Kommentar

Des Kaisers alter Sessel

Von Angelika Heinick, Paris

07. Juni 2008 Rechtzeitig zur Kaiserkrönung Napoleons im Dezember 1804 wurden im Pariser Tuilerienpalast sechs vergoldete Prunksessel angeliefert. Napoleon hatte die Architekten Charles Percier und Pierre-François-Léonard Fontaine beauftragt, die Tuilerien, wo schon Ludwig XIV. residierte, als Kaisersitz samt Thronsaal neu auszustatten. Percier und Fontaine, die bei Jacques-Louis David in Rom studiert hatten, verstanden es, mit dem Stil des Empire die Macht ihres Herrschers ästhetisch zu legitimieren. Sie arbeiteten Hand in Hand mit dem Kunstschreiner Jacob-Desmalter, der mit mehr als 300 Mitarbeitern - Kunstschreinern, Bronzeschmieden, Vergoldern - in der Rue Meslée eine der renommiertesten Werkstätten Europas unterhielt.

Einer von sechsen

Nur ein Teil des Mobiliars aus dem im 19. Jahrhundert von Aufständen heimgesuchten und 1871 während der Kommune niedergebrannten Tuilerienpalast wurde gerettet - und die sechs Prunksessel des Thronsaals, auf denen einst die Kaiserinnen Joséphine und später Marie-Louise sowie „Madame Mère“, die Mutter Napoleons, anlässlich feierlicher Audienzen Platz nahmen, galten bis heute als verschollen. Um 1930 tauchte einer der Sessel als exzentrisches Möbel des 19. Jahrhunderts unerkannt auf dem amerikanischen Markt auf.

Nun kann das Pariser Auktionshaus Piasa am 18. Juni im Drouot mit eben diesem Sitzmöbel aufwarten, das jüngst als Prunksessel aus dem Thronsaal Napoleons identifiziert wurde: Der aus 24 geschnitzten, vergoldeten Teilen zusammengesetzte Sessel mit geflügeltem Löwenpaar unter den Armlehnen ist auf einem Gemälde von Nicolas Josse zu erkennen, der 1838 im Auftrag des Königs Louis-Philippe eine Szene des Erfurter Fürstenkongresses von 1808 mit Napoleon im Kreise der Häupter des Rheinbunds darstellte. Der Sessel war vermutlich nicht in Erfurt, aber für den Maler galt er als Emblem kaiserlichen Glanzes. Darin darf sich zwei Jahrhunderte später Paris wieder sonnen - für 400.000 bis 500.000 Euro.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Piasa

 
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