Alte und Moderne Kunst

Um die Dorfkirche leuchtet der Sommer

Von Vita von Wedel

08. Juni 2008 Vier stattliche Kataloge weisen auf den Umfang des Angebots von der Alten Kunst bis zur Nachkriegskunst hin, das am 13. und 14. Juni bei Hauswedell & Nolte in Hamburg zum Aufruf kommt. Die Höhepunkte der Klassischen Moderne und der Kunst nach 1945 kommen in einer Abendsitzung zum Aufruf, darunter auch das mit 250.000 Euro am höchsten bewertete Bild: Gabriele Münters 1908 farbenfroh auf Karton gemalte „Dorfkirche in Riedhausen bei Murnau“. Das brillant knapp formulierte Kirchenporträt entstand in jenem Sommer, als die Künstlerin mit Wassily Kandinsky in Ausflügen das Münchner Umland und damit auch Murnau für sich entdeckte.

Ganz offenbar faszinierte sie die blockartig vereinzelt in der Landschaft stehenden Gebäude, die sie monumentalisiert, um sie als Sinnbilder der sie umgebenden Alpenlandschaft zu zeigen. Gleich drei Plastiken von Ernst Barlach kommen in der Abendauktion zum Aufruf, alles hervorragend schöne, postume Güsse, darunter ein rötlich getönter Stukkoguss der eindrucksvollen Gruppe „Das Wiedersehen (Christus und Thomas)“ nach dem verlorenen Gipsmodell von 1926, knapp fünfzig Zentimeter hoch und auf 12.000 Euro geschätzt; daneben eine der populärsten Plastiken des Meisters, „Der singende Mann“ von 1928 in einem Guss der siebziger Jahre mit goldgelber Patina (Taxe 150.000 Euro).

Farbenpracht von Chagall

Bereits am Vormittag kommt Barlachs „Sterndeuter II“ als später Bronzeguss nach einem Modell von 1909/39 für 25.000 Euro zum Aufruf. Die bedeutendste der sechs von 1921 bis 1923 erschienenen Bauhaus-Mappen in seltener Vollständigkeit enthält acht Blätter, von denen sieben signiert sind, darunter Feiningers Holzschnitt „Gelmeroda“, Kandinskys Farblitho „Fröhlicher Aufstieg“ und Klees „Der Verliebte“: Dieses kunsthistorische Manifest des frühen 20. Jahrhunderts aus amerikanischem Privatbesitz ist auf 130.000 Euro taxiert. Ewas mehr - nämlich 150.000 Euro - müssen Sammler für die vollständige Marc-Chagall-Folge mit zwölf farbigen Lithographien „Sur la Terre des Dieus“ von 1967 investieren, die sich mit Texten griechischer Philosophen auseinandersetzt.

Nolde ist mit einem intensiv orange leuchtenden „Sommerblumen“-Aquarell von 1950/51 vertreten (120.000), außerdem sind zwei durch Berliner Zoobesuche inspirierte Tieraquarelle um 1923/24 angeboten: leuchtend farbige „Salamander“ für 50.000 Euro und eine „Schnappschildkröte“ für 45.000 Euro, die damals noch exotisch war, inzwischen aber unter globaler Erwärmung auch in deutschen Flüssen heimisch ist. Aus einer süddeutschen Privatsammlung stammt eines der bedeutendsten radierten Selbstporträts von Max Beckmann, „Der Raucher“ von 1916 im dritten Zustand, von dem nur zwanzig Abzüge existieren (60.000); Beckmanns 1913 entstandenes, ebenfalls rares „Kleines Selbstbildnis“ soll 30.000 Euro kosten. Grau schimmert Hans Arps Schieferrelief „Seltsame Früchte“ des Jahres 1960, das zwei Jahre nach seiner Entstehung bereits in der Tate London ausgestellt wurde und nun 80.000 Euro einspielen soll.

Villon überzeugt mit Feinheiten

Wie stets wird eine breite Palette französischer Papierarbeiten des 19. und 20. Jahrhunderts bereitgehalten, darunter Pierre Bonnards Gouache „Les Toits rouges“ (40.000), die Grande Planche der Farblithographie „Les Baigneurs“ von Cézanne (25.000), die charakteristische Monotypie „Au Salon“ von Degas (20.000) und die farblich äußerst delikate Aquatinta „Comédie de Société“ von Jacques Villon (20.000). Picasso-Sammler werden beim farbigen Linolschnitt „Jacqueline au Bandeau II“ von 1962 oder bei der seltenen Radierung „Magicienne captant et renvoyant sur son Plafond le Rayons du Soleil“ von 1934, in einem Widmungsexemplar an Picassos Drucker Jacques Frélaut, zugreifen (jeweils 40.000 Euro).

Nach den vorausgegangenen Rekordergebnissen für Graphik von Edvard Munch bei Hauswedell & Nolte darf man gespannt sein auf die Resultate für die äußerst seltene erste Fassung der Lithographie „Eifersucht I“ von 1896 (40.000) und einen raren Zustandsdruck der Kaltnadelradierung „Das kranke Kind“ aus dem Jahr 1894 (30.000). Bei den Arbeiten aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts finden sich zwei abstrakte Öl-auf-Papier-Arbeiten von Franz Kline - „Untitled“ der Jahre 1957 und 1958, mit 100.000 und 90.000 Euro beziffert - und Gerhard Richters beliebtes Rakelbild „Grün-Blau-Rot“, 1993 aus der Edition Parkett (50.000), neben einem mit „Himmel“ betitelten Aquarell des Jahres 1984 von ihm (30.000).

Unter den Alten Meistern, die am zweiten Auktionstag versteigert werden, bestechen vorzügliche frühe Abzüge der Radierungen Rembrandts, darunter „Abrahams Opfer“ von 1635 (40.000) und „Die Verkündigung an die Hirten“ von 1634 (30.000). Im Bereich der Gemälde des ausgehenden 18. Jahrhunderts lockt ein detailreiches, Jacobus Linthorst zugeschriebenes Ölbild, ein „Stilleben mit Blumen und Früchten“ für erwartete 15.000 Euro, zum Aufruf. Beim 19. Jahrhundert steht Charles Henri J. Leickerts „Winterlandschaft vor einer Stadt mit zugefrorenen Kanälen“ mit 25.000 Euro an der Spitze der Offerte, gefolgt von einer in Bleistift ausgeführten Zeichnung Menzels, der „Halbfigur einer alten Dame“ - aus ehemaligem Besitz von Dr. H. Gurlitt in Hamburg -, für die das Auktionshaus 12.000 Euro veranschlagt hat.


Ein farbiges Raster: Edouard Vuillards Lithographie “L'Avenue“ aus dem Jahr 1...

Ein farbiges Raster: Edouard Vuillards Lithographie "L'Avenue" aus dem Jahr 1899 (4000 Euro)



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Hauswedell & Nolte

 
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