Alte Kunst

Aufmarsch der Alten Meister

Von Gina Thomas, London

Francisco de Zurbaráns 104 mal 84 Zentimeter großes „Schweißtuch der Veronika“ für 200.000 bis 300.000 Pfund bei Christie's

Francisco de Zurbaráns 104 mal 84 Zentimeter großes „Schweißtuch der Veronika“ für 200.000 bis 300.000 Pfund bei Christie's

05. Juli 2009 Im Nachhinein wirkt das Vorgehen von Konrad Bernheimer und Johnny Van Haeften wie der Schlachtplan zweier kluger Strategen: erst das Fernbleiben von der, wie jetzt überraschend bekannt wurde, letzten Grosvenor-House Fair und dann die Lancierung der Londoner Initiative „Master Paintings Week“, die an diesem Wochenende beginnt. Aber die Entscheidung gegen eine Teilnahme an der repräsentativen Grosvenor-House-Messe war längst gefallen, als Bernheimer und Van Haeften bei einem Mittagessen den Plan ausheckten, die führenden Gemäldegalerien in und um St. James für eine Gemeinschaftsaktion zu gewinnen, wie sie die Zeichnungshändler bereits seit neun Jahren koordinieren: eine Reihe von Verkaufsausstellungen, als zentrale Anlaufstelle für die Sammler und Kuratoren, die sich Anfang Juli anlässlich der Altmeister-Auktionen in London aufhalten. Der kunsthistorische Anspruch wird durch eine Reihe von Vorlesungen untermauert.

Dreiundzwanzig renommierte Namen der Branche schließen sich der Aktion an, daneben die Auktionshäuser Christie's und Sotheby's. Für die Mitwirkenden der „Master Paintings Week“, die Gemälde von der Frührenaissance bis zum 19. Jahrhundert umfasst, ist diese Form der Präsentation weitaus preisgünstiger als ein Messestand. Sollte sich ein geeigneter Standort finden, ist allerdings denkbar, dass auch der Londoner Handel sich zusammentun würde, um eine würdige Nachfolgeveranstaltung für Grosvenor House aus der Taufe zu heben.

Mit dem Zubehör für die Beizjagd

Bernheimer wartet in seiner Galerie Colnaghi mit einer Cranach-Ausstellung auf, die anhand von moderner Druckgrafik, darunter Werke von Picasso und Kirchner, den Einfluss des Alten Meisters dokumentieren will. Im Rahmen der gleichzeitig stattfindenden „Master Drawings Week“ zeigt Katrin Bellinger deutsche Landschaftszeichnungen des 19. Jahrhunderts, von denen der Großteil aus der Sammlung Ratjen kommt. Emmanuel Moatti weiht seine neuen Räume mit einer Auswahl französischer, italienischer und nordeuropäischer Gemälde ein, Rafael Valls - in dessen Räumen Emanuel von Beyer auch wieder eine Auswahl von Zeichnungen präsentiert - stellt neben Kinderporträts aus dem 17. und 18. Jahrhundert ein ungewöhnliches Trompe-l'oeil von Christoffel Pierson mit Beizjagdzubehör aus; Philip Mould veranstaltet eine Schau mit Werken des jungen Gainsborough, darunter ein für weniger als 200 Dollar bei Ebay im Internet erworbenes Porträt, das Mould dem Künstler zuschreibt.

Die Galerien bieten die Gelegenheit für diskrete Transaktionen. Im Auktionshaus, wo die Festigkeit des Altmeistermarkts in der Krise einmal mehr auf die Probe gestellt wird, sind die Käufer exponierter. Die verstärkte Neigung zu Privatverkäufen, die sich unter anderem dadurch erklärt, dass Sotheby's und Christie's den Einlieferern Preise nicht mehr garantieren, erschwert die Akquisition von Material für die Versteigerungen. Zwar liegt der Schwerpunkt stärker als bisher bei marktfrischen, vorsichtig geschätzten Werken - wie Zurbaráns in seiner Sparsamkeit eindringlichem Porträt des Geistlichen und Gelehrten Doktor Juan Martinez Serrano bei Sotheby's (Taxe 800.000/1,2 Millionen Pfund) oder dem Früchtestillleben in einem Garten von Tomás Hiepes bei Christie's (400.000/ 600.000).

Zeichnungen sind Nebensache

Dennoch drängt sich der Verdacht auf, dass die Selektivität, die bei Sotheby's und Christie's das Schlagwort der Stunde zu sein scheint, bedingt ist durch die knappe Ware. Davon zeugt bei Christie's die Zusammenlegung von mehreren Sektionen: Früher gab es neben den Alten Meistern gesonderte Termine für englische Gemälde, für Zeichnungen und für Werke des 19. Jahrhunderts. Nun sind sie alle gebündelt in einer Abend- und einer Tagesauktion. Die stiefmütterliche Behandlung der Zeichnungen lässt befürchten, dass diese bereits geschrumpfte Abteilung das gleiche Schicksal erwartet wie die Druckgrafik.

Denn während Sotheby's einen eigenständigen Katalog zustande gebracht hat, dessen Titelseite die mit bis zu 800.000 Pfund veranschlagte, prägnant ausgeführte Federzeichnung, „Apelles malt Campaspe in Gegenwart Alexanders des Großen“ von Jacques-Louis David ziert, schiebt Christie's einige Blätter zwischen die Gemälde ein. Dazu gehören drei Porträtzeichnungen von Ingres, die seinen ersten Auftraggeber Charles Marcotte sowie dessen Tochter und Schwiegersohn darstellen; sie befanden sich bis heute im Besitz der Marcotte-Familie. Ähnlich erlesen ist bei Christie's die Provenienz des signierten und datierten Spätwerks von Fra Bartolommeo, „Madonna mit Kind, Johannes dem Täufer und der Heiligen Elisabeth“: Die auf zwei bis drei Millionen Pfund geschätzte Tafel gehört seit spätestens 1875 der Familie von Sir Francis Cook, einem der bedeutendsten Sammler des 19. Jahrhunderts.

Aus dem Nachlass des belgischen Barons Evence III. Coppée bietet Christie's eine von mehreren bekannten Varianten der Predigt Johannes des Täufers von Pieter Brueghel d. J. (1/1,5 Millionen), deren unrestaurierter Zustand als Anreiz dienen dürfte. Bei Sotheby's kommt ein weiteres Beispiel von Brueghels Übertragung biblischer Szenen in den flämischen Alltag zum Aufruf: Die Winterlandschaft mit dem bethlehemitischen Kindermord soll bis zu 3,5 Millionen Pfund bringen. Sotheby's versteigert außerdem einen Teil der Sammlung von Barbara Piasecka-Johnson, der Erbin des Babypflege-Imperiums; hier beeindrucken - neben Riberas sich vor Schmerzen windendem Prometheus (800.000/1,2 Millionen) - vor allem die größtenteils bei Danny Katz erworbenen Skulpturen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Christie's, Sotheby's

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