Kunstauktion bei Lehr in Berlin

Musenküsse

Von Camilla Blechen, Berlin

21. April 2008 Eine Rarität aus dem Kosmos der „Brücke“-Kunst, Ernst Ludwig Kirchners Farbholzschnitt „Unterhaltung von drei Frauen“, steht am 26. April als Spitzenlos im Zentrum der Frühjahrsauktion bei Irene Lehr in Berlin. Aus Privatbesitz eingeliefert, ist das im Jahr 1907 in Dresden von vier Stöcken handgedruckte Blatt gegenwärtig lediglich in einem einzigen weiteren Exemplar nachweisbar, das die Hamburger Kunsthalle hütet. Die Seltenheit der bestens erhaltenen, großformatigen Graphik, in der sich Jugendstilelemente mit Gestaltungsmitteln der „Fauves“ verbinden, rechtfertigt die hohe Preiserwartung von 100.000 Euro.

Die vielgerühmte Malkultur der Elbestadt Hamburg ist mit Theodor Rosenhauers „Alter Dorfansicht“ in charakteristisch pastos aufgetragenen Pigmenten präsent (Taxe 15.000 Euro). Aufmerksamkeit verdient eine um 1933/35 entstandene „Verschränkung von Kühl und Warm auf Kupfer“ aus dem Tafelwerk des als „Patriarch der Moderne“ gefeierten Konstruktivisten Hermann Glöckner, deren Schätzpreis bei 20.000 Euro liegt. Einmal nicht als herausragender Dresdner Maler, sondern als Schöpfer der Radierfolge „Krieg“ tritt Otto Dix auf. Mit 33 von fünfzig Blättern lassen sich mit Preisen von 1000 bis 3000 Euro Lücken in unvollständigen Zyklen schließen.

Sachlicher Blick auf den Bodensee

Eine um 1900 entstandene „Pariser Straßenszene“ des Berliner Secessionisten Franz Skarbina, die sich um ein elegant gekleidetes Paar dreht, wird für 25.000 Euro angeboten. Werner Heldts Aquarell „Demonstration“ soll 14.000 Euro einspielen. Renée Sintenis' bei Noack gegossene Bronze „Kleine Daphne“ kostet 9000 Euro. Die süddeutsche „Neue Sachlichkeit“ ist mit Franz Lenks „Blick über den Bodensee“ (10.000) und Rudolf Dischingers „Toiletten-Tisch“ voller Utensilien für den gepflegten Mann für 6000 Euro vertreten. Zum gleichen Preis angeboten wird eine Porträtstudie zu jenem bitterbösen „Industriebauern“, den Georg Scholz im Jahr 1919 im Kreis seiner nicht minder furchteinflößenden Familie darstellte. Für 7000 Euro erhältlich ist die durch einen geisterhaft wirkenden Passanten akzentuierte Fassade des „Hotel Carlton“ in Monte Carlo, um 1928/29 festgehalten von Karl Hubbuch.

Internationales Flair gewinnt die Auktion durch die mit Zwirnfäden zusammengehaltene Collage „Gravitación“ von Eduardo Chillida (40.000), Pablo Picassos Lithographie „Françoise en Soleil“ (18.000) und David Hockneys illustrativen Geniestreich zu den Gedichten des griechischen Schriftstellers Constantine P. Cavafy (16.000). Der besten Schaffenszeit des Hamburger Graphikers Horst Janssen entstammt die Visualisierung von „Zwei Dummköpfen und einem Fachkopf, über die Gestaltung einer Buchmitte debattierend“.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Dr. Lehr Kunstauktionen

 
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