Alte Kunst

Die Stärke der Alten

Von Rose-Maria Gropp

05. Juli 2008 Gut neunzig Lose bei Sotheby's am Abend des 9. Juli stehen gegenüber knapp siebzig Werken bei Christie's am 8. Juli. Sotheby's hat das exquisitere Angebot in seiner Prestigeveranstaltung, doch Christie's hält einige sehr britische Trumpfkarten bereit. Den Joker im Höchstpreissegment auch auf diesem Terrain hält aber Sotheby's mit dem letzten Los Nummer 91, einem Großformat William Turners, das die Villa des Dichters Alexander Pope, eingebettet in eine amönische Landschaft in goldenem Abendlicht, darstellt: Die Schätzung für das exzeptionelle Bild, das zuletzt 1827 auf dem offenen Markt war - und jetzt eingeliefert ist, um den Erhalt von Sudeley Castle in Gloucestershire zu sichern, wo es annähernd vierzig Jahre als Teil der Sammlung Walter Morrison für die Öffentlichkeit zugänglich hing -, beläuft sich auf fünf bis sieben Millionen Pfund.

Als im Herbst 2004 im Wiener Auktionshaus Im Kinsky das Porträt des Willem van Heythuysen auftrat, war es als „Frans Hals. Werkstatt oder Nachfolge“ ausgewiesen - allerdings unter Beifügung der Expertise nach einer Fotografie des deutschen Kunsthistorikers Wilhelm Reinhold Valentiner aus dem Jahr 1948, der das Gemälde eindeutig der Hand von Frans Hals selbst gab. Das muss damals jenen schweizerischen Bieter ermutigt haben, der angesichts der nachgerade zaghaften Taxe von 20.000 bis 40.000 Euro bis zum Zuschlag bei 440.000 Euro durchhielt: Nun firmiert das Bildnis des lässig auf seinem Stuhl kippelnden Haarlemer Kaufmanns, das sich einst in der Rothschild-Sammlung befand, dann in die Rolle der Kopie abgedrängt war und jetzt Urständ als Original feiert, im Katalog mit drei bis fünf Millionen Pfund.

Eine feine Dame von Mabuse

Sotheby's kann sein Angebot außerdem mit erlesenen Werken aus zwei Kollektionen schmücken: jenen Teilen der einstigen Sammlung von Hans Wetzlar, die dessen Tochter Marga ten Haaf-Wetzlar für sich behalten und nun eingereicht hat, und zehn Gemälden aus der Rau-Kollektion. Versehen mit Wetzlar-Provenienz, ist das umwerfende Halbbildnis einer jungen Frau von Jan Gossart, genannt Mabuse, wohl um 1525 entstanden. Hans Wetzlar erwarb es einst auf den Rat Max Friedländers hin; jetzt ist es auf 200.000 bis 300.000 Pfund geschätzt, wie auch das Halbporträt eines jungen Mannes, den Joos van Cleve im pelzbesetzten Mantel vor grünem Grund festhielt.

Ein Frühwerk Roelandt Saverys lässt auf gut vierzig Zentimeter Querformat einen Stallknecht mit schwarzem Hengst artig posieren (Taxe 150.000/200.000 Pfund), und Gerard ter Borch mischt einen dunklen, langhaarigen Melancholiker mit Schnupftabaksdose unter seine „Drei Männer in einem Wirtshaus“ (250.000/300.000). Als Los 64 bei Sotheby's erscheint jener kuriose Kampf zwischen „Herkules und Antäus“, gerade in der Cranach-Ausstellung im Frankfurter Städel, dann in der Londoner Royal Academy zu sehen: Wohl eingeliefert von der Bremer Kunsthandlung Neuse, liegt die Taxe bei 50.0000 bis 700.000 Pfund - kein geringer Fortschritt; zuletzt wurde das Kleinformat 2002 bei Nagel in Stuttgart für 300.000 Euro zugeschlagen.

Watteau aus der Ecke gelockt

In den „Day Sale“ bei Christie's eingeordnet sind dreißig Gemälde aus den Sammlungen des Hauses Liechtenstein, deren fürstliche Herkunft allein dafür sorgen wird, die Gesamtschätzung von rund einer Million Pfund locker zu überschreiten. Der Abend zuvor aber wird bei der französischen Auktionsfirma angeführt von Watteaus „La surprise“, einer galanten Szene, die das hübsche Schicksal hat, im vergangenen Jahr in einer Ecke im Salon eines englischen Landsitzes entdeckt worden zu sein, nachdem das Werk als verschollen galt: Neben einem Paar in leidenschaftlicher Umarmung spielt Mezzetin, eine wehmütige Figur der Commedia dell'arte, auf seiner Gitarre, ein Hündchen beäugt neugierig das Geschehen - mit der Erwartung von drei bis fünf Millionen Pfund ist ein Auktionsrekord für den französischen Rokokoheros avisiert.

Ihm gewissermaßen auf der Fährte ist das attraktive Gemälde eines steigenden Hengstes von Van Dyck; der majestätische Falbe vor düsterem Himmel soll eine bis 1,5 Millionen Pfund einspielen. Damit geht er gleichauf an den Start mit Pieter Brueghels d. J. „Schlechtem Hirten“, der - seit einem halben Jahrhundert dem Markt entzogen - seine Schafherde dem reißenden Wolf überlassen hat. Christie's druckt hinten im Gemäldekatalog noch einmal die drei jüngst in Spanien wiederaufgetauchten Goya-Blätter ab, die in der Vormittagsauktion mit Zeichnungen aufgerufen werden.

Skurile Graphik von Goya

Es handelt sich um genialisch getuschte Skizzen aus zwei der privaten Alben Goyas, nämlich ein im handgreiflichen Streit stürzendes Frauen-Duo (800.000/1,2 Millionen), einen lamentabel büßenden Mann (700.000/ 900.000) und die groteske Szene eines gewissen Constable Lampiños, der in ein totes Pferd eingenäht ist, aus dessen Hinterleib nur sein Kopf herausragt, umkläfft von einer Hundemeute (600.000/ 800.000). Bei Sotheby's stellt Rubens das großformatige Spitzenblatt der Zeichnungen, nämlich seine bildhafte Darstellung nach Giulio Romanos Empfang des Scipio vor den Toren Roms (120.000/160.000).

Drei charmante Porträts Ingres' schließen sich an, besonders fein das Bleistiftbildnis seines Freundes Aristide-Laurent Dumont in Uniform, einen imponierenden Helm im rechten Arm (100.000/150.000). Dumonts weniger selbstgefällige, dafür ganz lebendige Gattin Pauline-Joséphine wäre für 80.000 bis 120.000 Pfund dazu zu gewinnen. Bei der Durchsicht der Kataloge, jenseits der zugkräftigen Superstars, bleibt einmal mehr diese Erkenntnis: das krasse Missverhältnis der Preise zwischen den Alten und den Zeitgenossen. Es könnte eine Frage von wenig Zeit sein, dass sich diese Schere schließt. Leider freilich nicht, weil plötzlich wieder Bildung, Wissen und Kennerschaft eingezogen wären, sondern weil das unaufhaltsam ausufernde Dekorationsbedürfnis auf all diese Schönheit zugreift.


Das Glück in der Ferne suchend: DieTafel „Der schlechte Hirte” Pieter Brueghe...

Das Glück in der Ferne suchend: DieTafel „Der schlechte Hirte” Pieter Brueghels des Jüngeren soll bei Christie's 1 bis 1,5 Millionen Pfund einspielen (73,7 mal 104,8 Zentimeter).

Als die Bilderschätze des Philanthropen Gustav Rau im Jahr 2000 zum ersten Mal in Paris im Musée du Luxembourg ausgestellt waren, tat sich ein „kleiner Louvre“ auf, wie Wilfried Wiegand in dieser Zeitung schrieb. Ende der fünfziger Jahre hatte Rau zu sammeln begonnen, zunächst Alte Meister, dann auch zurück ins Quattrocento und nach vorn ins 20. Jahrhundert. Als er im Jahr 2002 starb, hinterließ er eine der wertvollsten Privatsammlungen überhaupt, mit knapp 750 Werken, geschätzt auf 300 bis 500 Millionen Euro. Mit ihr verbindet sich die Tragik eines Mannes, der - Erbe einer schwäbischen Autozulieferfirma und reich geworden durch deren Verkauf - als Arzt in Afrika wirkte. Daneben trug er seine phänomenale Kollektion zusammen, die er zunächst in diverse Stiftungen in der Schweiz und Liechtenstein einbrachte - um sie dann, kurz vor seinem Tod und schwer erkrankt, der deutschen Unicef zu überschreiben.

Seit 2003 dauert nun schon das Zerren zwischen den Stiftungen und Unicef um das Eigentum. Die zehn Werke, die jetzt bei Sotheby's versteigert werden, dienen nicht der Bekämpfung des Hungers der Ärmsten, sondern - wie schon ein Klimt-Gemälde Anfang 2007 bei Christie's - der Alimentierung des Fachpersonals für den unrühmlichen Streit. Einlieferer ist entsprechend der vom Landgericht Konstanz, das seit fünf Jahren die Eigentumsverhältnisse zu klären versucht, bestellte Nachlasspfleger. Nach Auskunft des Auktionshauses wurden die zehn Bilder gemeinsam von Sotheby's-Experten und dem Nachlasspfleger ausgewählt, als Gruppe und auch unter marktspezifischen Gesichtspunkten.

Eine hochgeschätzte Landschaft von Patel

Die höchste Erwartung von 400.000 bis 600.000 Pfund gilt einer gut sechzig mal neunzig Zentimeter messenden abendlichen Landschaft mit Reisenden und einem Jäger bei einer Ruine vom französischen Barockmaler Pierre Patel. Mit jeweils 300.000 bis 500.000 Pfund folgen ein Goldgrund-Triptychon von Taddeo die Bartolo und ein Früchtestillleben mit Muscheln und Blumen des Balthasar van der Ast. Es gibt Tintorettos Bildnis eines alten bärtigen Mannes (200.000/300.000) und Hyacinthe Rigauds Porträt des jungen Pierre-Vincent Bertin (200.000/300.000). Adriaen Coortes strenge Vanitas (200.000/300.000) gleicht einem fernen Spiegel des Schicksals dieser Kollektion.

Mindestens 2,1 Millionen Pfund sollen die Bilder einspielen, die obere Schätzung liegt bei 3,3 Millionen. Geld, das benötigt wird, um die laufenden Kosten für den Nachlass zu decken, will heißen: um die Auseinandersetzungen der um den Nachlass zankenden Parteien zu finanzieren. Honorare für Stiftungsräte und Anwälte statt Essen und Wasser und Medizin für Afrika. Welch ein Hohn auf den Traum des Gustav Rau.

Rose-Maria Gropp



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Christie's, Sotheby's

 
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