Von Anne Reimers
27. Juni 2008 In London hat sich der Kunstmarkt - einmal mehr - selbst überholt. Bei den Auktionen mit Impressionismus und Moderne wurden - wieder einmal - mehrere Rekordpositionen neu besetzt. Diesmal war Christie's dem Konkurrenten Sotheby's mehr als nur eine Nasenlänge voraus und konnte mit dem teuersten Werk der Woche das Siegertreppchen besteigen: Ein Seerosenteich von Claude Monet überrundete bei der exklusiven Abendveranstaltung, wo sich die Gäste mit einem Gold-Ticket neben internationalen Fernsehteams im Hauptsaal drängelten, den bisherigen Rekord für den französischen Künstler und zugleich die Marke des teuersten, jemals versteigerten impressionistischen Gemäldes.
Obendrein erzielte das große Querformat den zweithöchsten Preis, den jemals ein Kunstwerk bei einer Auktion in Europa einspielte. Teuerstes Werk bleibt weiterhin Der bethlehemitische Kindermord von Rubens, der 2002 bei Sotheby's in London für 49,5 Millionen Pfund verkauft wurde. Le bassin aux nymphéas, gemalt von Monet im Jahr 1919, wurde aus der amerikanischen Sammlung von Irwin und Xenia Miller eingeliefert; es ist eines von nur vier vollendeten Teichbildern, die der Künstler zu seinen Lebzeiten zum Verkauf freigab. Eine blonde Dame in der ersten Reihe - gleich vor dem Rostrum, das der eigens aus New York eingeflogene Auktionator Christopher Burge, Chairman von Christie's Amerika, unter Applaus bestiegen hatte, um die siebzehn Lose aus der Sammlung Miller zu versteigern - setzte sich gegen fast ein Dutzend Bieter im Saal und an den Telefonen durch.
London lockte
Burges Verkaufsgeschick - und eine Garantiesumme für das Bild in unbekannter Höhe, unabhängig von seinem Verkauf oder dem erzielten Preis - waren die Bedingungen der Nachfahren Millers, unter denen zum ersten Mal eine wichtige amerikanische Privatkollektion zur Auktion nach London kam. Hinzu kommen der schwache Dollar und das russische Käuferinteresse in London. Schnell wurde die Schätzung von achtzehn bis 24 Millionen Pfund überschritten; bei dreißig Millionen waren nur noch zwei hartnäckige Bewerber an den Telefonen der Spezialisten Guy Bennett und Brett Gorvy im Rennen, gegen die Agentin im Saal mit ihrem Klienten am Mobiltelefon.
Bei atemraubenden 36,5 Millionen Pfund - mit Aufgeld sind das 40,9 Millionen Pfund - fiel schließlich der Hammer; das ist fast die doppelte Summe des gerade erst im Mai in New York aufgestellten Monet-Rekords. Zuletzt war das Bild 1971 bei Sotheby's in New York für 320.000 Dollar versteigert worden. Nach der Auktion gab sich die unbekannte Dame auf Nachfrage als Tania Buckrell Pos, Direktorin bei dem Londoner Unternehmen Arts & Management International, zu erkennen. Sie ist seit 2001 im Kunstberatungsgeschäft tätig, hauptsächlich für Finanzinstitute in Kanada, den Vereinigten Staaten, Großbritannien und auf den Kanalinseln. Zur Identität ihres Kunden hielt sie sich aber bedeckt; er verfüge über exquisiten Geschmack, kaufe nur das Beste.
Starke Umsätze mit der Sammlung Miller
Auch der Gesamtumsatz des Abends bei Christie's geriet zum Rekord: Niemals zuvor wurden bei einer Auktion in Europa 144 Millionen Pfund (das sind 182 Millionen Euro) umgesetzt. Dazu trug allein die Miller-Kollektion, aus der neben dem Monet lediglich Fernand Légers Keramik-Relief Les deux femmes au perroquet mit 240.000 Pfund (Taxe 70.000/100.000) und eine Bronze von Jacques Lipchitz mit 160.000 Pfund (70.000/100.000) ihre Schätzungen deutlich überschreiten konnten, stolze 67,5 Millionen bei. Einen anonymen Käufer verführte Henry Moores Plastik Draped Reclining Woman dazu, den Rekordpreis von 3,8 Millionen Pfund (2,5/3,5 Millionen) zu bewilligen.
Die meisten Künstler-Rekorde kann jedoch die deutsche Sammlung Hoh mit fünf von sieben Avantgarde-Werken des frühen 20. Jahrhunderts vorweisen, die den Kennerblick der Hohs unter Beweis stellen. Ein Bieter am Telefon des Direktors von Christie's Deutschland, Andreas Rumbler, war entschlossen, drei russische Schlüsselwerke zu ergattern: Er bezahlte 2,4 Millionen Pfund (1,4/1,8 Millionen) für das Großformat The Rhythm (Adam and Eve) von Vladimir Baranoff-Rossiné, dann 1,8 Millionen (250.000/350.000) für The Card Players von Vera Rockline und 4,9 Millionen Pfund (3,5/4,5 Millionen) für futuristisch-fragmentierte Les Fleurs der Natalia Gontscharowa, - die sich damit als teuerste Künstlerin überhaupt behauptet.
Prasselnde Rekorde
Zuvor hatte der anonyme Kunde bereits Egon Schieles Liegende Frau mit grünen Hausschuhen beim Zuschlag von 1,9 Millionen Pfund (2/3 Millionen) ersteigert. Weitere Rekorde wurden für den Niederländer Leo Gestel und den Belgier Frits van den Berghe aus der Hoh-Sammlung sowie für Óscar Domínguez aufgestellt. Auch dem zweitteuersten Los des Abends gelang die Rekordmeldung: Klassische Ballerinas von Degas, Danseuses à la barre, einst in der legendären New Yorker Sammlung Havemeyer, stiegen auf zwölf Millionen Pfund, das Doppelte ihrer oberen Taxe. Insgesamt konnte Christie's 66 der 81 angebotenen Lose vermitteln, eine Verkaufsquote von 81 Prozent; 62 Prozent davon wandern in europäischen und russischen, 34 Prozent in amerikanischen und vier Prozent in asiatischen sowie anderen Besitz.
Auch der Abend bei der Konkurrenz Sotheby's war von Erfolg gekrönt: Eindrucksvolle 91 Prozent - das heißt fünfzig der 55 angebotenen Lose - fanden neue Besitzer; der Gesamtumsatz beläuft sich auf 102 Millionen Pfund. Star des Abends war Severinis futuristisch-flamboyante Tänzerin Danseuse (F.A.Z. vom 14. Juni), geschätzt auf sieben bis zehn Millionen, für die ein Sammler am Telefon von Philip Hook 13,4 Millionen Pfund bewilligte; der bisherige Severini-Rekord von 1990 lag bei 3,6 Millionen Dollar. Deutlich weniger Interesse fand Monets auf dieselbe Summe geschätzte, doch weniger marktfrische La plage à Trouville, das sich Melanie Clore von Sotheby's mit einem Gebot von 6,8 Millionen Pfund sicherte.
Ein begehrter Picasso
Die meisten Lose konnte Georgina Macpherson von der Sotheby's-Private Client Group in London für zwei Sammler an ihrem Telefon abstauben: Chagall, Dufy, Gauguin, Renoir, Léger und Picasso kaufte der eine, während der andere gleich zweimal Léger sowie Henry Moores Bronze Rocking Chair für 750.000 Pfund (300.000/500.000) erwarb. Letzterer setzte sich außerdem beim Überraschungserfolg des Abends, Picassos nur 41 mal 27 Zentimeter messender Tête de femme (Dora Maar) aus der Sammlung des Norwegers Haaken Christensen, durch mit sieben Millionen Pfund (900.000/1,2 Millionen) und gegen das Gebote der Galerie Nahmad.
Alberto Giacometti bleibt Publikumsliebling: Trois hommes qui marchent I, einer von sechs Lebzeit-Güssen, erzielte 8,4 Millionen Pfund (4/6 Millionen) durch einen Bieter am Telefon des New Yorker Spezialisten August O. Uribe, und Larry Gagosian ersteigerte die zerbrechlich wirkende Femme nue (nu debout IV) für 550.000 Pfund (300.000/ 400.000). Auch bei Sotheby's dominierten europäische und russische Käufer mit siebzig Prozent, 28 Prozent kamen aus Amerika.

Für Edvard Munchs „From Åsgårdstrand” von 1904 fiel der Hammer bei 1,8 Millionen Pfund (Taxe 2/3 Millionen).
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Christie's, Sotheby's