Impressionismus und Moderne

Das Material fließt aus den Sammlungen

Von Anne Reimers, London

Sonnenanbeterin: Gino Severinis „Danseuse” von 1915 ist bei Sotheby's mit einer Schätzung von sieben bis zehn Millionen Pfund das Spitzenlos.

Sonnenanbeterin: Gino Severinis „Danseuse” von 1915 ist bei Sotheby's mit einer Schätzung von sieben bis zehn Millionen Pfund das Spitzenlos.

13. Juni 2008 Was im vergangenen Monat in New York so gut ging, soll jetzt auch in London zum Erfolg führen. Die Auswahl bei den Auktionen mit Impressionismus und Moderne bei Christie's und Sotheby's in London vom 24. bis 26. Juni spiegelt den gegenwärtigen Geschmack wider: Etwas weniger Impressionismus und Surrealismus, dafür mehr Moderne und ausgewählte Skulpturen der Nachkriegszeit, die in den vergangenen Auktionen eine Renaissance erlebten, dazu weniger dominierend Picasso. Giacometti, Barbara Hepworth und Henry Moore werden ebenso ins Rennen gehen wie Gontscharowa, Miró und Matisse.

Mit einem breitgefächerten Angebot von 81 Losen macht Christie's am 24. Juni den Auftakt: Es wird ein Gesamtumsatz von mindestens neunzig Millionen Pfund erwartet. Erst im Juni 2007 stellte Christie's mit einem Erlös von 121 Millionen Pfund für 63 Lose einen europäischen Auktionsrekord auf. Doch auch diesmal scheint nichts unmöglich; denn das Auktionshaus konnte sich wieder Meisterwerke aus berühmten Kollektionen sichern: Siebzehn Arbeiten aus der amerikanischen Sammlung von J. Irwin und Xenia S. Miller sollen allein vierzig Millionen Pfund einspielen; sie sind ebenso mit einer Garantie versehen wie sieben Bilder aus der deutschen Sammlung Hoh, dazu kommen acht Werke aus der britischen Sammlung von Simon Sainsbury.

Das Hauptlos von Monet

Mit Abstand teuerstes Los der Woche ist ein Seerosenteich von Monet bei Christie's (wie im vergangenen Juni bei Sotheby's). Mit dem rund zwei Meter breiten „Le bassin aux nymphéas“ aus der Sammlung Miller in Indiana soll der im Mai bei Christie's in New York mit der Eisenbahnbrücke von Argenteuil aufgestellte Monet-Rekord von 37 Millionen Dollar gebrochen werden: 18 bis 24 Millionen Pfund stehen auf dem Preisschild. Das Porträt „La Pudeur (L'Italienne)“ von Henri Matisse, entstanden 1906, ist auf drei bis vier Millionen Pfund geschätzt. Aus der Sammlung Hoh kommt Natalia Gontscharowas feurige Darstellung „Les Fleurs“ von 1912 (Taxe 3,5/4,5 Millionen Pfund) zum Aufruf; im vergangenen Juni war mit ihren 4,4 Millionen Pfund teuren Apfelpflückern ein Rekord für die Künstlerin aufgestellt worden.

Nicht nur Interesse aus Russland sollte Vladimir Baranoff-Rossinés Breitwand-Schlüsselwerk „The Rhythm (Adam and Eve)“ aus dem Jahr 1910 (1,4/1,8 Millionen) finden, das futuristische Stilelemente mit dem Orphismus Robert Delaunays verbindet. Ungenannt bleibt der Einlieferer von fünfzehn Werken aus einer „distinguished European collection“, unter denen sich auch Landschaften von Monet, Cézanne und Toulouse-Lautrec befinden. Besonders verführerisch ist bei diesen Werken zusätzlich die Marktfrische - fast alle wurden in den fünfziger und sechziger Jahren in Genf und New York gekauft und sind seither nicht mehr in Auktionen aufgetaucht.

Für russische Augen

Frühe Arbeiten von Kandinsky und Chagall führen bei Sotheby's am 25. Juni in der New Bond Street in den Abend ein - ein klares Signal an russische Käufer, die in den vergangenen zwei Jahren den Markt aufmischten. Insgesamt 56 Lose werden dort zum Aufruf kommen, nur acht davon stammen aus den Vereinigten Staaten. Bei einer Gesamttaxe von 68 bis 97 Millionen Pfund entspricht das einem durchschnittlichen Zuschlag von mindestens 1,2 Millionen Pfund pro Los; die Top Ten erwarten jeweils Preise in Höhe von mehr als zwei Millionen Pfund.

Wie im vergangenen Monat in New York gehen bei Sotheby's in London Werke von Giacometti - gleich fünfmal - und Munch ins Rennen; sie stellten bei den Mai-Auktionen neue Rekorde auf. Stolze vier bis sechs Millionen Pfund soll Giacomettis Plastik „Trois hommes qui marchent I“ von 1948 jetzt einspielen, von der sich ein weiterer Abguss in der Giacometti Stiftung in Zürich befindet. Munchs Landschaft „From Åsgårdstrand“ wurde erst 2003 in London für 1,18 Millionen Pfund (mit Aufgeld) verkauft; nun soll sie zwei bis drei Millionen Pfund kosten.

Doppelspitze bei Sotheby's

Den Titel des Spitzenloses bei Sotheby's teilen sich Monet und Gino Severini: Monets nicht sehr marktfrisches, aber elegantes „La plage à Trouville“ aus einer amerikanischen Sammlung brachte im Jahr 1988 in New York 9,8 Millionen Dollar und wurde im Jahr 2000 überraschend mit stolzen zehn Millionen Pfund bei Sotheby's in London zum Spitzenlos der Abendauktion. Das Bild zierte außerdem im vergangenen Sommer den Katalog der Impressionismus-Ausstellung in der Londoner Royal Academy. Mit einer Schätzung auf sieben bis zehn Millionen Pfund soll es jetzt ebenso viel einspielen wie die Tänzerin „Danseuse“ des Italieners Severini, die ihr Einlieferer 1989 bei Beyeler in Basel gekauft hat.

Von 1944 bis 1988 bezauberte sie sogar schon die Besucher im Guggenheim Museum in New York. Neben Severini ist bei Sotheby's nur noch Mirós „Soirée snob chez la princesse“ (3/4 Millionen) aus einer amerikanischen Sammlung, entstanden 1944, mit einer Garantie versehen. Gute Taten soll Picassos Muse Dora Maar vollbringen: Der 2008 verstorbene norwegische Kunstsammler Haaken A. Christensen hat seine Kunstsammlung den „Médecins sans Frontières“ vermacht; aus ihren Beständen wird Sotheby's im Juni und Oktober 63 Werke im Wert von acht Millionen Pfund anbieten. Das Gemälde „Tête de femme (Dora Maar)“ (3/5 Millionen) gehört zu den fünf Hauptwerken, die für die Abendauktion ausgewählt wurden.

Strahlende Schöpfungsgeschichte: Vladimir Baranoff-Rossinés Gemälde “The Rhythm (Adam and Eve)“ von 1910 soll bei Christie's 1,4 bis 1,8 Millionen Pfund einspielen.
Strahlende Schöpfungsgeschichte: Vladimir Baranoff-Rossinés Gemälde „The Rhythm (Adam and Eve)” von 1910 soll bei Christie's 1,4 bis 1,8 Millionen Pfund einspielen.

Alfred und Elisabeth Hoh: Das Ende einer Sammlung


Nach der Auktion mit Impressionismus und Moderne bei Christie's in London wird eine wichtige deutsche Sammlung nur noch Geschichte sein: Alfred und Elisabeth Hoh trennen sich von ihren 150 Werken der Avantgardekunst aus der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts.
In einem Zeitraum von nur fünfzehn Jahren hat Alfred Hoh seine Sammlung zusammengestellt. Als er 1985 damit anfing, war Hoh in erster Linie darauf aus, vergessene Künstler wiederzuentdecken; das internationale Ausstellungswesen Anfang des 20.Jahrhunderts interessierte ihn. Eine Schlüsselfigur der damaligen Zeit war Herwarth Walden und seine Berliner Galerie „Der Sturm“

Um Walden gruppierte sich ein internationaler Kreis von Schriftstellern und Komponisten, Musikern und bildenden Künstlern. Alfred Hoh begann, die Werke der „Sturm“-Künstler zu sammeln, darunter Skulpturen von William Wauer und Oswald Herzog sowie Bilder des Armeniers Léon Tutundjian, Mitbegründer der Gruppe Abstraction-Création. Ebenfalls vertreten in der Sammlung ist der Mexikaner Angel Zárraga sowie Werke des dänischen Surrealisten und Bauhaus-Schülers Vilhelm Bjrke Petersen.

Die Zusammenstellung offenbart eine nahezu enzyklopädische Kollektion der Avantgarden zwischen 1905 und 1930, des Expressionismus, Kubismus, Futurismus, Konstruktivismus und der Neuen Sachlichkeit.
Große Teile der Sammlung hingen bis jetzt als Leihgabe im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg. Darunter auch das Gemälde „Der Garten“, das Karl Schmidt-Rottluff 1906 malte und das jetzt in London auf 900000 bis 1,2Millionen Pfund geschätzt ist. Die Hauptlose haben sich die Sammler vom Auktionshaus garantieren lassen.

Swantje Karich

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Christie's, Sotheby's

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Prüfender Blick: Alexej von Jawlenskys Selbstbildnis von 1930 (51,5 mal 50,2 cm; Taxe 600.000/900.000 Pfund)Landschaft in Schleifen: Edvard Munchs Gemälde “From Åsgårdstrand“ aus dem Jahr 1904 (68,5 mal 90,5 cm; 2/3 Millionen Pfund)Wild wuchernd: Das Gemälde “Der Garten“ von Karl Schmidt-Rottluff aus dem Jahr 1906 (83,2 mal 65,1 cm; 900.000/1,2 Millionen Pfund) Alles deutet auf die Augen: Egon Schieles Gouache “Pierrot (Selbstbildnis)“ von 1914 (48 mal 32 cm; 1,8/2,5 Millionen Pfund)Wilde Blumen: Natalia Goncharovas Leinwand „Les fleurs” entstand etwa im Jahr 1912 (94 mal 74 cm; 3,5/4,5 Millionen Pfund).Stille Wasser: Claude Monets Leinwand „Le bassin aux nymphéas” von 1919 ist bei Christie's auf 18 bis 24 Millionen Pfund geschätzt. Flanieren am Meeresufer: Claude Monets Gemälde „La plage à Trouville” aus dem Jahr 1870 (Taxe 7/10 Millionen Pfund)Licht in seiner schönsten Form: Claude Monets „Les Sapins” aus dem Jahr 1882 (1,5/2 Millionen Pfund)