Aktuelle Kunst

Krise mit den Zeitgenossen - von wegen

Von Lisa Zeitz, New York

16. Mai 2008 Vom Absacken des Geschäfts mit der Kunst kann keine Rede sein; die Auktionen mit Gegenwartskunst verliefen blendend. Insgesamt haben die drei New Yorker Auktionshäuser in dieser Woche damit rund 950 Millionen Dollar umgesetzt. Mit 362 Millionen Dollar für 83 Lose konnte Sotheby's während der überschäumenden Abendauktion den höchsten Umsatz seiner mehr als zweihundertjährigen Geschichte überhaupt notieren. Die Konkurrenz war ebenfalls äußerst zufrieden mit 348 Millionen Dollar für 57 Lose; es ist das zweithöchste Ergebnis für Christie's in dieser Kategorie. Phillips de Pury folgte mit 64 Losen, die 59 Millionen Dollar einspielten. Trotz des schwachen Dollars gehörten überraschend viele Amerikaner zu den Bietern. Christie's berichtet von siebzig Prozent amerikanischen, 26 Prozent europäischen und nur vier Prozent asiatischen Käufern. Bei Sotheby's will man sich nicht auf Nationalitäten festlegen; „global, global, global“ nennt Tobias Meyer seine Klienten.

Der teuerste lebende Künstler heißt seit dem 13. Mai Lucian Freud: Christopher Burge versteigerte den pastosen fettleibigen Akt auf schäbigem Sofa, „Benefits Supervisor Sleeping“ aus der Sammlung von Guy und Marion Naggar, bei Christie's für dreißig Millionen Dollar (Taxe 25/35 Millionen) an einen anonymen Käufer. Die Sammler Richard und Elizabeth Hedreen aus Seattle trennten sich von Francis Bacons kleinem Triptychon „Three Studies for Self-Portrait“; die Preissteigerung für dieses Werk ist bemerkenswert: 1999 erzielte es bei Christie's in London umgerechntet 2,9 Millionen Dollar (inklusive Aufpreis), bevor die Hedreens es im Jahr 2005 bei Sotheby's für 5,1 Millionen Dollar kauften. Jetzt bewilligte ein ungenannter Bieter 25 Millionen Dollar - die untere Taxe. Die suggestiv verschmierte „Man-Crazy Nurse # 2“ von Richard Prince aus dem Jahr 2002 gehört in die Serie seiner sexy Krankenschwestern, die vor nur fünf Jahren in der Barbara Gladstone Gallery jeweils um 80000 Dollar kosteten: Der New Yorker Galerist Christophe van de Weghe sicherte sich das Los gegen Gebote des italienischen Modedesigners Valentino für 6,6 Millionen Dollar (6/8 Millionen), wieder mal ein Rekord für Prince.

Werke von Gerhard Richter hoch im Kurs

Auch abstrakte Werke Gerhard Richters waren schwer erfolgreich: Sein großes, in vielen Farbschichten funkelndes „Abstraktes Bild (625)“ von 1987 kletterte bei Christie's, unter Geboten an drei Telefonen, weit über die obere Taxe bis auf dreizehn Millionen Dollar (7/10 Millionen) - und am folgenden Abend bei Sotheby's stieg ein weiteres abstraktes Bild von 1990 gar bis auf 13,5 Millionen Dollar. Jeff Koons' neonbeleuchtete Staubsaugerarbeit „New Hoover Convertibles, New Shelton Wet/Dry 5-Gallon, Double Decker“ wurde zusammen mit anderen Werken der New Yorker Kunstszene der Achtziger aus der Sammlung von Michael und B.Z. Schwartz eingeliefert. Ein telefonischer Bieter setzte sich gegen den New Yorker Händler Robert Mnuchin durch und erhielt den Zuschlag bei 10,5 Millionen Dollar (Taxe auf Anfrage 10 Millionen). Das teuerste Los des Abends wurde Rothkos kräftige rot-gelbe Komposition „No. 15“ aus dem Jahr 1952, die auf Anfrage mit rund vierzig Millionen Dollar beziffert wurde, aber zwischen zwei Telefonen mit Leichtigkeit 45 Millionen Dollar einspielte.

Der Einlieferer war der Sammler Roger Evans aus San Francisco, der das Bild seinerseits 1999 bei Sotheby's für elf Millionen Dollar ersteigert hatte. Der Londoner Sammler Peter Simon wurde als Einlieferer von Warhols coolem „Double Marlon“ aus dem Jahr 1966 identifiziert. Die Schätzung, die auf Anfrage mit „rund dreißig Millionen Dollar“ angegeben wurde, war realistisch: Ein telefonischer Bieter erhielt den Zuschlag bei 29 Millionen Dollar. Doch eines der schönsten Bilder wurde zum teuersten Rückgang des Abends bei Christie's: Roy Lichtensteins „Ball of Twine“, ehemals Teil der Sammlung Karl Ströher, kostete Peter Brant vor sieben Jahren vier Millionen Dollar; jetzt lautete das Preisschild auf vierzehn bis achtzehn Millionen und war dem Publikum zu teuer. Die Auktion bei Sotheby's am nächsten Abend war die zweifellos prickelndere Veranstaltung - allein schon die Inszenierung: Yves Kleins monochromes Goldbild „MG 9“ aus der Sammlung Lauffs war so hinter der Kanzel des Auktionators installiert, dass es dem Geschehen eine fast sakrale Note verlieh und Tobias Meyer in eine mittelalterliche Heiligenfigur verwandelte.

Begehrte Kunst aus der Sammlung Lauffs

Doch dessen betörende Litanei schlug das Publikum durch nichts als Zahlen in Bann. Fünf Bieter wollten Kleins Gold aus dem Jahr 1962 und trieben den Preis über die Taxe von sechs bis acht Millionen weit hinaus: Erst bei 21 Millionen Dollar knallte der Hammer aufs Pult, zum Vierfachen des bisherigen Rekords. Den Zuschlag erhielt der New Yorker Kunsthändler Phillipe Segalot, vielleicht, wird vermutet, für François Pinault. Segalot sicherte sich auch Kleins blaues „IKB 1“ für 15,5 Millionen (5/7 Millionen). Sein Kollege Franck Giraud ließ sich ein „Achrome“ Manzonis nicht entgehen und bewilligte dafür neun Millionen Dollar, die doppelte untere Taxe, ein weiterer Rekord für einen Künstler der Sammlung Lauffs. Und Wesselmanns „Great American Nude No. 48“ erzielte den Rekordpreis von 9,5 Millionen Dollar (6/8 Millionen.) Helga Lauffs war aus Bad Honnef angereist und beobachtete das Spektakel mit einem Glas Champagner sichtlich erfreut von einer der Skyboxen aus, in Gesellschaft ihrer sechs Töchter. Die Familie hatte die Sammlung weitgehend zwischen Sotheby's und den Galeristen Zwirner und Wirth aufgeteilt.

Doch Zwirner und Wirth deckten sich auf der Auktion mit weiteren Stücken aus Krefeld ein: Wirth ersteigerte Donald Judds frühe rote Skulptur „Untitled“ für 3,75 Millionen (5/7 Millionen), Zwirner ergatterte Christos frühes „Show Window“ für 320.000 Dollar (400.000/500.000). Die Summe der Hammerpreise für die 21 Werke aus dem Krefelder Kaiser-Wilhelm-Museum liegt bei rund 75 Millionen Dollar und hat damit die Erwartungen weit übertroffen. Aber die Sammlung Lauffs war nicht die einzige Sensation bei Sotheby's: Bacons großes „Triptych, 1976“ aus der Kollektion von Jean-Pierre Moueix kletterte unter Geboten an drei Telefonen über die Schätzung von siebzig Millionen hinaus - und wurde telefonisch für sagenhafte 77 Millionen Dollar zugeschlagen, was das Publikum mit Applaus quittierte. Es ist der höchste Preis, der jemals für ein Kunstwerk aus der Zeit nach 1945 bewilligt wurde. Mit Aufpreis kostet das monumentale Werk den anonymen europäischen Käufer rund 86,3 Millionen Dollar.

Takashi Murakami als Künstler und Sammler

Auch Baselitz hat einen neuen Rekord, bei 4,1 Millionen Dollar: Thaddaeus Ropac konnte das frühe wunderbare „B.J.M.C. - Bonjour Monsieur Courbet“ noch unterhalb der Taxe von 4,5 bis 5,5 Millionen kaufen. Ungläubiges Staunen beherrschte den Saal, als Takashi Murakamis „My Lonesome Cowboy“ von 1998 aufgerufen wurde. Die Skulptur eines nackten blonden Superhelden wurde gegen mindestens vier Interessenten erst bei 13,5 Millionen Dollar (3/4 Millionen) einem ungenannten Käufer am Telefon zugesprochen. Murakami beobachtete die Auktion selbst von ganz hinten im Saal und ersteigerte das letzte Los, Yoshimoto Naras Skulptur „Light my Fire“, zur unteren Taxe von einer Million Dollar. Auf die Frage, was er von dem Preis für seinen Cowboy halte, antwortete er, er sei kein bisschen überrascht, schließlich liege das Preisniveau generell sehr hoch. Eine bittere Pille gab es jedoch auch bei Sotheby's: Rothkos „Orange, Red, Yellow“ von 1956 sollte mehr als 35 Millionen Dollar bringen, doch kein Mensch war daran interessiert, und so hieß es „passed“.

Am Abend bei Phillips de Pury wurde wie erwartet Basquiats „Fallen Angel“ von 1981 zum teuersten Los. Der Händler Fergus McCaffrey wurde beim letzten Gebot von zehn Millionen Dollar (8/12 Millionen) beobachtet. Christoph van de Weghe ersteigerte Robert Gobers haariges Männerbein für den Rekordpreis von 3,2 Millionen Dollar (1,2/1,8 Millionen). Und Jeff Koons' marmornes Selbstporträt spielte 6,7 Millionen ein (6/8 Millionen): Simon de Pury hatte zuvor verkündet, es werde als Leihgabe für eine Ausstellung im Schloss von Versailles erbeten, wo es auch ganz sicher in nächster Nähe zu Ludwig XIV. aufgestellt würde.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Christie's, Phillips de Pury, Sotheby's

 
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