Nachbericht

Die alten Obergrenzen sind gesprengt

Von Anne Reimers, London

Auktionsrekord für Gerhard Richter: “Kerze“ aus dem Jahr 1983, zugeschlagen bei 7,1 Millionen Pfund (Taxe 1,8/2,5 Millionen Pfund)

Auktionsrekord für Gerhard Richter: "Kerze" aus dem Jahr 1983, zugeschlagen bei 7,1 Millionen Pfund (Taxe 1,8/2,5 Millionen Pfund)

02. März 2008 "Der globale Hunger nach Spitzenwerken ist da und wird stabil bleiben, weil es nun eine globale Gemeinschaft von Käufern gibt, die sie haben wollen." So erklärte Tobias Meyer von Sotheby's den neuen Rekordumsatz für eine Zeitgenossen-Auktion in Europa, den sein Haus aufgestellt hat: 95,03 Millionen Pfund (das Aufgeld inklusive) setzte Meyer am Auktionspult in weniger als zwei Stunden um. Mehrere hundert Sammler, Galeristen, Berater und Journalisten drängten sich in dem großen Saal in der New Bond Street, um zu verfolgen, wie die meisten Lose an den Telefonen der Sotheby's-Spezialisten an ungenannte Sammler verkauft wurden. Sechs neue Künstler-Rekorde wurden an diesem Abend aufgestellt, vier Lose für mehr als fünf Millionen und achtzehn Lose für mehr als eine Million Pfund verkauft. Der Durchschnittspreis pro Los (56 von siebzig Losen wurden verkauft) stieg von 1,09 Millionen im Juni 2007 auf 1,69 Millionen Pfund. Zu den Rückgängen zählten hoch angesetzte chinesische Zeitgenossen, die wohl ihr vorläufiges Preisniveau erreicht haben und bei denen London mit den Marktplätzen Hong Kong und New York konkurriert.

Auch bei Sotheby's war die Tendenz festzustellen - wie beim etwas schwächeren Ergebnis bei Christie's vor drei Wochen, wo fast ein Drittel der Lose keinen Käufer fand -, dass die meisten Werke nur wenige, teilweise nur einen einzigen Bieter finden und dass das mittlere Preissegment immer wieder abgelehnt wird. Knapp zwei Drittel waren europäische und russische Sammler, etwa dreißig Prozent Amerikaner, und vier Prozent kamen aus Asien. Der schwache Dollar und die Kreditkrise haben wohl dafür gesorgt, dass sich im Katalog viele Einlieferungen aus den Vereinigten Staaten befinden; etwas mehr als die Hälfte kam nicht aus Europa. Das mit einer Garantie versehene Spitzenlos, Francis Bacons "Study of Nude with Figure in a Mirror", ebenfalls nicht aus Europa kommend, erreichte kaum seine untere Schätzung von achtzehn Millionen Pfund.

Fontanas Concetto Spaziale

Den Hammerpreis bei 17,8 Millionen Pfund bewilligte laut Sotheby's ein europäischer Privatsammler am Telefon; aus anderer Quelle heißt es, der Käufer sei der Anwalt Sir Po Shing aus Hong Kong. Und das vor zwei Wochen bei Christie's für 23,5 Millionen Pfund versteigerte Bacon-Triptychon soll der in der Schweiz lebende ehemalige Christie's-Schmuckexperte Andy Cohen im Auftrag eines Kunden gekauft haben.Herausragend bei Sotheby's war ein goldenes Ei: Eine ovale, mit Glitter bestreute, durchlöcherte Leinwand von Lucio Fontana, mit dem dramatischen Titel "Concetto Spaziale / La Fine di Dio" etablierte mit 9,2 Millionen Pfund (Taxe 4/6 Millionen) einen neuen Fontana-Rekord. Gegen einen telefonischen Bieter setzte sich der Kunstberater Philippe Ségalot im Saal durch: Die Verdoppelung der Taxe belegt einmal mehr, dass für so spektakuläre Werke der bisherige Preisrahmen irrelevant geworden ist.

Ségalot ersteigerte wenig später auch das zweitteuerste Los des Abends, Warhols "Three Self-Portraits", dem Vernehmen nach im Auftrag des britischen Architekten Tony Harrison, und stach dabei mit 10,2 Millionen Pfund (10/15 Millionen) schnell zwei weitere Interessenten aus. Jeden Rahmen sprengte auch Gerhard Richter: Seine knapp einen Quadratmeter messende "Kerze" aus einer deutschen Privatsammlung, die von 1990 bis 2007 als Leihgabe im Kaiser Wilhelm Museum in Krefeld hing, stellte erneut einen Auktionsrekord für ihn auf und fand mit einem Dutzend Bietern an den Telefonen und im Saal auch das meiste Interesse überhaupt. Als bei 7,1 Millionen Pfund (1,8/2,5 Millionen) für einen amerikanischen Sammler am Telefon der Hammer fiel, applaudierte das Publikum. Richters "Struktur (1)" von 1989 ging nach einem zähen Gefecht für 4,1 Million Pfund (1,5/2 Millionen) in eine europäische Sammlung. Rekorde gab es außerdem für Juan Muñoz, Gilbert & George, Paula Rego und Malcolm Morley. Polkes mit einer Garantie versehener "Don Quichotte" von 1968 aus der Sammlung Frieder Burda blieb, wie viele andere Lose, mit einem Hammerpreis von 920.000 Pfund unter seiner Taxe von 1,2 bis 1,8 Millionen.

Kunst der Gegenwart bei Phillips

Dreieinhalb Stunden lang schwang Simon de Pury im neuen Londoner Quartier von Phillips de Pury enthusiastisch den Hammer - und 89 von 111 Losen des "Contemporary Evening" sowie 34 von 39 Losen der separaten Auktion mit russischen Zeitgenossen zugunsten aidskranker Kinder fanden einen neuen Besitzer. Damit setzte das Haus insgesamt 28,4 Millionen Pfund um. Spitzenlos bei den Russen wurde wie erwartet Ilya Kabakovs Maikäfer "Beetle", der mit 2,6 Millionen Pfund (1,2/1,8 Millionen) - bewilligt von einem Kunden der im Saal sitzenden Christie's-Spezialistin Pilar Ordovás - einen Künstler-Rekord aufstellte. Ein deutschsprachiger Sammler am Telefon erwarb gleich sechs russische Zeitgenossen; bei einem verträumten Bild mit Badenden von Simon Faibisovich setzte er sich mit 250.000 Pfund, mehr als der vierfachen Schätzung, gegen viele Bieter im Saal und an den Telefonen durch.

Zum teuersten Los der Zeitgenossen-Veranstaltung avancierte Richard Princes "Surfing Nurse", für die Stefan Ratibor von der Gagosian Galerie 1,9 Millionen Pfund (1,5/2 Millionen) bewilligte. Der Krankenschwester folgt ein Riesenformat mit bunten Punkten von Damien Hirst, das Philippe Ségalot für 1,55 Millionen Pfund (1,5/2,5 Millionen) ersteigerte. Der New Yorker Händler Per Skarstedt kaufte zwei Werke von Rosemarie Trockel: Für die kleine Plastik "Trophäe der Sehnsucht" setzte er 48.000 Pfund (25.000/ 35.000) ein und für eine wandfüllende Installation mit Herdplatten 100.000 (110.000/150.000). Rekorde wurden bei Phillips de Pury unter anderen für John Armleder, Erik Bulatov und Matthias Weischer verbucht. Werke mit Schätzungen unter 100.000 Pfund schnitten oft gut ab: Eine Soldatenszene von Kai Althoff stieg auf 135.000 Pfund (50.000/ 70.000), und - weniger etablierte - chinesische Künstler konnten neben den russischen Aufsteigern ihre Taxen teilweise weit hinter sich lassen. So erzielte das drittletzte Los des Abends, ein C-print von Zhang Huan, noch einmal 43.000 Pfund (6000/ 8000) - als die meisten Gäste den zu Beginn prall gefüllten Saal bereits verlassen hatten.

Text: F.A.Z., 01.03.2008, Nr. 52 / Seite 45
Bildmaterial: Phillips de Pury, Sotheby's

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Im Jahr 1989 schuf Gerhard Richter “Struktur (1)“.  Starke 4,1 Millionen Pfund spielte das Gemälde nun ein (Taxe 1,5/2 Millionen Pfund).“Surfing Nurse“ von Richard Prince brachte 1,9 Millionen Pfund (1,5/2 Millionen Pfund). Warhols dreifaches Selbstporträt von 1986 brachte 10,2 Millionen Pfund (Taxe 10/15 Millionen). Sigmar Polkes Bild aus dem Jahr 1968 wurde bei 920.000 Pfund zugeschlagen (Taxe 1,2/1,8 Millionen Pfund).