von 1894. Er hält die zeitlos tragische Umarmung eines Liebespaars zwischen Schutz und mörderischer Enge fest. Das lange, rote Haar der Frau fällt fast wie Blutströme über den Mann, der sich in ihr vergraben will. Das bedeutende Werk soll, so heißt es auf Nachfrage, mehr als vierzig Millionen Dollar erzielen. Es ist mit einer Garantie für den Einlieferer versehen, und es liegt - wie bei dem Malewitsch - schon ein unwiderrufliche Mindestgebot vor, womit auch der Verkauf garantiert ist.

Christie's veranstaltet in dieser Woche gleich zwei Abendauktionen mit Kunst des Impressionismus und der Moderne. Am 5. November werden ausschließlich Werke aus der Sammlung von Alice Lawrence und aus der Hillman Family Collection versteigert, die jeweils mit einem prächtigen Katalog unter dem Motto „The Modern Age“ präsentiert werden. Beide Einlieferungen kommen aus dem Nachlass erst kürzlich verstorbener New Yorkerinnen, die ihre prominenten Ehemänner, einen Bauunternehmer und einen Verleger, um Jahrzehnte überlebt haben.

Aus großen Sammlungen

Während die Werke aus der Sammlung von Rita Hillman überwiegend von französischen Künstlern mit großen Namen wie Matisse, Dubuffet, Leger, Toulouse-Lautrec, Cézanne und Renoir stammen, hat die Sammlung von Alice Lawrence sowohl Werke verschiedener europäischer Künstler als auch von bedeutenden Amerikanern des 20. Jahrhunderts vorzuweisen. Zu den Spitzenwerke der Hillman-Kollektion zählen Manets zarte „Fillette sur un banc“ (12/18 Millionen) und Giorgio de Chiricos rätselhafte „Composition Metaphysique“ (6/8 Millionen).

Bei Alice Lawrence sticht ein dunkler Rothko „No. 43 Mauve“ aus dem Jahr 1960 hervor, der auf zwanzig bis dreißig Millionen Dollar taxiert ist. Zuvor werden amerikanische Modernisten wie Arthur Garfield Dove, Milton Avery und Oscar Bluemner aufgerufen, Porträts von Alice Neel, Skulpturen von Noguchi, Lipchitz und Chamberlain, aber auch feine Möbel, etwa ein Damenschreibtisch aus Palisander von Emile-Jacques Ruhlmann (120.000/180.000) und eine lackierte Zinnvase von Jean Dunand (80.000/120.000).

Improvisation von Kandinsky

Am folgenden Abend binden sich auch bei Christie's höchste Erwartungen an einen russischen Namen. Kandinsky hat seine „Studie zu Improvisation 3“ 1910 in Murnau gemalt und seine wie befreit wirkenden Farben mit spontan bewegtem Pinselstrich in Öl und Gouache auf Pappe aufgetragen. Das rund 45 mal 65 Zentimeter große Bild zeigt einen Reiter mit rotem Umhang auf einem sich aufbäumenden, blassblau-grünen Pferd vor einer gelben Festung.

Die Provenienz kann den Reiz der Kunst in diesem Fall nur verstärken: Einst gehörte das Bild dem legendären Krefelder Sammler Hermann Lange und ist nun - gegen eine Garantiesumme - von seiner Familie eingeliefert worden, nachdem es mehr als dreißig Jahre lang in der Neuen Pinakothek in München hing, dann während der letzten vier Jahre als Leihgabe im Kunsthaus Zürich. Die „Studie zu Improvisation 3“ ist auf fünfzehn bis zwanzig Millionen Dollar geschätzt; den Rekord für Kandinsky hält die „Fuge“ aus dem Jahr 1914, die 1990 bei Sotheby's in New York inklusive Aufgeld 20,9 Millionen Dollar erzielte. Von Kandinsky stammen außerdem ein folkloristisches Aquarell und drei abstrakte Kompositionen aus seiner Zeit am Bauhaus, die seine künstlerische Bandbreite demonstrieren.

Picasso führt bei Christie's das Angebot an

Das teuerste Los des Abends soll bei Christie's wieder einmal ein Picasso werden, der am 10. April 1934 auf dem Landsitz in Boisgeloup in der Normandie entstand: „Deux personnages (Marie-Thérèse et sa soeur lisant)“ trägt eine Taxe von 18 bis 25 Millionen Dollar. Die Körper der beiden jungen Frauen sind zu plastisch gerundeten grauen Formen abstrahiert, im Kontrast sind ihre Kleider flächig gehalten. Mit hellem Rosa und Gelb ergeben sie einen bonbonbunten Farbdreiklang mit dem blauen Himmel, der sich mit naturalistischen weißen Wölkchen im geöffneten Fenster ausbreiten darf.

Eine weitere Lesende von Picasso, „Femme en corset lisant un livre“ aus der Zeit um 1914/18, ist auf fünfzehn bis zwanzig Millionen Dollar taxiert. Fast ein Viertel der 85 Lose bei Christie's sind diesmal Werke der Bildhauerei, darunter Giacometti, Manzu, Maillol und Rodin. Besonders präsent ist jedoch Henry Moore; acht Werke von ihm sind in einem Sonderkatalog zusammengefasst: Sie reichen von frühen kleinen Skulpturen aus Buchsbaumholz oder Travertin über den organisch gewundenen marmornen „Arch Form“ (5,5/7,5 Millionen) bis zu der späten monumentalen Bronze „Reclining Woman: Elbow“ (3,5/4,5 Millionen).

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Christie's, Sotheby's

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