Von Rose-Maria Gropp
22. Juni 2008 Sie ist die Inkarnation des Luxus, ist Priesterin und Kurtisane - "Corinthe", Personifikation jener in der Antike blühenden griechischen Stadt, mit ihrem sagenhaften Reichtum und ihrem Tempel der Venus, in dem die schönsten Hetären für Höchstpreise ihren Freiern dienstbar waren, zu denen Philosophen gezählt haben sollen. So jedenfalls gefiel das dem fin de siècle, beflügelt von gräzisierender Stilschwärmerei und dem Beginn der Ausgrabungen des antiken Korinth im Jahr 1896. Jean-Léon Gérôme schuf seine Korintherin in den Jahren 1903/04 als 47,5 Zentimeter hohes polychromes Gipsoriginal, versehen mit Schmuckelementen aus Wachs.
Auf dem korinthischen Kapitell, auf dem die stolze Hetäre sich ursprünglich im Schneidersitz niedergelassen hatte, stand der lateinische Satz: "Non licet omnibus adire Corinthum" - Nicht jedem ist es erlaubt, Korinth zu betreten. Corinthe ist die fatale Frau des Symbolismus, gekleidet in die Formen der Moderne, geschaffen mit einem Willen zum Realismus, der sie für heutige Augen schon wieder unheimlich macht. Ihr Inkarnat, das sich blassem Rosa unter einer Schicht warmer Fleischtöne verdankt, scheint die Figur zum Leben zu erwecken.
Ein Anschein von Lebendigkeit
Gérôme lässt in Corinthe die Illusion der Nacktheit mit der Perfektion der farbig gefassten Skulptur verschmelzen. Sein Leben lang hat er Spiegelspiele zwischen seinen Gemälden und seinen Plastiken betrieben, hat die Letzteren in seine Bilder hineingenommen als Sujet, den Akt ihrer Schöpfung durch den Künstler gefeiert. Gérôme war ein Löwe im Salon; sein Akademismus ist unverwüstlich - man darf diese Kunstfertigkeit ungestraft Kitsch nennen, handwerkliche Meisterschaft freilich auch. Die marmorne Vollendung der Corinthe für den Pariser Salon 1904 hat Gérôme aber nicht mehr erlebt; er starb am 10. Januar 1904, beinah achtzig Jahre alt.
Sein Assistent Émile Decorchement stellte die Plastik, die sich heute in einer Privatsammlung befindet, fertig - aus weißem Marmor mit Schmuck aus Bronze, Silber, Gold und Emaille, mit gemalten Haaren, Augen und Lippen, erhaben ruhend auf ihrem bronzenen Kapitell über einer grünen Marmorsäule. Die phänomenale Provenienz des mit kleineren Blessuren behafteten Gipsmodells nennt das Atelier Gérômes und seither dessen Nachkommen. Am 25. Juni wird "Corinthe" bei Sotheby's in Paris versteigert, versehen mit einer Schätzung von 200.000 bis 300.000 Euro.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Sotheby's
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