Von Tilo Richter

Labsal für den Dürstenden: Albin Egger-Lienz' Gemälde „Die Quelle” von 1923 wurde für 460.000 Franken zugeschlagen (Taxe 240.000/340.000 Franken).
18. Juli 2008 Einmal mehr begeisterten sich Sammler und Händler für marktfrische Kunst: Allein elf Millionen Schweizer Franken mit Aufgeld setzte das Auktionshaus Koller in seinen Juni-Auktionen mit Schweizer Kunst, moderner und zeitgenössischer Kunst um. Zum ersten Mal fand bei Koller eine Spezialauktion mit Gegenwartskunst statt, und deren Glanzpunkt bildete Willi Baumeisters Komposition Monturi-Kreis von 1954. Zahlreiche Saal- und Telefonbieter zeigten lebhaftes Interesse an dem abstrakten Spätwerk des Stuttgarter Künstlers. Ein letztes Gebot von 480.000 Franken (Taxe 160.000/260.000 Franken) war schließlich für den Zuschlag nötig; ein deutscher Sammler bewilligte den Betrag am Telefon.
Ein außergewöhnliches Konvolut von Frühwerken Anselm Kiefers sorgte schon vor Beginn der Auktion für Gesprächsstoff. Seit ihrer Entstehungszeit waren die elf Bilder im Besitz einer deutschen Sammlerfamilie, die sie nie öffentlich zeigte. Allein diese Werkgruppe erzielte rund eine Million Franken. Begeistert von der Akademiezeit Kiefers war ein griechischer Sammler, der zuletzt auch in anderen Auktionshäusern von sich reden gemacht hat. Sein Vertreter im Saal sicherte sich zwei Hauptwerke Kiefers: die bewegte Rote Frau von 1967 für 225.000 Franken (230.000/330.000) und eine wohl ebenfalls in den späten sechziger Jahren entstandene abstrakt-farbige Kompositionfür 160.000 Franken (160.000/240.000).
Starke Ergebnisse für Giovanni Giacometti
Ausgeprägtes Interesse weckten auch vier aquarellierte Landschaftsbilder von 1971, die Kiefers spätere Auseinandersetzung mit der deutschen Landschaft erkennen lassen. Von Handel und Privatsammlern begehrt, ließen die Studien mit Zuschlägen zwischen 35.000 und 60.000 Franken ihre Schätzungen von 18.000 bis 35.000 Franken deutlich hinter sich. Die Auktion Schweizer Kunst wurde dominiert von den üblichen Protagonisten. Wenig überraschend sind die Ergebnisse für zwei Werke Giovanni Giacomettis: Sein 1912 entstandener Frühling im Bergell bleibt für eine Investition von einer Million Franken (1,3/1,8 Millionen) in der Schweiz.
Sein Gemälde Sera d'autunno erfreut nun einen amerikanischen Sammler, der sich das stimmungsvolle Bild 300.000 Franken (300.000/500.000) kosten ließ. Weniger bekannt als Hodler, Vallotton und Amiet ist der Name Raphy Dalleves. Die Offerte enthielt drei Bildnisse des Giacometti-Zeitgenossen, für die im Saal und an den Telefonen eifrig geboten wurde. So stieg Dalleves' Tempera Porträt einer Walliserin von 1916 im originalen Künstlerrahmen auf 130.000 Franken (80.000/120.000) und dürfte bald neben Giacomettis Frühling im Bergell hängen. Johannes Ittens mystische Mondlicht-Landschaft bestätigte ihre Schätzung mit einem Zuschlag bei 100.000 Franken (100.000/140.000).
Eine Quelle für den Durstigen
Nur eine von drei Arbeiten Gottardo Segantinis, das Ölbild Heimkehr am Abend für 30.000 Franken, fand einen neuen Liebhaber. Zurück ging überraschend auch Felix Vallottons Le Bain von 1905, ein ganzfiguriger Akt in normannischer Küstenlandschaft. Ein österreichischer Bieter übernahm in der Auktion mit moderner Kunst das Figurenbild Die Quelle für 360.000 Franken, das Landsmann Albin Egger-Lienz 1923 gemalt hat (240.000/340.000). Umkämpft war auch das um 1925 entstandene Aquarell Blumen von Emil Nolde, das für 165.000 Franken (120.000/ 180.000) in eine Schweizer Privatsammlung überging.
Giorgio de Chiricos wunderbares Cavallo in riva al mare, das um 1935 entstand und 2007 in Berlin für 80.000 Euro verkauft wurde, ging in Zürich ohne ausreichende Gebote zurück (110.000/140.000). Die Einkäufe des griechischen Privatsammlers wurden zuletzt höchst aufmerksam beobachtet. Seine Vorliebe für ausdrucksstarke Farbigkeit ließ er sich auch bei der Moderne etwas kosten: Die expressiven Rot- und Gelbtöne von Mohn und Anemonen, die Raoul Dufy auf Fleurs in den Jahren 1906/07 zu einem stark stilisierten Blumenstrauß gebunden hatte, entlockten ihm 230.000 Franken (220.000/ 280.000); starke 165.000 Franken bewilligte er für eine bewegte Gartenlandschaft von Louis Valtat.
Auch für Zeitgenossen blieb im griechischen Budget noch etwas übrig: Für 122.000 Franken (120.000/ 150.000) gelangte das monumentale Figurenbild Holiday No. 6 des Mongolen Xin Pin Su aus dem Jahr 2000 in den Besitz des Kauffreudigen. In der Auktion mit moderner russischer Kunst blieben Überraschungen aus: Wjatcheslav Kalinins drei aufgedonnerte Modelle beim Schönheitswettbewerb von 1989 avancierte mit einem Zuschlag bei 50.000 Franken (50.000/70.000) zum Spitzenlos. Unter den zahlreichen Losen der Möbelauktion fiel insbesondere ein Prunkflügel von um 1880 auf. Das auf 28.000 bis 48.000 Franken geschätzte Instrument des Pianoforte-Herstellers Erard wurde bis auf einen Zuschlag von 180.000 Franken gehoben.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Galerie Koller