Präkolumbianische Kunst

Die Venus von Chupicuaro

Von Angelika Heinick, Paris

Rätselhafte Melancholie: Das sogenannte “Profil von Paracas“ aus Peru, aber unbekannten Ursprungs ist auf 15.000 bis 20.000 Euro geschätzt.

Rätselhafte Melancholie: Das sogenannte "Profil von Paracas" aus Peru, aber unbekannten Ursprungs ist auf 15.000 bis 20.000 Euro geschätzt.

07. September 2008 Der Name des französischen Sammlers Jacques Kerchache ist nicht nur mit erlesener Kennerschaft afrikanischer und ozeanischer Stammeskunst sowie präkolumbischer Kunst verbunden, er steht auch für den Einzug dieser Kunst in den Louvre und hat einen festen Platz in der Entstehungsgeschichte des Musée du Quai Branly. Jacques Kerchache forderte 1990 in seinem Manifest „Die Meisterwerke der ganzen Welt sind frei und gleich“ einen Platz für Stammeskunst im Louvre, und seine damals mit dem späteren Staatspräsidenten Chirac geschlossene Freundschaft ebnete den Weg für das 2006 eröffnete Musée du Quai Branly. Kerchache, der 2001 in Mexiko knapp sechzigjährig verstorben ist, konnte die Eröffnung des „Pavillon des Sessions“ im Südflügel des Louvre, für den er 120 Meisterwerke afrikanischer, ozeanischer, asiatischer und präkolumbischer Kunst ausgewählt hat, noch erleben.

Mit dieser klingenden Provenienz ausgestattet, versteigert das Pariser Auktionshaus Binoche-Renaud-Giquello am 12. September im Drouot-Montaigne eine knapp fünfzig Lose umfassende Sammlung präkolumbischer Kunst. Subtile Kenntnis zeichnet das von Jacques und Anne Kerchache zusammengetragene Konvolut aus, das weniger mit spektakulären Spitzenstücken aufwarten kann als mit liebevoll und eigensinnig ausgewählten kleinformatigen Objekten verschiedenster Kulturen und Epochen. Der Experte Jacques Blazy verweist auf die große Seltenheit von zwei hölzernen, vom Gebrauch patinierten „Brech-Spachteln“ der Taino-Kultur aus Santo Domingo, die zwischen 1000 und 1500 nach Christus in Blüte stand.

Spachtel der besonderen Art

Das Volk der Tainos ist nur wenige Jahrzehnte nach Ankunft der Spanier durch Sklaverei und eingeschleppte Krankheiten ausgestorben. Die Spachtel, die jeweils ein „Zemi“ - eine Gottheit - mit expressiven Gesichtszügen ziert, dienten den Tainos dazu, sich nach der rituellen Einnahme halluzinogener Substanzen zum Erbrechen zu bringen. Die beiden Spachtel, die einst der Sammlung Imbert in den Vereinigten Staaten angehörten und die im „25th Annual Report of the Bureau of American Ethnology“ von 1903/04 abgebildet sind, werden als teuerste Lose auf je 50.000 bis 60.000 Euro geschätzt.

Während eine in grünen Stein gemeißelte Teotihuacán-Maske aus Guerrero in Mexiko (250 bis 450 n. Chr.) für 15.000 bis 20.000 Euro ein eher klassisches Beispiel präkolumbischer Kunst liefert, gehört ein ockergelbes Keramikgefäß in Gestalt eines trächtigen Affenweibchens der Tumaco-La-Tolita-Kultur von der Grenze zwischen Kolumbien und Ecuador zu den seltenen Zeugnissen einer bis heute wenig bekannten Kultur. Unter die frühesten Objekte zählt eine stehende männliche Figur der Olmeken aus olivgrünem Stein aus Veracruz in Mexiko (1150 bis 550 v. Chr.) mit einem vom Reiben abgenutzten Gesicht (Taxe 20.000/25.000 Euro).

Ein mysteriöses Profil

Das rätselhafteste Stück der Sammlung ist das sogenannte „Profil von Paracas“, benannt nach der peruanischen Halbinsel, wo zahlreiche Mumien einer Kultur der Zeit von 300 vor Christus bis 200 nach Christus entdeckt wurden: ein menschliches Profil aus Haut, Haaren und Knochen, dessen Ursprung jedoch unbekannt ist. Jacques Kerchache hatte das einbalsamierte Antlitz mit dem melancholischen, fast lebendig scheinenden schmerzlichen Ausdruck in seinem Wohnzimmer hängen und immer wieder zu Ausstellungen wie 1989 in der Fondation Cartier ausgeliehen (15.000/20.000).

Die ziegelrote Keramikfigur mit schwarzweißem geometrischem Muster, eine „Venus“ der Chupicuaro-Kultur aus dem westlichen Mexiko (400 bis 100 v. Chr.), die ebenfalls zum Aufruf kommt, stammt zwar nicht aus der Sammlung Kerchache, ist aber eng mit einem Weltstar verwandt: nämlich mit der ähnlich geformten und verzierten „Chupicuaro“ des Louvre, die dem Musée du Quai Branly als Logo dient. Der kanadische Filmproduzent Guy Joussemet hatte die jetzt angebotene, auf 50.000 bis 60.000 Euro geschätzte Keramikfigur - wie auch die des Louvre - in den fünfziger Jahren in Mexiko erworben. Ende der siebziger Jahre ging die 22,5 Zentimeter hohe „Venus“ in amerikanischen Sammlerbesitz über, aus dem sie nun in Paris eingeliefert wurde.

Aufgrund der zahlreichen Rückgabeforderungen der Quellenländer haben die internationalen Häuser ihre Auktionen präkolumbischer Kunst in New York eingestellt oder zumindest eingeschränkt, erläutert Jacques Blazy. Auch in Paris lassen die Botschaften der betroffenen Länder jedes Objekt von der Polizei auf seine Herkunft prüfen; erst jüngst hat die Republik Argentinien die Beschlagnahmung einer Tafi-Maske erwirkt. Doch trotz solcher Zwischenfälle - und dank des starken Euro-Kurses - ist Paris zum Zentrum des Markts für präkolumbische Kunst avanciert.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Binoche-Renaud-Giquello, Binoch-Renaud-Giquello

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Im mexikanischen Guerrero entstand diese gemeißelte Maske (250 bis 450 n. Chr.; Taxe 15.000/20.000 Euro).In den Jahren 450 bis 650 entstand diese Totenmaske der mexikanischen Teotihuacan-Kultur (Taxe 120.000/150.000 Euro).Eine rote Venus: Diese 22,5 Zentimeter hohe Keramik der Chupicuaro ist auf 50.000 bis 60.000 Euro geschätzt. Eines der ältesten Objekte der Auktion: Figur der Omeken aus dem mexikanischen Veracruz (14,8 cm hoch; Taxe 20.000/25.000 Euro)Für diese mexikanische Urnenfigur aus den Jahren 200 bis 500 nach Christus werden 20.000 bis 25.000 Euro erwartet (39,4 cm hoch).Grimmige Visage: Diese Begräbnismaske der Calima von 800 bis 100 vor Christus trägt die Taxe von 30.000 bis 40.000 Euro.