Impressionismus und Moderne

Ein hübscher Monet lohnt sich immer

Von Gina Thomas, London

Claude Monets „Au Parc Monceau“ von 1878, 65 mal 54 cm, für 5,6 Millionen Pfund bei Christie's (Taxe 3,5/4,5 Millionen Pfund)

Claude Monets „Au Parc Monceau“ von 1878, 65 mal 54 cm, für 5,6 Millionen Pfund bei Christie's (Taxe 3,5/4,5 Millionen Pfund)

28. Juni 2009 Früher stand man sich in London die Beine in den Bauch bei den sommerlichen Abendversteigerungen für Impressionismus und Moderne. In diesem Jahr war Christie's nach einer knappen Stunde mit allem durch, Sotheby's wickelte tags darauf seine Auktion mit dem kleineren, aber feineren Angebot in einer Dreiviertelstunde ab.

Das sagt alles über die gegenwärtige Marktlage. Seitdem die Krise die Auktionshäuser gezwungen hat, ihre fragwürdige Praxis weitgehend aufzugeben, den Einlieferern Mindestpreise unabhängig vom Ausgang der Versteigerung eines Loses zu garantieren, sind Kunden noch weniger willens, ihre Kunst dem prekären Markt anheimzugeben. Es herrscht Dürre, und der Käufer ist König - was sich auch daran zeigt, dass die Auktionatoren viel öfter als früher bereit sind, auf das Verlangen der Bieter nach kleineren Preissprüngen einzugehen.

Kein Risiko, keine Spekulation

Das straffe Sortiment der beiden Häuser zeugt von den Bemühungen, das Angebot auf die Nachfrage nach beständiger, dekorativer Qualitätsware zuzuschneidern. Die fiebrigen Zeiten des Risikos und der Spekulation sind vorerst vorbei. Es wird behutsamer geschätzt. Auch das Publikum ist geschrumpft. Bei Christie's blieb der Nebenraum für den Überlauf aus dem Auktionssaal diesmal geschlossen. Die Käufer kamen hier - mit 83 Prozent von allen - überwiegend aus Europa, wobei der geringe Anteil des asiatischen Markts am Gesamtergebnis nicht das prinzipielle Interesse reflektiert, das von dieser Seite gezeigt wurde. Bei Sotheby's bildeten europäische Käufer mit 52 Prozent ebenfalls das stärkste Kontingent, die Amerikaner beteiligten sich hier mit 26 Prozent und Asien mit neun Prozent.

Bezeichnend sind bei den knappen Offerten auch die Überschneidungen zwischen den beiden rivalisierenden Häusern: So traten beide Firmen mit je einem späten, an aufeinander folgenden Tagen im Juli 1969 gemalten Musketier von Picasso zu einem Kopf-an-Kopf-Rennen an. Das enge Duell gewann der einem Privatsammler für 6,2 Millionen Pfund (Taxe 6/8 Millionen) zugeschlagene, rote Mann mit dem Degen bei Sotheby's zurecht.

Giacometti ist nicht gleich Giacometti

Die Händlerfamilie Nahmad ließ sich das Gegenstück bei Christie's 5,2 Millionen Pfund (5/7 Millionen) kosten. Sotheby's wartete mit drei hochkarätigen Werken Alberto Giacomettis aus einer europäischen Privatsammlung auf, darunter eine bemalte, zwischen 1951 und 1954 entstandene Gips-Büste seines Bruders Diego, von der wiederum Christie's einen postumen Bronzeabguss anbot. Der Qualitätsunterschied machte sich freilich auch im Preis bemerkbar: Der einem Telefonbieter zugeschlagene Gipskopf Diegos mit dem Rollkragenpullover übertraf bei Sotheby's mit 2,4 Millionen Pfund bei weitem seine Schätzung bis zu 1,5 Millionen Pfund. Hingegen brachte die Bronze bei Christie's 880.000 Pfund (750.000/ 950.000) ein.

Die Nachfrage nach gefälligen Impressionisten spiegelt sich bei Christie's in dem Preis für Monets skizzenhafte Pariser Szene „Au Parc Monceau“ wider, die mit einem Zuschlag bei 5,6 Millionen Pfund (3,5/4,5 Millionen) zum höchstbezahlten Los des Abends avancierte. Das aus der Sammlung des Münchner Arztes und Bühnendekorateurs Ludwig Kainer stammende, von den Nationalsozialisten konfiszierte und nach 1945 von einem europäischen Sammler erworbene Gemälde war nach einer Einigung zwischen den Nachkommen des Käufers und des Ehepaars Kainer zuletzt im Jahr 2001 für 3.4 Millionen Pfund versteigert worden. Es hat sich als sichere Investition erwiesen.

Forderungen eines Enkels aus New York

Bei einem anderen Restitutionsfall verhinderten familiäre Streitigkeiten den Verkauf. Christie's musste Camille Pissarros im Katalog verzeichneten „Quai Malasquais et l'Institut“ zurückziehen, nachdem in aller letzter Minute Verhandlungen über das Eigentum an dem Gemälde zwischen den Nachkommen des Verlegers Samuel Fischer gescheitert waren. Der Blick aus der Pariser Wohnung des Künstlers wurde 1938 unmittelbar nach dem Einmarsch Hitlers in Wien aus der Wohnung von Fischers Tochter Brigitte und deren Ehemann Gottfried Bermann beschlagnahmt. Nach jahrzehntelangen Bemühungen hat die Tochter Gisela Bermann-Fischer das Bild schließlich im Jahr 2007 mit einem Kostenaufwand in Höhe von 500.000 Franken in einem Zürcher Tresor aufspüren und die Restitution erwirken können.

Vor der Versteigerung aber meldete sich der in New York lebende Enkel ihrer behinderten Schwester Hildegard, der behauptet, Samuel und Hedwig Fischer hätten ihre Töchter gleich bedacht: Hedwig Fischer habe in einem Brief aus dem Jahr 1946 bestimmt, dass Hildegard den Pissarro bekommen sollte, wenn das Gemälde wieder auftauche. Der Enkel fordert eine Beteiligung von fünfzig Prozent daran; es wurden ihm aber nur zwanzig Prozent angeboten. Christie's hofft nun, dass der Streit beigelegt werden kann und das auf 900.000 bis 1,5 Millionen Pfund geschätzte Bild bald zum Verkauf gelangen. Ebenfalls aus der Auktion genommen wurde Pierre Bonnards „Syphonie Pastorale“, weil das Musée d'Orsay in Paris einen Kaufanspruch daran geltend gemacht hat.

Streitigkeiten um Marcs „Springende Pferde“

Auch hinter Franz Marcs „Springenden Pferden“ stehen bittere Erbauseinandersetzungen: Christie's verbarg diese hinter dem beschönigenden Hinweis im Katalog, dass das 1937 direkt beim Künstler erworbene Gemälde durch Vermächtnis an die jetzigen Besitzer gekommen sei. Es gehörte dem Dresdner Industriellen-Ehepaar Kurt und Hildegard Kirchbach, dessen - für das Kunstmuseum Basel bestimmte - Sammlung nach dem Tod der Witwe in einem Basler Altenheim ein geradezu abenteuerliches Schicksal widerfahren ist. Ein Teil der eminent bedeutenden Fotosammlung gelangte auf ungeradem Weg 1997 bei Sotheby's zur Versteigerung. Die Spur führte zur Leiterin des Altenheims, die behauptete, Hildegard Kirchbach habe ihr die Fotografien als Ausdruck der Freundschaft und Dankbarkeit geschenkt.

Darüber hinaus ist der Nachlass, der auch Werke von Hodler, Nolde, Corinth und Barlach umfasst, Gegenstand von juristischen Auseinandersetzungen zwischen zwei Kontrahenten, die Erbansprüche anmelden: Der Schweizer Anwalt Werner Stauffacher, der Hildegard Kirchbach in ihren letzten Lebensjahren beriet, behauptet, sie habe ihn testamentarisch als Alleinerbe eingesetzt. Der letzte Wille wurde jedoch unter Berufung auf ein früheres Testament von Eckbert von Bohlen und Halbach aus der Krupp-Dynastie angefochten. Aus den bisherigen Gerichtsverfahren, in denen Stauffacher für erbunwürdig erklärt wurde, ist zu schließen, dass Bohlen, dessen Eltern mit den Kirchbachs befreundet waren, an dem Erlös der Versteigerung beteiligt ist. Marcs Gemälde ging knapp über dem unteren Schätzwert für 3,2 Millionen Pfund (3/4 Millionen) an einen europäischen Privatsammler.

Während bei Sotheby's nur vier der 25 Lose unverkauft blieben - darunter eine mit zwei bis drei Millionen Pfund ausgezeichnete Zirkusszene von Toulouse-Lautrec -, verzeichnete Christie's für sein umfangreicheres Angebot von 46 Losen eine höhere Rückgangsrate. Diese betraf vor allem den mittleren Markt, wo, wie Thomas Seydoux, Leiter der Impressionismus-Abteilung bei Christie's eingestand, noch „Feineinstellung“ auf den sich wandelnden Markt vonnöten sei. Mit einem Gesamtumsatz von knapp mehr als 37 Millionen Pfund lag Christie's mit seiner Abendversteigerung um fast 75 Prozent unterhalb des Ertrags vor einem Jahr. Bei Sotheby's war der Rückgang geringer, zumal wenn man das kleinere Angebot in Rechnung stellt. Im Vorjahr wurden 102,2 Millionen Pfund umgesetzt, diesmal lag das Endergebnis bei 33,5 Millionen Pfund.

Pissarros „Le Quai Malaquais et l’Institut“ wurde aus der Auktion genommen, weil sich nach der Restitution des Gemäldes jetzt die Erben Samuel Fischers streiten.
Pissarros „Le Quai Malaquais et l’Institut” wurde aus der Auktion genommen, weil sich nach der Restitution des Gemäldes jetzt die Erben Samuel Fischers streiten.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Christie's, Sotheby's

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