Von Tilo Richter

Reich an Struktur: Giovanni Segatinis Bild "Frau am Brunnen" von 1896 erzielte 160.000 Franken (Taxe 180.000/250.000 Franken).
29. Juni 2008 Dreißig Jahre Christie's in Zürich und der hundertste Geburtstag von Max Bill - mit zwei Jubiläen lud Christie's zur Auktion SwissArt. Die Prognose war schwierig, wie Sammler und Händler auf die Werke von Bill, dem wichtigsten Vertreter der Zürcher Konkreten, reagieren würden. Am Ende stand ein neuer Auktionsrekord für ein Bill-Gemälde: Die vier großformatigen Tafeln rotierende vierfarbige doppelkerne waren einem Schweizer Privatsammler 180.000 Franken (Taxe 180.000/240.000) wert. Vier weitere Bilder des Künstlers fanden neue Besitzer, nur die metallene Plastik einheit aus drei gleichen zylindern (70.000/90.000) des Jahres 1966 ging zurück.
Von zwei Metallobjekten Jean Tinguelys konnte nur eines verkauft werden, nämlich Peak Produktion von 1963 für schriftlich gebotene 60.000 Franken (50.000/70.000). Zu den Paradestücken der Schweizer Kunst des ausgehenden 19. Jahrhunderts gehören die Kinderporträts von Albert Anker. Sein Strickendes Mädchen mit Korb aus der Zeit um 1897 und ein nicht datiertes Knabenbildnis aus Schweizer Privatbesitz waren jetzt zur Auktion eingeliefert, jeweils auf 800.000 bis 1,2 Millionen Franken geschätzt. Und es ist schön zu wissen, dass die Bilder auch künftig beieinanderbleiben - bei jenem Schweizer Privatsammler nämlich, der für das Mädchenbildnis 700.000 und für das Knabenporträt 750.000 Franken am Telefon bewilligte.
Zurückhaltung bei Amiet

Max Bills "rotierende vierfarbige doppelkerne I-IV" aus dem Jahr 1972 wurde für 180.000 Franken zugeschlagen (180.000/240.000 Franken).
Schon vor der Auktion galt die Aufmerksamkeit einem Schlüsselwerk von Cuno Amiet, der auf Leinwand ausgeführten Temperamalerei Das Paradies, versehen mit einer Taxe von 600.000 bis 800.000 Franken. Trotz der singulären Stellung im OEuvre Amiets konnte kein neuer Besitzer gefunden werden. Überhaupt waren es nur wenige der zurückhaltend taxierten Werke des Künstlers, um die sich ein Wettbewerb der Bieter entwickelte: darunter ein recto und verso mit Blumenstillleben versehenes Blatt von 1943, das sich ein Telefonbieter gegen einen im Saal anwesenden Interessenten für 24.000 Franken (12.000/ 15.000) sicherte.
Zwei Landschaftsdarstellungen von Félix Vallotton aus dem Jahr 1922 sorgten für hohe Zuschläge: Marée basse à Villerville malte der aus Lausanne stammende Künstler in der Normandie; jetzt geht das eindrucksvolle Hochformat nach längerem Bietgefecht zwischen den Telefonen und einem Bieter im Saal für 750.000 Franken (500.000/700.000) in eine schweizerische Privatsammlung. Pont sur le Béal schuf Vallotton im Südosten Frankreichs; hierfür fiel bei 240.000 Franken (200.000/300.000) der Hammer.
Giacometti blüht auf
Augusto Giacometti sorgte mit seinem kraftvoll-lebendigen Blumenstillleben Azaleen von 1912 für den Höhepunkt des Auktionsabends: Erst durch das Gebot von 800.000 Franken (400.000/600.000) konnte ein Privatsammler aus dem Ausland seine Konkurrenten hinter sich lassen und freut sich nun über das aus der Farbe heraus komponierte, von abstrahierten Farbflecken übersäte Querformat. Auch Giovanni Giacomettis Paesaggio d'estate von 1917 erfreute sich regen Interesses und wechselte schließlich für 220.000 Franken (180.000/250.000) zu einem Schweizer Kunstfreund, der im Saal anwesend war.
Das zwei Jahre später von Giovanni Giacometti gefertigte Stillleben Vasi e pomi (300.000/500.000) mit seinem schönen Kolorit blieb dagegen unverkauft, ebenso sein Hirte mit Schafen von 1898 (500.000/700.000). Bereits in den Vorbesichtigungen fiel Giovanni Segantinis Spätwerk Frau am Brunnen als Besonderheit auf: Das divisionistisch aufgelöste Werk des Malers aus dem Trentino macht das unspektakuläre Motiv zu einem Kleinod, das sich ein Telefonbieter aus der Schweiz für 160.000 Franken (180.000/250.000) sicherte. Arbeiten von Varlin hatten sich zuletzt sehr stabil behauptet, und auch sein Café im Zürcher Belvoir-Park schaffte es mit einem Zuschlag von 160.000 Franken (90.000/120.000) unter die Top Ten des Abends.
Begehrtes von Auberjonois
Bemerkenswert war auch die Nachfrage nach dem oft unterschätzten René Auberjonois: Sein Bildnis Jeune femme au panier von 1937/38 konnte seine Taxe verdoppeln und blieb für 45.000 Franken im Saal. Auch die Fotografien von Albert Steiner nahm das Zürcher Publikum gut auf, ein Abzug von Novembertag am St. Moritzersee stieg bis auf 35.000 Franken (20.000/30.000). Christie's spielte in dieser Jubiläumsveranstaltung insgesamt 5,7 Millionen Franken ein (ohne das Aufgeld). Auch deshalb hält das Haus den Markt für Spitzenwerke gesuchter Schweizer Künstler für vital.

Für Varlins nur 39 Zentimeter hohes Gemälde "Café im Zürcher Belvoir-Park" von etwa 1935 bis 1937 wurden 160.000 Franken bewilligt (90.000/120.000 Franken).
Vor allem marktfrische Werke sorgten für waches Interesse bei Händlern und Sammlern. Ein Novum war die Möglichkeit, live im Internet mitzusteigern: Vorerst griff nur ein Bieter aktiv ins Geschehen ein und setzte sich aus der Ferne bei einigen Zeichnungen von Hodler durch. Vermuten darf man den Käufer mit Sitz am Genfer See; denn für 17.000 Franken (25.000/35.000) sicherte er sich auch Giovanni Giacomettis Aquarell Vue de Genève von 1908 per Mausklick.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Christie's
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