Von Nicole Scheyerer, Wien
14. April 2008 Guido Reni soll sich gegenüber seinem Biographen Carlo Cesare Malvasia gebrüstet haben, er könnte emporgerichteten Augen auf hundert Weisen einen Ausdruck von religiöser Ekstase verleihen. Das Wiener Dorotheum jubilierte vergangenes Jahr mit einer Lucrezia von Guido Cagnacci, nun hofft es mit einer Magdalena von Reni bei seiner Frühjahrsauktion vom 15. bis zum 17. April zu punkten. Für sie erwartet das Auktionshaus 250.000 bis 300.000 Euro. Der Experte Denis Mahon betrachtet das Bild als einen Prototyp späterer Versionen der bußfertigen Heiligen, die der Bologneser Künstler wiederholt als Motiv wählte. Das Gemälde wurde in das Werkverzeichnis Renis aufgenommen.
Bei den Frühjahrsauktionen im Auktionshaus Im Kinsky, am 15. und 16. April, sucht man mit dem Spitzenlos, Ferdinand Waldmüllers Gemälde Der Guckkastenmann, dieses Jahr die unmittelbare Konkurrenz zum Dorotheum: Die Kinderaugen leuchten, auf rosigen Gesichtern strahlt die Freude. Sie fixieren die Holzkiste, während der Vorführer mit ausladender Armbewegung seine Sensationen kommentiert. Indes zeigt das Bild die Auslöser des Vergnügens nicht: Die Figurengruppe genießt optische Illusionen. Vier Fassungen hat der ehemalige Theatermaler Waldmüller von 1847 an von diesem beliebten Motiv geschaffen. Die erste Version befindet sich im Ungarischen Nationalmuseum, die zweite fiel einem Brand zum Opfer. Nun kommt die dritte Fassung aus dem Jahr 1850 aus Wiener Privatbesitz auf den Markt. Mit dem 60 mal 70,5 Zentimeter großen Bild hofft Im Kinsky auf einen hohen Zuschlag: Im Jahr 2004 konnte es für Das Ende der Schulstunde einen Zuschlag von 870.000 Euro erzielen. Die jetzige Schätzung für Den Guckkastenmann liegt bei 1 bis 1,5 Millionen Euro. Im Kinsky könnte es sogar schaffen, den Auktions-Rekord für den Künstler - den das Dorotheum seit 2005 mit 1,1 Millionen hält - zu übertrumpfen.
Schwelgen in italienischen Landschaften
Im Altmeister-Katalog des Dorotheums versetzt Giovanni Paolo Panini die Highlights der römischen Antike an einen Ort. Sein 98 mal 136 Zentimeter großes Capriccio mit Blick auf das Kolosseum und den Konstantinbogen soll für 140.000 bis 170.000 Euro einen Liebhaber finden. Ein Pendant der Komposition befindet sich in der Sammlung des Herzogs von Sutherland. Mit einer duftigen Inselansicht hielt Guardi die Lagune Venedigs in einem zauberhaften Capriccio fest (Taxe 70.000/90.000 Euro). Das eigenhändige Modello Rebecca am Brunnen von Tiepolo (145.000/165.000 Euro) steht laut Experten den Bozzetti nahe, die der Künstler für die Colleoni-Kapelle in Bergamo schuf. Unter den angebotenen Stillleben sticht das farbbrillante, beinah quadratische Große Blumenstück mit Melonen, Reptilien und einem Papagei von Jacob Marrell hervor. Wie sich die Nattern dort durch die Pfingstrosen schlängeln, verrät einen Könner der minutiösen Malerei (80.000/120.000).
Zwei dekorative Stillleben mit Musikinstrumenten malte Marrells italienischer Zeitgenosse Bartolomeo Bettera (110.000/140.000). Lebenslust blitzt auch aus den Augen der Schauspielerin Alice Regnault, die der in Italien geborene Giovanni Boldini 1884 malte, aber unvollendet ließ (300.000/400.000): Master of Swish wurde der Porträtist der Pariser High Society ob seines sausenden Pinselstrichs genannt. Kollegen wie John Singer Sargent und Henri Toulouse-Lautrec standen für Boldini neben schönen Frauen Modell. Zwei bevölkerte Landschaften Oswald Achenbachs erzählen vom Bauernleben Vor den Toren Roms (60.000/70.000) und auf der Via Appia (70.000/90.000). Ein Blumengemälde von Olga Wisinger-Florian (70.000/ 90.000) darf freilich in keiner Wien-Auktion fehlen.
Eine fragile Madonna
Bei den Antiquitäten des Dorotheums prangen üppige Greifenköpfe und -flügel auf rotgepolsterten Empire-Sitzmöbeln aus Russland (50.000/60.000). Der um 1500 in Padua aktive Andrea Riccio, der für seine Bronzeminiaturen bekannt wurde, soll der Schöpfer der fragmentierten Thronenden Madonna aus Terrakotta gewesen sein, die das Dorotheum auf 60.000 bis 80.000 Euro schätzt. Neben erlesenem Silber lockt im Angebot mit Porzellan eine Teekanne aus der Frühzeit von Du Paquier (38.000/50.000). Im Auktionshaus Im Kinsky geht es frühlingshaft zu: Der Tiroler Maler Theodor von Hörmann führt zur Kirsch- und Pfirsichblüte mit dem Schloss Znaim im Hintergrund (80.000/160.000).
Für einen Realisten zeigt es viel von der Atmosphäre, für die eigentlich Olga Wisinger-Florian bekannt ist: Ihr großformatiges Stillleben mit Gartenblumen (70.000/ 140.000) präsentiert sich hingegen in Erdtönen und starken Farbkontrasten, die schon das baldige Verblühen anzukündigen scheinen. Unter den Alten Meistern sticht lediglich ein Corregio zugeschriebenes Haupt Christi hervor. Laut Gutachten entspricht dieser Testa del Redentore einem ähnlichen Gemälde, das sich heute im Getty Museum befindet. Das 43,5 mal 34 Zentimeter große Bild soll 100.000 bis 150.000 Euro bringen. Den Katalog der Antiquitätenauktion schmückt ein süddeutscher Christus um 1700, der aus einem Stück Buchsbaum geschnitzt wurde (5000/10.000).
Unter den Skulpturen findet sich auch eine gotische Pietá aus Stein um 1430 (15.000/25.000) sowie eine gotische Anna Selbtritt. Die Taxe der meisterlichen Schnitzarbeit aus Schwaben, zu der ein neues Gutachten vorliegt, beträgt 20.000 bis 35.000 Euro. Zu den Highlights der Antiquitäten zählt auch eine besonders gut erhaltene Brüsseler Tapisserie aus der Manufaktur Baptiste Plantez. Das Woll- und Seidengewebe, das eine Parklandschaft mit Tieren zeigt, stammt aus dem 18. Jahrhundert und soll 20.000 bis 32.000 Euro bringen. Ferner wird Giselbert Hokes aus 55 emaillierten Kupfertafeln zusammengesetzte Arbeit Tag und Nachtflug von 1978 angeboten (35.000/50.000). Ob Gerhard Richter die Langspielplatte laufen ließ, während er sie 1984 pastos bemalte, ist aus dem Katalog nicht zu erfahren (15.000/25.000).

Guido Renis (1572 bis 1642) entrückte "Magdalena" soll 250.000 bis 300.000 Euro einspielen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Dorotheum, Im Kinsky
