25. Juli 2008
Business-Knigge 

Firmenkontaktmessen

Welche Recruiting-Events sind die besten?

Von Hilmar Poganatz




24. November 2003 
Pro Semester finden bundesweit mehrere hundert Firmenkontaktmessen für Studierende und Hochschulabsolventen statt, die von über 30 Veranstaltern organisiert werden. Das Spektrum reicht von Mega-Events wie dem "Kölner Absolventenkongress" über branchen- und studienfachspezifische Messen bis hin zu kleinen, exklusiven Treffen mit Workshopcharakter. In einer Studie hat die Unternehmensberatung Kienbaum die einzelnen Anbieter unter die Lupe genommen.

Da es die ideale Kontaktmesse für alle nicht gibt, hat der Bereich "High Potentials" der Kienbaum Executive Consultants neben englischen und französischen auch 21 deutsche Recruiting-Veranstaltungen verglichen und nach verschiedenen Kategorien bewertet. Dabei ist es für Bewerber zunächst wichtig, die Motivation der ausstellenden Firmen nachzuvollziehen. "Ein guter Teil des Geldes für die Messestände kommt aus den Werbeetats der Unternehmen", bemerkt Marcellus Menke vom Kölner Universitäts-Career-Service KIQ. Nicht immer gehe es den Ausstellern tatsächlich darum, zu rekrutieren. Die Kienbaum-Studie hat diesen Aspekt erfaßt und unterscheidet zwischen dem Marketing- und Selektionswert, den eine Messe für Unternehmen hat, und dem Nutzen, den Studenten aus einer Messe ziehen.

„Es kommt selten vor, daß jemand ohne ein Gespräch nach Hause geht.“

Die großen fächerübergreifenden Messen bieten Kienbaum zufolge eine vergleichsweise geringe Kontaktqualität, dafür jedoch viele Informationen. In diese Reihe gehören der Kölner Absolventenkongress, die Bonding-Messen, die etwas kleinere Campus-Chances, die Konaktiva in Dortmund und Darmstadt, sowie die großen regional verankerten Messen wie die Magdeburger "Perspektiven" und die Nürnberger Akademika. Marcellus Menkes, der selbst mit dem Absolventenkongress kooperiert, schätzt die Events realistisch ein: "Auf Messen werden nicht Jobs gehandelt, sondern Informationen, dies ist nicht der Ort, wo man seine Standardbewerbung abgibt." Seine persönlichen Daten solle man nur nach sehr guten Gesprächen aus der Hand geben.

Trotzdem haben Messen wie die von einer Studenten-Initiative gegründete "Bonding", die an zehn Standorten je 60 bis 140 Firmen präsentiert, einen hohen Bekanntheitsgrad. Besucher von Internet-Diskussionsforen bewerten solche Messen als "guten Anfang auf dem Weg zum ersten Job." So loben Nutzer der Site Ciao.com die Möglichkeiten, sich nach Praktika und Diplomarbeiten zu erkundigen oder seine Bewerbungsmappe von Experten korrigieren zu lassen. Andere berichten von sehr guten Kontakten zu Personalchefs auf der abendlichen Party. "Die geführten Gespräche am Stand waren allerdings nicht nur für mich, sondern auch für den Großteil aller anderen Studenten eher uneffektiv", zeigt ein Besucher des Kölner Absolventenkongresses die Kehrseite der Medaille auf.

„Auf Messen werden nicht Jobs gehandelt, sondern Informationen.“

Gute Gespräche seien nur dann entstanden, wenn zuvor ein persönlicher Termin vereinbart wurde. Eine Aufgabe, die allerdings immer schwieriger wird, wie Franka Heiden nach ihrer Anmeldung zum Kongreß feststellen mußte: Auf Anfrage erfuhr sie, daß es bei den Unternehmen "aufgrund der derzeitigen wirtschaftlichen Lage" üblich sei, nur sehr kurzfristig nach Bedarf Interviews zu vereinbaren.

Eine bessere Kontaktqualität bieten der Kienbaum-Studie zufolge branchenspezifische Messen wie die Kölner Consulting Days für angehende Unternehmensberater oder die Jobmesse "Karrieretag", die an drei Standorten Veranstaltungen für die Branchen Maschinenbau, Wirtschaft/Vertrieb, Pharma/Gesundheit und Informationstechnologie organisiert. Der Veranstalter IQB hingegen organisiert die bundesweite Reihe "Jura-Con" in Zusammenarbeit mit Wirtschaftskanzleien sowie die Reihe Job-Con mit sowohl allgemeinen als auch branchenspezifischen Messen in den Sparten Finanz, Maschinenbau, Medizin, Handel und Vertrieb. Aber auch der einmal im Jahr von Mannheimer Studenten organisierte "Tag der Wirtschaft", der eine Jobbörse und Workshops in sein Angebot integriert, bietet eine gute Balance aus Direktkontakten und Angebotsvielfalt.

Am besten schneiden in der Kienbaum-Untersuchung allerdings die zwei branchenspezifischen Recruiting-Events ab, die im engeren Sinn gar keine Messen sind: Die Recruiting-Workshops der Dienstleister Access und Career Venture. Das Beispiel Access zeigt, warum die Teilnahme an einem solchen Intensiv-Treffen effektiver sein kann als der Besuch einer Messe mit sehr vielen Ausstellern. Bei dem deutschen Marktführer aus Köln dauern Recruiting-Workshops zwischen zwei und drei Tagen, an denen die rund 90 bis 130 Teilnehmer im Normalfall auf sechs bis zehn Unternehmen treffen. Bei den sogenannten "special"-Workshops lädt gar nur ein einziges Unternehmen zum Stelldichein, mit dem sich die Teilnehmer dann intensiv auseinandersetzen. Anders als auf einer Messe erfolgt das "Verkuppeln" von Jobsuchenden und Unternehmen so ähnlich wie bei einer Single-Kontaktbörse - erst wenn beide Seiten sich ausreichend beschnuppert haben, verraten sie dem Vermittlungsdienst, ob sie Lust auf ein Einzelgespräch haben und ob sie sich eine längere Partnerschaft vorstellen könnten.

Hier zeige sich einer der Vorteile gegenüber den großen Messen, bei denen das reine Personalmarketing im Vordergrund stehe: "Es kommt selten vor, daß jemand ohne ein Gespräch nach Hause geht", betont Andrea Graichen vom Recruiting-Dienstleister Access. Die Zielgruppen sind je nach Branche sehr klar vorgegeben. In der Regel werden Wirtschafts- und Naturwissenschaftler, Informatiker und Ingenieure angesprochen, auch wenn einzelne Firmen beizeiten nach Quereinsteigern suchen. Doch gleichgültig ob Messe oder Workshop: Für alle genannten Kontakt-Events gilt, daß es essentiell ist, sich vorbereitend über die ausstellenden Unternehmen zu informieren. Sonst geht man als einer von vielen schnell unter im Gewühl der Anzüge und Krawatten der Karrieresucher.

Text: Hochschulanzeiger Nr. 69, 2004
Bildmaterial: Anke Kuhl, Labor