Von Vita von Wedel, Hamburg

Otto Modersohns „Mädchen am Birkenstamm“ um 1902, Öl auf Karton, 57 mal 40 cm, für 98.000 Euro (Taxe 40.000 Euro)
27. Juni 2009 Gute Stimmung herrschte im gefüllten Saal bei Hauswedell & Nolte in Hamburg bei der Auktion mit alter und neuer Kunst. Zum erfolgreichsten Los des Abends wurde Wassily Kandinskys Studie Reitendes Paar aus dem Jahr 1906. Das Bietgefecht begann zäh, beschleunigte dann aber bis hinauf auf 350.000 Euro, geboten von einem Telefonbieter aus Nordrhein-Westfalen. Geschätzt war die Gouache auf 300.000 Euro. Für das Spitzenlos der Auktion, Alexej von Jawlenskys eindrucksvolles Porträt seiner späteren Frau Helena Jawlensky (Taxe 800.000 Euro), um 1908, wurde allerdings nur ein Untergebot von 620.000 Euro hinterlegt. Die Verhandlungen zwischen Einlieferer und Bieter laufen noch.
Als die expressionistische Druckgraphik zum Aufruf kam, wurde es im Publikum lebhaft: Kirchners Lithographie auf gelbem Papier Musikrestaurant von 1914 steigerte sich durch das Engagement deutscher und norwegischer Bieter am Telefon gegen einen amerikanischen Privatsammler im Saal auf beachtliche 170.000 Euro (80.000), was Auktionator Ernst Nolte mit dem Geschenk einer Rose honorierte. Im Anschluss konnte sich derselbe Saalbieter Kirchners sparsamen Holzschnitt Parade von drei Tänzerinnen von 1911 für 26.000 Euro (30.000) sichern; nur drei Ausführungen davon existieren nachweislich. Hamburger Privatsammler hatten telefonisch Erfolg bei Kirchners Kaltnadelradierung Paar im Atelier von 1909 für 25.000 Euro (30.000) und seinem Holzschnitt Dodo sitzend im gestreiften Kleid von 1906 für 13.000 Euro (10.000).
Ein Kirchner für das Rheinland
Ins Rheinland zieht Kirchners Archivexemplar der Radierung Sitzendes Modell auf Teppich aus dem Jahr 1909 zur Schätzung von 12.000 Euro. George Grosz' bitterböse Gesellschaftskritik, um 1920, aus mehreren Einzelszenen von Schweinen und Schlächtern vor einem Märchenschloss mit dem Titel Sonniges Land wurde heftig umworben: Der englische Handel steigerte das Aquarell gegen deutsches Gebot auf 185.000 Euro (140.000): eine erfreuliche Verzinsung für den Einlieferer, der das Blatt im Dezember 1994 im selben Haus für 125.000 Mark gekauft hatte. Ein Berliner Sammler am Telefon konnte sich mit seinem Gebot von 125.000 Euro (80.000) für Max Beckmanns Aquarell Parkweg aus dem Jahr 1937 durchsetzen.
Ernst Barlachs postume Güsse, die in den vergangenen Jahren nur schwer abzusetzen waren, finden inzwischen ihre Liebhaber: Schon im vergangenen Herbst konnte man bei Hauswedell & Nolte diese Entwicklung beobachten. Nun erfreute sich der emblematische, 45 Zentimeter hohe Buchleser nach einem Entwurf von 1936 der Nachfrage im Saal und an den Telefonen und stieg von geschätzten 45.000 auf 128.000 Euro, geboten von einem norddeutschen Reeder am Telefon. Alle anderen Barlach-Bronzen, sämtlich postum, konnten ein neues Heim finden, darunter die 113 Zentimeter hohe Flamme für 55.000 Euro (50.000), Das schlimme Jahr für 25.000 Euro (30.000) und Der Sänger (Singender Klosterschüler) für 18.000 Euro (25.000). Barlachs prachtvolle blattgroße Kohlezeichnung Drei Schreitende aus dem Jahr 1922, die ehemals in der Sammlung von Ernst Hauswedell beheimatet war, sicherte sich das Ernst Barlach-Haus in Hamburg für 20.000 Euro (12.000).
Gabriele Münters Gasse in Murnau
Gabriele Münters Gasse in Murnau - Roter Baum, in Öl auf Papier aus dem Jahr 1956, verdoppelte die Schätzung und stieg von 50.000 auf 105.000 Euro, geboten von einem rheinischen Händler. Münters kleinformatiger Farbholzschnitt Kandinsky am Harmonium geht für 19.000 Euro (14.000) in eine süddeutsche Sammlung, ein weiterer kleiner Farbholzschnitt Kandinsky mit Pfeife für 13.000 Euro (15.000) an die Murnauer Sammlung.
Für die Schätzung von 30.000 Euro fand Marianne von Werefkins Temperabild Grüner Berg seinen Weg in eine italienische Kollektion. Dass sich amerikanische Sammler trotz Konjunkturkrise weiterhin für Außergewöhnliches engagieren, zeigte sich bei Alfred Kubins hervorragendem farbigem Kleisterbild Träumender Kaiser der Jahre 1905/06, das ein New Yorker Bieter trotz schwachem Dollar auf 95.000 Euro (80.000) steigerte. Ein anderer Privatsammler aus den Vereinigten Staaten bewilligte 125.000 Euro (90.000) für Christian Rohlfs' vom Pointillismus geprägtes Gemälde Erntelandschaft, um 1902, und wurde vom Saal anerkennend bemurmelt.
Bietgefecht um ein Gemälde von Otto Modersohn
Norwegische Bieter sorgten für gute Preise bei der Munch-Offerte: Für dessen große Fassung der Lithographie Eifersucht II wurden 76.000 Euro (70.000) bewilligt. Otto Modersohns Gemälde Mädchen am Birkenstamm, das um 1901/03 in der Zeit seiner intensivsten Zusammenarbeit mit Paula Modersohn-Becker entstand und zeitweise ihr zugeschrieben wurde, sorgte für ein lang anhaltendes Bietgefecht zwischen Auftragsbuch und allen Telefonen: Schließlich wurde es für den Auktionsweltrekord von 98.000 Euro (40.000) einer norddeutschen Sammlung zugeschlagen.
Ebenfalls in deutscher Hand bleiben die Werke von Emil Nolde: Während die Aquarelle meist leicht unter ihren fünfstelligen Schätzungen blieben, stieg die schönste seiner 1915 farbig überarbeiteten Lithographien, die Große Mühle in Schwarzweißblau, von moderat geschätzten 20.000 auf 46.000 Euro. Ludwig Meidners charakteristisches Aquarell Pauluspredigt von 1919 kletterte von 12.000 auf 40.000 Euro, geboten von einem Telefonbieter aus Berlin. Picasso war nicht ganz so umworben wie gewohnt: Ein Hamburger sicherte sich zum Ausrufpreis von 150.000 Euro (180.000) den prächtigen farbigen Linolschnitt Buste de Femme au Chapeau à Pompons et au Corsage imprimé von 1962; andere Blätter blieben völlig ohne Gebot liegen. Das reich illustrierte Buch Gongora. Vingt Poèmes in einem prachtvollen Handeinband von Paul Bonet stieg von 20.000 auf 32.000 Euro.
Nur gut zur Hälfte konnte der Katalog mit Kunst nach 1945 abgesetzt werden, allerdings stieg hier Maurits Eschers farbiger Holzschnitt Vierflächenplanetoid von 1954 von geschätzten 8000 auf satte 22.000 Euro, geboten vom amerikanischen Handel. Richard Diebenkorns farbige Aquatinta Touched Red sicherte sich nach zeitraubend gründlichem Grübeln am Telefon ebenfalls ein Händler in den Vereinigten Staaten - für 35.000 Euro (50.000). Das Titelblatt des Katalogs, ein um 1950 zweiseitig ausgeführtes Landschaftsaquarell Landscape von Ben Nicholson konnte zur Taxe von 12.000 Euro an einen süddeutschen Sammler vermittelt werden. Auch bei der Alten Kunst blieben die ganz großen Bietgefechte aus: Adolf Schreyers Gemälde Reiterschlacht brachte 10.000 Euro (12.000), Daumiers Tuschpinselzeichnung Entre Avocats, nach 1844, 42.000 Euro (40.000) und Menzels Portrait eines bärtigen Mannes von 1903 mit eigenhändigem Brief des Künstlers 12.000 Euro (8000).
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Hauswedell & Nolte
Prügel für Eliteschüler: das Theaterstück Zwei Welten in Bonn dringt in die ![]()
Mythen-Kunde: das Programm der Salzburger Festspiele 2010
250 Jahre Friedrich Schiller: Das Lied von der Socke
Es waren vor allem die Linksintellektuellen, die versagt haben
13:43 13:34Und die Liberalen: F.A. von Hayek, Karl Popper
13:31Die Legende exkulpiert nur diejenigen, die nicht sehen wollten