Von Camilla Blechen, Berlin
11. Juni 2008 Vom nachgerade komödiantisch auftretenden Abgesandten eines griechischen Reeders auf der Abendauktion bei der Villa Grisebach ersteigert, verlassen nun zehn Gemälde und zwei Zeichnungen von herausragender Qualität Berlin in Richtung Athen, wo sie den Grundstock eines geplanten Sammlermuseums komplettieren werden. Mit sicherem Gespür für die Perlen der Frühjahrsofferte sicherte der bunte Vogel aus Hellas seinem Dienstherrn beim Ausruf ausgewählter Werke zunächst zwei großformatige Figurenbilder des Berliner Malers Georg Tappert. Hüllenlos wiedergegeben, kostete die Sitzende Betty des Jahres 1913 255.000 Euro (Taxe 180.000/240.000), während die beiden spärlich bekleideten Mädchen auf blauem Sofa von 1923 für 100.000 Euro (100.000/150.000) zu erwerben waren.
Eine gewaltig schäumende Violette Woge des französischen Symbolisten Georges Lacombe, die für 20.000 bis 30.000 Euro angeboten wurde und breites Interesse erregte, stieg auf 87.000 Euro. Ebenso leger bewilligte der kauflustige Grieche in der Hauptauktion am folgenden Tag 46.000 Euro (40.000/60.000) für die 1919 entstandene Bleistiftzeichnung Buste de Femme von Matisse. Mit 26.000 Euro (9000/12.000) ungleich preiswerter war dort die kubistisch beeinflusste Komposition mit Figuren des Ungarn Béla Kádár, ein Schnäppchen die Blumenvase auf weißer Tischdecke des brandenburgischen Malers Arnold Topp für 13.000 Euro (7000/9000). Die Riten südamerikanischer Eingeborener spiegelt ein 1965 datiertes, unbetiteltes Gemälde von Wifredo Lam, das mit 62.000 Euro den oberen Schätzpreis aushebelte.
Johannes Grützke malt Jesus als Frau
Gegenwärtiger Kunst erwies der wortgewandte Einkäufer seine Reverenz mit Johannes Grützkes grotesk ins Weibliche transformiertem Jesu Einzug nach Jerusalem bei 13.000 Euro (8000/12.000) und - wieder am Abend - mit Anselm Kiefers Mischtechnik Für Paul Celan bei 138.000 Euro (80.000/100.000) und mit Jörg Immendorffs Dans Paris-Bar (Dropping Michel) bei 125.000 Euro (70.000/90.000). Parallel zu den Auftritten des griechischen Bieters liefen einige hochkarätige Angebote, so Camille Pissarros Fernblick auf eine Cricket spielende Gesellschaft im Londoner Bedford Park: Über die Galerien Durand-Ruel und Paul Cassirer in den Besitz des Berliner Impressionistensammlers Eduard Arnhold gelangt, erzielte das von sommerlichen Vergnügungen wohlhabender Leute berichtende Gemälde 1,275 Millionen Euro - bei einer Schätzung auf 250.000 bis 350.000 Euro.
Den Höchstpreis der Auktion spielten mit 1,75 Millionen Euro (1,5/2 Millionen) August Mackes Kinder am Hafen ein, die ein norddeutscher Sammler bewilligte. Die Erwartungen, die Max Beckmanns Grauer Strand von 1928 nährte, erfüllten sich mit 900.000 Euro innerhalb der Taxe von 800.000 bis 1,2 Millionen Euro. Seine Schätzung von 300.000 bis 400.000 Euro mit dem Zuschlag bei 900.000 Euro mehr als verdoppeln konnte hingegen das großformatige Aquarell Geschwister, das in Beckmanns Messingstadt 1944 eine späte Wiederaufnahme erfuhr. Zu Beginn des Abends hatte Christian Daniel Rauchs holzgeschnitzter Satyr den norddeutschen Handel zur Anlage von 64.000 Euro (10.000/15.000) bewogen.
Ein zwielichtiges Gewässer
Einem eher verhaltenen Interesse gegenüber Werken von Karl Hofer und Lyonel Feininger kontrastierte die ungebrochene Aufgeschlossenheit für Aquarelle von Emil Nolde, dessen Dunkle Wolken über der Marsch mit Bauernhaus stattliche 230.000 Euro (140.000/180.000) ergaben. Der Sprung auf 210.000 Euro gelang dem von unheimlichen Wesen bevölkerten Lebasee (90.000/120.000), den Karl Schmidt-Rottluff 1935 mit ungebrochen expressivem Elan malerisch festhielt. Großartig vertreten war mit vier exemplarischen Arbeiten auf Papier George Grosz, dessen Kellerassel (Der blinde Bettler), ehemals Sammlung Deyhle, bei 240.000 Euro (50.000/70.000) von einem Schweizer erworben wurde. In Privathand nach Übersee wandert ein von Otto Dix in Kohle und Kreide gezeichneter Sitzender weiblicher Rückenakt, dessen altdeutsche Manier den Berliner Handel in der Hauptauktion zur Anlage von 110.000 Euro (50.000/70.000) motivierte.
Überraschungen bot die zeitgenössische Szene insgesamt vor allem mit Arbeiten, die sich auf Wiedergaben von historisch bedeutsamen Schauplätzen einlassen. Thomas Demands für 160.000 Euro (120.000/150.000) vermittelter Raum imaginiert den desaströsen Zustand der Wolfsschanze nach dem fehlgeschlagenen Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944. Rainer Fetting setzte der Berliner Mauer am Südstern, die eine gründerzeitliche Kirche einkesselt, ein dramatisches Denkmal, das einen Schweizer Sammler zur Anlage von 105.000 Euro (50.000/70.000) bewog. Dirk Skreber eröffnet schiffsartigen Fahrzeugen Wege in bleiernen Fluten - Ohne Titel (Camouflage Battledress) von 2003, zugeschlagen bei 98.000 Euro (70.000/90.000). Einen Rückgang erlitt Daniel Richters wagemutig mit 150.000/200.000 Euro beziffertes Großformat Geier sind pünktliche Tiere (Geier sind politische Tiere) von 1999.
Während bei Damien Hirsts 1995 entstandenem Pillenbild Biphenyl C mit 130.000 Euro (100.000/ 150.000) die Kirche im Dorf blieb, kam es bei den sportiven Jungs von Norbert Bisky aus dem Jahr 2001 zu Rangeleien unter Händlern: Die Fahne ist niemals gefallen erforderte den Einsatz von 30.000 Euro (8000/10.000) und Vorwärts den Blick von 12.000 Euro (12.000/15.000). Havekosts Wohnwagen Driver 1 von 2001 reüssierte mit 88.000 (50.000/ 70.000) und sein Flugzeug Dimmer 4 aus demselben Jahr mit 100.000 Euro (80.000/ 120.000); Thomas Scheibitz' bemalte Holzskulptur brachte es auf 62.000 Euro (50.000/70.000) und sein Gemälde eines seltsamen Gebäudes Ohne Titel von 1997 auf 85.000 Euro (80.000/120.000). Nach Angaben der Villa Grisebach beläuft sich der Gesamtumsatz diesmal auf 23,3 Millionen Euro.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Villa Grisebach