Mode in Paris

Endlich gibt's auch was für Männer

Die Auktion "Vintage Homme" in Paris zieht Herren gut an

Von Angelika Heinick, Paris

Durchblick bis auf die Knochen: Man trug Skelett auf rotem Seidenkrepp im Jah...

Durchblick bis auf die Knochen: Man trug Skelett auf rotem Seidenkrepp im Jahr 1996, jedenfalls wenn es nach Gaultier ging (Taxe 500/600 Euro).

13. Januar 2009 „Haben Sie nicht auch etwas für Herren?“ Diese Frage hat Dominique Chombert, die gemeinsam mit Françoise Sternbach in Paris ein Expertenbüro für Vintage-Mode leitet, immer wieder gehört. Seit einigen Jahren richtet das Duo im Hôtel Drouot zusammen mit dem Auktionshaus Cornette de Saint-Cyr Auktionen mit Haute-Couture- und Designermodellen aus. Dort finden modebewusste, wenngleich nicht zwingend vermögende Damen ihr Glück.

Erst im Dezember 2007 begegnete die erste Pariser „Vintage Homme“-Veranstaltung erfolgreich der Unterversorgung männlicher Fashionistas: Denn in den einschlägigen Secondhand-Läden gebe es kaum interessante Stücke für Männer, hat Dominique Chombert festgestellt. Anders als die Damen, die ihre Garderobe so oft wie möglich austauschen, tragen die Herren Anzüge und Jacken oft bis zum totalen Verschleiß. Um das ehrenhafte Etikett „Vintage“ zu verdienen, muss ein Kleidungsstück jedoch tadellos sein.

Mode sammeln wie Jahrgangsweine

„Vintage“ ist in der Mode allgemein so etwas wie „Grand Cru“ beim Wein, ein guter Jahrgang eben. Pioniere individualistischen Stils forsten seit Jahrzehnten Flohmärkte und Zweithandgeschäfte nach extravaganter Markenkleidung durch. Ein paar Regeln gibt es allerdings dabei zu beachten: Die Modelle sollten möglichst älter als zehn Jahre sein - wie guter Wein gwinnt auch gute Mode mit den Jahren an Qualität.

Sie dürfen nicht beschädigt, verschlissen oder umgeändert sein. Außerdem sollte ein Vintage-Teil eine Epoche, zum Beispiel die Sechziger oder die Siebziger, eindeutig repräsentieren und obendrein für den Stil eines Modeschöpfers charakteristisch sein. Endlich sollte man sich beim Tragen von Vintage-Mode unbedingt an das ungeschriebene Gesetz halten, nicht den Look von früher komplett zu kopieren, sondern ein Vintage-Teil mit aktuellen Tendenzen zu kombinieren.

Auf der Suche nach vollständigen Herrengarderoben

Die Vorbereitung der zweiten „Vintage Homme“-Auktion - am 26. Januar, wieder bei Cornette de Saint-Cyr im Hôtel Drouot - hat ein ganzes Jahr beansprucht. Denn Dominique Chombert hat nur selten das Glück, auf eine komplette Herrengarderobe zu stoßen. Nun hat sie für „den Mann und seine Accessoires“, so der Untertitel der Auktion, rund 500 Lose zu Schätzpreisen zwischen 50 und 2000 Euro zusammengetragen: Krawatten, Manschettenknöpfe, Raucherzubehör; Schuhe, Herrenhandtaschen, Gepäck vom Beauty-Case bis zum Schrankkoffer, selbstredend von Vuitton oder Hermès; natürlich Anzüge, Jacketts, Blousons, Hosen und Mäntel, versehen mit den Etiketten der ruhmreichen Pariser Modeschöpfer und Designer.

Die siebziger Jahre kehren zurück: mit einem blassgrün melierten Anzug samt Schlaghose von Ted Lapidus oder mit einem elektrisch-blau schimmernden Samtanzug von Pierre Cardin, dessen mit Schalkragen gesäumte Jacke mit nur einem Knopf schließt. Die Schätzwerte für diese bemerkenswert verarbeiteten Outfits liegen bei 80 bis 100 Euro, ebenso wie für einen schwarzweißen Vinyl-Blouson im reinsten Pierre-Cardin-Stil. Eine zeitlos kleidsame, lange Lederjacke der Marke Hermès könnte ein echtes Schnäppchen abgeben: Bei erwarteten 400 bis 500 Euro würde sie nur das Zehntel einer neuen Jacke kosten.

Mit Aufmerksamkeitsgarantie

Mehr Mut zur Originalität wird dem Träger jüngerer Vintage-Stücke abverlangt; denn mit Jean-Paul Gaultiers roter „Skelett“- Smokingjacke aus der Frühjahrssaison 1996 bleibt man nicht lange unbemerkt, ebenso wenig wie mit seinem plissierten Jersey-Kilt des Winters 1995/1996, für taxierte 300 bis 400 Euro, oder in jenem Ensemble aus einem Gehrock - Hommage an das Jahrhundert Ludwigs XV., in Leinen und wassergrünem Samt - und gestreifter Stretchhose, für das 1500 bis 1800 Euro vorgesehen sind. Für die kalten Tage bietet sich ein Nerzmantel, allerdings anonymer Faktur, mit entgegengesetzt verlaufenden Fellstreifen an oder auch ein schwarzer Dufflecoat, von Hedi Slimane für Dior Homme erdacht.

Auf Reisen in wärmere Gefilde empfiehlt sich ein leichtes, blassblau und weiß gestreiftes Baumwolljackett von John Galliano mit dem Aufdruck von Zeitungsartikeln - über John Galliano. Die Vintage-Regel des mindestens zehn Jahre alten Modells darf mitunter übertreten werden, vor allem wenn es sich um ein Sammlerstück handelt wie den orange-rot-grauen Wollmantel der aktuellen Wintersaison vom belgischen Designer Raf Simons für mindestens 1500 Euro: ein Einzelstück, das erst vor kurzem den Laufsteg passierte. Die Käufer der Vintage-Mode seien fast ausnahmslos junge Männer, sagt Dominique Chombert noch. Die neue Generation hat erkannt, dass das Geheimnis der Langlebigkeit und der ewigen Wiederkehr für die Mode im schnellen Wechsel liegt.

Text: F.A.S.
Bildmaterial: Cornette de Saint-Cyr

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