Von Erdmann Neumeister

Heftig umworben: Das Gemälde „Winterlandschaft mit Schlittschuhläufern” von Pieter Brueghel d. J. erzielte 1.4 Millionen Franken
15. Juli 2007 Voller Stolz blickt in diesen Tagen die Zürcher Galerie Koller auf ihr erstes Geschäftshalbjahr zurück, in dem sie wie noch nie zuvor in ihrer bald fünfzigjährigen Geschichte beachtliche Umsätze und etliche Spitzenzuschläge verbuchen konnte. Die Erfolgsserie setzte im Frühjahr mit der Versteigerung von Gemälden Alter Meister und des 19. Jahrhunderts ein, die mit einem Nettoerlös von rund vierzehn Millionen Franken die Hälfte mehr als das Total aller Mindestschätzwerte einspielte. Hier gab ein Genfer Sammler nach einem längeren Kampf mit mehreren Konkurrenten für die kleine Winterlandschaft mit Schlittschuhläufern und Vogelfalle von Pieter Brueghel d. J. 1,4 Millionen Franken (Taxe 680.000/780.000) aus, die auf eine heute als verschollen geltende Urfassung seines Vaters zurückgeht.
Wie schon in den vorangegangenen Auktionen mischten sich bei den Gemälden des 19. Jahrhunderts immer wieder russische Sammler in die Verkaufsverhandlungen ein, welche die Preise für Bilder ihrer Favoriten in ungeahnte Höhen trieben: Die großformatige Ansicht von Neapel mit einem Dichter zwischen Fischern am Strand von Marinemaler Iwan Konstantinowitsch Aiwasowski stieg mit einem Gebot von 2,6 Millionen Franken im Rahmen der Schätzung gar zu einem der teuersten Werke des seinerzeit schon vom Zarenhof hochgeschätzten Künstlers auf. Immerhin noch 900.000 Franken (650.000/850.000) erschien einem anderen russischen Sammler Aiwasowskis stimmungsvolle Landschaft Mondschein über dem Dnjepr wert, die der Künstler 1858 in der Ukraine gemalt hat . Auf einen bislang noch nie in einem Schweizer Auktionshaus offerierten Zuschlag brachte es unter den Altmeisterzeichnungen eine Darstellung eines männlichen Porträts im Profil: Die zunächst als florentinisch eingestufte und dann als eine aus dem Umkreis von Andrea del Sarto erachtete Arbeit wurde nach einem nicht enden wollenden Bietgefecht für 620.000 Franken (3000/4000) nach Amerika abgegeben.
Royale Stücke aus dem Château de Vincy
„Mondschein über dem Dnjepr”: Iwan Aiwasowskis romantische Abendlandschaft stieg auf 900.000 Franken.
Ebenso erfolgreich wie die Gemäldeauktion verlief auch die Versteigerung von Möbeln und anderen Einrichtungsgegenständen, die weitere 7,5 Millionen Franken erbrachte, was nahezu dem unteren Schätzwert des gesamten Angebots entsprach. Gefragt waren hier vor allem die Ausstattungsgegenstände aus dem am Genfer See gelegenen Château de Vincy bei Lausanne, deren Verkaufserlöse nahezu die Hälfte zum Gesamtumsatz beitrugen. Aber auch so manch andere Objekte, die nicht aus dem Inventar des Schlosses stammten, erzielten beachtliche Preise wie etwa ein Paar sogenannte Sgabello-Hocker aus Venedig mit reich geschnitzter Rückenlehne und den für sie typischen Stützbrettern anstatt Beinen, die ein Käufer aus Österreich für 230.000 Franken (30.000/ 50.000) an sich brachte. Den höchsten Preis jedoch bewilligte in der Auktion ein Schweizer Sammler für einen mit chinesischen Lacktafelbildern verkleideten Louis-XV-Sekretär des Pariser Ebenisten Nicolas Petit aus einer französischen Sammlung, der ihm zur unteren Taxe von 800.000 Franken zugeschlagen wurde.
Mit Spitzenzuschlägen konnte die Galerie auch in ihrer jüngsten Versteigerung von moderner und Schweizer Kunst brillieren, die mit einem Umsatz von 9,6 Millionen Franken den Gesamtschätzwert des Angebots leicht übertraf. Zwar fand hier das auf mindestens 1,2 Millionen Franken taxierte Küchenstück La cuisinière von Félix Vallotton keinen Abnehmer. Diesen Misserfolg machte jedoch Giovanni Giacomettis Gemälde Winter im Garten von 1909 wieder gut, dessen Wert ein Schweizer Sammler am Telefon auf eine Million Franken anhob (400.000/550.000). Zum bislang teuersten Werk Diego Giacomettis in einem Schweizer Auktionshaus stieg ein Paar mit Vögelchen, Fröschen und Blattwerk verzierter Tische von ihm auf, in das ein anderer Schweizer Sammler 380.000 Franken (300.000/400.000) investierte.
Wiederentdeckte Strandszene
In der Auktion mit moderner Kunst war es dann eine Schweizerin, die sich für 190.000 Franken Max Liebermanns erst kürzlich wiederaufgetauchte Strandszene in Scheveningen mit Reitesel, Strandkörben und spielenden Kindern von 1899 erstritt (400.000/600.000) und gleich darauf noch für 770.000 Franken die in duftigen Farben schimmernde Landschaft Cros-de-Cagnes aus dem Spätwerk von Renoir an sich brachte (350.000/450.000). Bei Liebermanns Ansicht Der Nutzgarten nach Norden von 1927 trat der deutsche Handel in Aktion, der das Gemälde für die untere Taxe von 460.000 Franken übernahm und später noch Alfons Waldes Bild Einsamer Berghof für 280.000 Franken ankaufte (180.000/220.000). Aus dem Bietgefecht um das monochrom weiße Schnittbild Concetto spaziale mit dem Untertitel Attese von Lucio Fontana ging ein belgischer Sammler als Sieger hervor, der für das Werk schließlich 1,45 Millionen Franken genehmigte (400.000/480.000).
Auch die zweite Auktion mit zeitgenössischer Kunst aus China erfüllte mit einem Erlös von zwei Millionen Franken den unteren Schätzwert des gesamten Angebots. Etliche Werke kehrten zurück in den Fernen Osten, darunter das Ölbild Snowy Landscape by Lake Geneva des wohl bekanntesten chinesischen Künstlers Chu Teh Chun, das aus einer europäischen Privatsammlung stammte und nun in Taipei in Taiwan für 450.000 Franken (300.000/400.000) einen neuen Besitzer fand. Deutlich schlechter als im Frühjahr schnitt die jüngste Möbelauktion ab, in der die Galerie mit einem Nettoertrag von 3,2 Millionen Franken gerade einmal die Hälfte der unteren Gesamttaxe einnahm. Zum teuersten Los avancierte hier eine von Léonard Boudin signierte Kommode im Louis-XV-Stil mit der polychromen Darstellung einer idealisierten Park- und Pagodenlandschaft auf schwarzgelacktem Fond, die ein Käufer aus Dakar zum Preis von 320.000 Franken (280.000/480.000) in den Senegal entführte.
Text: F.A.Z., 14.07.2007, Nr. 161 / Seite 42
Bildmaterial: Galerie Koller
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