Von Tilo Richter, Zürich

Eine natürliche Zierde: Ambrosius Bosschaerts d. Ä. auf Kupfer gemaltes Stillleben ist auf 2,5 bis 3,5 Millionen Franken geschätzt (26 mal 18,1 cm).
17. September 2008 Den passenden Blumenstrauß zum Jubiläum des fünfzigsten Geschäftsjahrs liefert Koller gleich selbst: Als grandioses Spitzenlos der Altmeister-Auktion vom 19. September in Zürich kommt Ambrosius Bosschaerts d. Ä. Blumenstillleben mit Schmetterlingen, Spitzschnecke und Fliege aus dem Jahr 1608 zum Aufruf, versehen mit einer Schätzung von 2,5 bis 3,5 Millionen Franken. Auf sechs Seiten beschreibt der Katalog minutiös das kleinformatige Werk, das man exakt 400 Jahre nach seiner Vollendung in einer europäischen Privatsammlung wiederentdeckt hat, in der es 150 Jahre lang sorgsam verwahrt wurde.
Der Flame Bosschaert, einer der Wegbereiter des unabhängigen Stillleben-Genres am Beginn des 17. Jahrhunderts, stellt ein überbordendes und dabei botanisch präzise dargestelltes Idealbouquet in einen Römer und plaziert wie zufällig einiges Getier und ein Schneckenhaus dazu. Alles in dieser musealen Arbeit scheint zum Greifen nah und realistisch; ein hohes Interesse der Bieter darf man erwarten.
Harmonie beim Tanz und Streit beim Spiel
Ein weiteres auffälliges Blumenstück stammt aus dem späteren 17. Jahrhundert: Der Frankfurter Maler Abraham Mignon entführt den Betrachter seines Blumenstilllebens (Taxe 900.000/1,2 Millionen Franken) in eine Grotte, die von exotischen Tieren bevölkert wird. Die Blüten und Pflanzen taucht Mignon dabei in geradezu magisches Licht und vereint mit dem Durchblick auf ferne Hügel in großartiger Manier die Genres Stillleben- und Landschaftsmalerei. Bereits im Frühjahr angekündigt, doch damals zurückgezogen, ist Pieter Brueghels d. J. Hochzeitstanz im Freien (600.000/800.000) nun definitiv Teil der Altmeister-Offerte.
Er malte eine sich beschwingt dem Tanz hingebende bäuerliche Gesellschaft, die sich zum Feiern auf einer Waldlichtung zusammengefunden hat. Wohl nach 1616 in Antwerpen entstanden, schließt Brueghels Bildkomposition, Farbigkeit und Genauigkeit der Darstellung unmittelbar an die berühmten Werke seines Vaters an. Weniger harmonisch als beim Hochzeitstanz geht es in einem zweiten Gemälde von ihm zu: Der 1620 entstandene Bauernstreit beim Kartenspiel (700.000/900.000) setzt einen derben Kampf unter Landleuten ins Bild.
Turmbau der Superlative
Gigantisch wie das dargestellte Thema führte Frederik van Valkenborch sein Gemälde Turmbau zu Babel (250.000/300.000) aus. Dieses Panorama des Baufleißes - eingeliefert aus deutschem Privatbesitz - rollt sich knapp drei Meter breit vor dem Betrachter auf. Hunderte Personen, dazu schwer beladene Kamele und Elefanten, leisten ihre Arbeit am gemeinsamen Projekt, dessen Darstellung sich um das Jahr 1600 besonderen Interesses erfreute.
Die Auktion mit russischer Kunst, ebenfalls am 19. September, dominieren einmal mehr die Gemälde von Iwan Konstantinowitsch Aiwasowski, die bei Koller seit Jahren hohe Preise markieren. Unter den sechs angebotenen Aiwasowskis (ein siebtes Werk ist ihm zugeschrieben) besticht insbesondere die Küstenlandschaft in Italien (2/3 Millionen). Das in warmes Licht getauchte Landschaftsbild großen Formats mit Personenstaffage im Vordergrund und Segelschiffen in der ruhigen Bucht entstand im Jahr 1878, wurde bald darauf von einer deutschen Familie in Russland erworben und verblieb bis heute dort.
Ein frühes Werk von Aiwasowski
Ganz anders, nämlich ungleich dramatischer, gestaltete Aiwasowski im Jahr 1843 sein Seestück Marine (500.000/700.000); es ist eines der äußerst selten angebotenen Frühwerke des damals Sechsundzwanzigjährigen. Unter den am 20. September aufzurufenden Losen an Zeichnungen, Buchmalerei und Alter Graphik ist ein Antiphonarblatt des Fra Jacobus aus dem Jahr 1390 besonderer Erwähnung wert: Ehemals Teil der renommierten Sammlung Robert Lehman, wird das Pergament mit einer Darstellung des Abendmahls nun auf 28.000 bis 40.000 Franken geschätzt.
Um dieses singuläre Werk gruppieren sich weitere Beispiele vorwiegend norditalienischer Buchmalerei, darunter ein auf das Ende des 13. Jahrhunderts datierter Bogen mit dem Initial S und dem thronenden Christus (10.000/15.000) oder ein um 1410 von Tomasio da Vimercate ausgeführtes Gradualblatt mit dem Initial N und einer Darstellung der Befreiung des Petrus (9000/12.000).

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Koller