Impressionismus und Moderne

Die Vernunft der Käufer

Von Lisa Zeitz, New York

16. Mai 2008 „Es geht alles immer noch wunderbar“, sagte Auktionator Tobias Meyer von Sotheby's nach der erfolgreichen Veranstaltung mit impressionistischer und moderner Kunst. Wieder einmal herrschte Erleichterung, nachdem die meisten Werke einen Abnehmer gefunden hatten und sich der mit zahlreichen Kunsthändlern und einigen Sammlern vollbesetzte Saal wieder leerte. Simon Shaw, der neue New Yorker Direktor der Abteilung Impressionismus und Moderne, sprach davon, dass Sotheby's sich rehabilitiert habe - und spielte damit auf die weniger glanzvolle Auktion der vergangenen Saison an. Sowohl bei Christie's als auch bei Sotheby's gab es diesmal schmerzhafte Rückgänge, wenn Qualität oder Marktfrische zu wünschen übrig ließen; es gab aber auch neue Höchstpreise für Meisterwerke von Rodin, Monet, Vuillard, Munch, Léger, Miró und Giacometti.

Bei Christie's beträgt der Gesamtumsatz der Abendauktion mit 58 Losen - davon vierzehn Rückgänge - rund 277 Millionen Dollar; dieses Ergebnis liegt etwas unterhalb der Gesamtschätzung. Sotheby's hat mit 52 Losen - davon elf Rückgänge - einen Umsatz von rund 235 Millionen Dollar erzielt und liegt damit innerhalb seiner Gesamttaxe. Mehr als die Hälfte der Käufer bei Christie's waren Europäer, für die der schwache Dollar günstig ist, während bei Sotheby's die meisten der Käufer aus Amerika stammen. Zwar liegt bei Sotheby's das Gesamtergebnis unter dem der Konkurrenz, doch die Bietgefechte waren hier lebendiger und spannender. Dennoch: Keine der beiden Abendauktionen kamen einem sprühenden Feuerwerk gleich. Nervenkitzel und Überraschungen sind wohl erst in der nächsten Woche bei den Auktionen mit Gegenwartskunst zu erwarten.

Monets Brücke von Argenteuil

Zu den schönsten Werken dieser Woche gehört Claude Monets strahlende Ansicht der Eisenbahnbrücke von Argenteuil aus dem Jahr 1873, die von der Kunsthändlerfamilie Nahmad bei Christie's eingeliefert wurde. Aus dem Bild spricht Monets fester Glauben an die Moderne: Während eine Dampflok in Richtung Paris beschleunigt und optimistische Wölkchen an den Himmel zaubert, verlangsamt ein anderer Zug seine Fahrt vor dem Bahnhof des verschlafenen Vororts. Geschätzt auf 35 bis 45 Millionen Dollar, nahm Guy Bennett am Telefon das letzte Gebot bei 37 Millionen Dollar entgegen. Das ist ein neuer Auktionsrekord für Monet - und der höchste Zuschlag der gesamten Woche. Freilich soll Monet schon im kommenden Monat in London noch mehr einspielen, wenn eines seiner berühmten Seerosenbilder wohl auf rund vierzig Millionen Dollar geschätzt sein wird.

Skulpturen verschiedenster Jahrgänge hatten Erfolge zu feiern: Der erfahrene Auktionator Christopher Burge von Christie's vermittelte Rodins herrliche, leicht überlebensgroße Eva telefonisch gegen Gebote eines weißhaarigen Gentleman im Saal für 16,9 Millionen Dollar (Taxe 9/ 12 Millionen) und verzeichnete damit einen neuen Rekord für Rodin; der meisterhafte Guss von François Rudier trägt die Inschrift „Première épreuve“. Ursprünglich als Pendant zu einem Adam am Höllentor erdacht, kaufte der Kunstmäzen Auguste Pellerin die von Scham gebeugte Figur gleich nach ihrer Fertigstellung 1897 und stellte sie an einen Teich auf seinem Anwesen in Neuilly-sur-Seine. Im Jahr 1999 war „Eva“ schon einmal bei Christie's in New York: Damals erzielte sie mit Aufgeld 4,8 Millionen Dollar (Taxe 3/4 Millionen). Alle Lose von Alberto Giacometti brachten stolze Preise: „La place II“ von 1948 fand gegen Gebote des New Yorker Galeristen David Zwirner einen telefonischen Abnehmer bei dreizehn Millionen Dollar (12 Millionen).

Höchtspreise für Giacometti

Besonders hoch kletterte Giacomettis monumentale „Grande femme debout II“ der Jahre 1959/60, die für den Rekordpreis von 24,5 Millionen Dollar (um 18 Millionen) Andrea Crane zugeschlagen wurde. Crane arbeitet für Larry Gagosian, der Interesse daran hat, das Preisniveau für Giacometti zu kontrollieren, da er den Nachlass des Künstlers vertritt. Es war nicht zu erfahren, ob die „Grande femme“ für die Galerie oder für einen Kunden ersteigert worden ist. Zum ersten Mal wurde Rembrandt Bugatti, der Tierspezialist des Art déco, in dem erlauchten Kreis der Abendauktion vorgestellt: Sein schreitender Königstiger, der ungefähr 1913, rund drei Jahre vor dem frühen Tod des Künstlers, in Bronze gegossen wurde, erzielte innerhalb der Taxe 2,3 Millionen Dollar -und damit ebenfalls einen neuen Rekord für den Künstler. Auch Mirós sehr persönliche Leinwand „La caresse des étoiles“ sicherte dem Künstler mit 15,2 Millionen (12/16 Millionen) einen neuen Höchstpreis.

Ein anderes Schicksal ereilte Kees van Dongens sündige „Anita en almée“, deren hohe Taxe von zwölf bis achtzehn Millionen Dollar auf einen Rekord ausgerichtet war: Mit einer Garantie versehen, blieb sie aber ebenso unverkauft wie Van Goghs Landschaft „Route aux confins de Paris“ (13/16 Millionen). Den Auftakt bei Sotheby's machten vier kleine, Ton in Ton gemalte Stillleben von Giorgio Morandi, von denen der Kunsthändler David Nahmad, tätig in London und New York, sich gleich zwei sicherte, innerhalb der Taxen für 1,12 Millionen Dollar und für 580 000 Dollar. Ein anderes Stillleben führte kurz darauf zu einem spannenden Bietgefecht: Sieben Interessenten bemühten sich um „Le Géranium“ von Matisse aus dem Jahr 1910, das aus dem Nachlass von Catherine Gamble Curran eingeliefert wurde. Geschätzt auf 2,5 bis 3,5 Millionen Dollar, kletterte das kleine Gemälde unter Geboten von Daniella Luxembourg und der schließlich siegreichen Acquavella Gallery bis auf 8,5 Millionen Dollar.

Ein bronzener Vogel von Picasso

Die Zürcher Kunsthändlerin Doris Ammann ersteigerte Picassos Bronze „La Grue“, einen achtzig Zentimeter hohen Kranich der Jahre 1952/53, für 17,1 Millionen Dollar (10/15 Millionen); seine Bemalung macht ihn zum Unikat. Wenige Minuten später behauptete sie sich auch beim kubistischen Prunkstück des Abends, Fernand Légers „Etude pour la femme en bleu“ aus den Jahren 1912/13, das einst zur berühmten Krefelder Sammlung Lange gehörte. Ammann erhielt das Bild zur unteren Schätzung von 35 Millionen Dollar, ein Rekord für den Künstler. Légers späte Komposition „La partie de campagne“, 1952/54 gemalt, auf zwölf bis achtzehn Millionen Dollar geschätzt und mit Garantie versehen, fand dagegen keinen Käufer. Selten auf dem Markt sind Gemälde von Edvard Munch: Sein Werk „Mädchen auf einer Brücke“ wurde vom Londoner Sammler Graham Kirkham eingeliefert. Ein telefonischer Bieter bewilligte knapp unterhalb der oberen Schätzung 27,5 Millionen Dollar - ein Rekordpreis auch für Munch.

Aus dem Nachlass der texanischen Philanthropen Raymond und Patsy Nasher stammt Picassos späte, wilde Darstellung „Le Baiser“, eine leidenschaftliche Umarmung eines alten Mannes und einer jungen Frau. Das große, in Grautönen gehaltene Gemälde wurde gegen Gebote des New Yorker Kunsthändlers Ivor Braka und fünf anderer Bieter telefonisch für 15,5 Millionen Dollar (10/15 Millionen) zugeschlagen. Nasher hatte vor seinem Tod Werke aus seiner Sammlung zum Verkauf bestimmt; der Erlös kommt dem Nasher Sculpture Museum in Dallas, Texas, zugute. Hohe Erwartungen hatte auch Alberto Giacomettis Gemälde „Portrait de Caroline“ von 1964 geweckt. Der Hammer schlug bei dreizehn Millionen Dollar, innerhalb der Taxe, aufs Pult, ein neuer Rekord für ein Gemälde des Künstlers. Die internationale Lust auf Kunst ist da, als überschäumend können diese Auktionen jedoch nicht bezeichnet werden: „Das Verhalten der Käufer war rational“, sagte Andrea Crane am Schluss.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Christie's